Krise am Jobmarkt OECD erwartet 5,1 Millionen Arbeitslose in Deutschland

Die Wirtschaftskrise trifft den Arbeitsmarkt mit voller Wucht: Die OECD rechnet bis Ende kommenden Jahres mit einem dramatischen Anstieg der Erwerbslosenzahlen in Deutschland. Immerhin sollen die Industrienationen den Tiefpunkt der Rezession bald erreichen.


Paris - Erst die Finanzbranche, dann die Industrie - jetzt der Arbeitsmarkt: Die Wirtschaftskrise erreicht einen Sektor nach dem anderen. Laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt die Rezession in Deutschland zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit. Ende kommenden Jahres würden voraussichtlich 5,1 Millionen Menschen ohne Job sein, erklärte die OECD am Mittwoch in ihrem halbjährlichen Wirtschaftsausblick. Die Arbeitslosenquote werde 2010 durchschnittlich bei 11,6 Prozent liegen.

Arbeitsagentur: "Soziale Folgen noch lange spüren"
DDP

Arbeitsagentur: "Soziale Folgen noch lange spüren"

Etwas besser beurteilt die OECD die Konjunkturaussichten. Wie die Bundesregierung geht die Organisation zwar von einem schweren Einbruch in diesem Jahr aus - sie sagt einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 6,1 Prozent voraus. Im kommenden Jahr rechnen die Ökonomen der Organisation dann aber wieder mit einem leichten Wachstum von 0,3 Prozent.

Generell erwartet die OECD für ihre 30 Mitgliedstaaten, dass diese auf eine "Talsohle am Ende der tiefsten Rezession seit 60 Jahren" zusteuern. Die sich abzeichnende Erholung werde aber "voraussichtlich schwach und fragil bleiben, und die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise werden noch lange zu spüren sein".

Allerdings zeigt sich, dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht besonders gut dasteht. So wird das Bruttoinlandsprodukt der OECD-Länder 2009 im Durchschnitt um 4,1 Prozent schrumpfen und 2010 um 0,7 Prozent wachsen.

Auch auf dem Arbeitsmarkt trifft die Krise Deutschland härter als andere Staaten. Die Firmen hierzulande werden nach Ansicht der OECD künftig nicht mehr so oft auf Kurzarbeit setzen - sondern verstärkt zu Entlassungen übergehen. "Für die Politik besteht die größte Herausforderung darin, zu verhindern, dass die steigende Arbeitslosigkeit in strukturelle Arbeitslosigkeit mündet", mahnte die Organisation. Die Bundesregierung solle konkret über weitere Maßnahmen zur Begrenzung der Langzeitarbeitslosigkeit nachdenken.

Bruttoinlandsprodukt in ausgewählten Ländern, Prognose *

2009 2010
Deutschland -6,1 0,2
Frankreich -3,0 0,2
Großbritannien -4,3 0,0
Italien -5,5 0,4
Japan -6,8 0,7
Kanada -2,6 0,7
USA -2,8 0,9
Euro-Zone -4,8 0,0
OECD gesamt -4,1 0,7

* Veränderung im Vergleich zum Vorjahr in Prozent, Quelle: OECD

Die Experten der Bundesagentur für Arbeit rechnen ebenfalls ab Herbst mit einem kräftigen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Bereits am Ende des Jahres dürfte demnach die Marke von vier Millionen überschritten werden. Im Mai waren 3,46 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet.

Besonders skeptisch sind die Banken

Immerhin könnte die exportlastige deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr allmählich wieder auf die Beine kommen, prognostizierte die OECD: "Deutschland dürfte insbesondere von der allmählichen Belebung des Welthandels profitieren und im Zuge eines globalen Wachstumsanstiegs und einer wieder anziehenden Nachfrage nach Investitionsgütern verlorene Exportmarktanteile zurückzugewinnen."

Dagegen werde der Konsum bei steigender Arbeitslosigkeit zum Bremsklotz für die Konjunktur: Nach einer Belebung in diesem Jahr um 0,4 Prozent werde der private Verbrauch im kommenden Jahr um 0,3 Prozent schrumpfen.

Noch skeptischer ist der Bundesverband deutscher Banken (BdB). Nach seiner Einschätzung wird die deutsche Wirtschaft erst in sechs Jahren zu alter Stärke zurückfinden. Das Bruttoinlandsprodukt werde frühestens Ende 2015 wieder das Vorkrisenniveau erreichen, hieß es in einem am Mittwoch veröffentlichten Konjunkturbericht. "Die allmählich zurückkehrende konjunkturelle Zuversicht darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg aus der Rezession beschwerlich sein wird", schreibt der BdB.

Die Menschen in Deutschland selbst beurteilen die Konjunkturaussichten dagegen optimistischer. Erstmals seit Juli 2007 erwarten wieder mehr Bürger eine positive Entwicklung der Wirtschaft als eine schlechte, wie eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage für den "Stern" und für RTL ergab. Demnach seien jetzt 39 Prozent der Deutschen der Ansicht, es werde wirtschaftlich bergauf gehen. 37 Prozent befürchteten eine Verschlechterung.

Eine Woche zuvor waren die Deutschen noch mehrheitlich pessimistisch eingestellt. 38 Prozent hatten sich damals optimistisch geäußert, 40 Prozent hingegen pessimistisch. Zu Jahresbeginn waren sogar noch 48 Prozent pessimistisch eingestellt gewesen und nur 27 Prozent hatten zuversichtlich in die Zukunft geschaut. Für die Studie wurden vom Forsa-Institut 1000 Menschen befragt.

OECD-Prognose für Deutschland *

2008 2009 2010
Privater Verbrauch -0,1 0,4 -0,3
Staatskonsum 1,8 1,1 2,0
Bruttoinvestitionen 3,6 -10,9 0,2
gesamte Inlandsnachfrage 1,6 -1,7 0,1
Export 2,2 -18,9 0,9
Import 3,9 -10,8 0,9
Bruttoinlandsprodukt 1,3 -6,1 0,3
Arbeitslosenquote in Prozent 7,3 8,7 11,6

Veränderung im Vergleich zum Vorjahr in Prozent, Quelle: OECD

wal/AFP/ddp/Reuters/AP



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