Krise des Opel-Mutterkonzerns GM will 47.000 Jobs streichen und fordert riesiges Hilfspaket

Radikalkur für die US-Autoindustrie: Branchengigant GM plant den Abbau Zehntausender Stellen und bittet um bis zu 30 Milliarden Dollar Staatsgelder. Was die Tochter Opel angeht, prüft Konzernchef Wagoner "alle Optionen" - und spricht mit der Bundesregierung. Auch Chrysler will 3000 Jobs kappen.


Detroit - Dramatische Pläne von General Motors: Der Opel-Mutterkonzern und einst weltgrößte Autobauer benötigt insgesamt bis zu 30 Milliarden Dollar Staatshilfen, will weltweit 47.000 Stellen streichen, sich von vier Marken trennen und unter anderem fünf Betriebe in den USA schließen. Ähnliche Schritte kündigte auch der Wettbewerber Chrysler an.

GM-Chef Wagoner bei Krisen-Pressekonferenz: Konzern am Abgrund
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GM-Chef Wagoner bei Krisen-Pressekonferenz: Konzern am Abgrund

Ohne weitere Staatshilfen werde GM Ende März das Geld ausgehen, teilte der Konzern in der Nacht bei der Vorlage des Umbauplanes mit, den die US-Regierung angefordert hatte. Man sei voraussichtlich auf weitere staatliche Kredite über 16,6 Milliarden Dollar angewiesen - bisher hatte GM 13,4 Milliarden Dollar erhalten, um eine Pleite abzuwenden.

Was die Zukunft der deutschen Tochter Opel angeht, hat sich GM-Chef Rick Wagoner offenbar noch nicht festgelegt. "Wir sind mittendrin, mit verschiedenen Seiten zu sprechen, auch der deutschen Regierung", sagte er. Man höre sich alle Optionen an. Bisher sei noch kein Käufer aufgetaucht, antwortete er auf Fragen nach einer möglichen Trennung von Opel - und wich einer Festlegung aus, ob Werksschließungen geplant sind.

Das Sanierungsprogramm beinhalte für Europa die Schließung oder den Verkauf von Werken, teilte GM mit - nannte aber keine Details, welche Tochterfirmen oder Betriebe es treffen könnte. Auch im Plan selbst finden sich keine konkreten Hinweise darauf.

Stattdessen steht in dem Restrukturierungskonzept, GM sei in "Diskussionen mit der deutschen Regierung" über weitere Unterstützung (siehe PDF unten, Seite 14). Eine nachhaltige Strategie für das Geschäft in Deutschland und Europa könne Partnerschaften mit "der deutschen und/oder anderen europäischen Regierungen" beinhalten. Man erwarte eine Lösung für Liquiditätsprobleme in diesem Markt noch vor Ende März, schreibt GM in dem Konzept, denn in Europa gebe es voraussichtlich nur 2009 und 2010 ein Absatz- und damit Finanzproblem (PDF, Seite 28). Ab 2011 könne es dank guter Modellpolitik und schon abgeschlossener Reformen bei GM Europe wieder aufwärts gehen. Man rede mit den europäischen Regierungen derzeit also vor allem über eine kurzfristige Überbrückung. Explizit erwähnt werden neben Deutschland Großbritannien (mit der Marke Vauxhall) und Schweden (mit der akut insolvenzbedrohten Tochter Saab).

Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte am Dienstag berichtet, im Zuge der größten Umstrukturierung in der Unternehmensgeschichte prüfe GM die Schließung oder den Verkauf von drei Opel-Werken in Europa. Die Fabriken in Bochum und im belgischen Antwerpen könnten geschlossen sowie das Werk in Eisenach veräußert werden. Betriebsräte wiesen diese Darstellung als Panikmache zurück. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), der gerade durch die USA reist und am Mittwoch mit der GM-Spitze reden will, warnte vor Werksschließungen: "Ich möchte, dass hier jeder Manager weiß, dass er nicht einfach in Amerika Entscheidungen treffen kann, die dann in Deutschland, in Europa, in Nordrhein-Westfalen geschluckt werden müssen."

Opel in Deutschland: Traditionsmarke mit Krisenerfahrung
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Die Wurzeln
Das 146 Jahre alte Traditionsunternehmen Opel produzierte ursprünglich Nähmaschinen und Fahrräder. Erst später entwickelte es sich zum größten deutschen, europaweit tätigen Autohersteller. 1929 übernahm der US-Konzern General Motors die Adam Opel AG - für den seinerzeit enormen Betrag von 33,4 Millionen Dollar.

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Die Krisenzeiten
In den neunziger Jahren geriet der Autobauer erstmals in heftige Turbulenzen: 1997 fuhr die Adam Opel AG mit 228 Millionen Mark erstmals in die Verlustzone. Es folgten Sparprogramme unter dem später in die Führung von GM-Europe aufgerückten Manager Carl-Peter Forster. Zurzeit leidet Opel vor allem unter den Problemen des Mutterkonzerns: General Motors droht angesichts eines massiven Absatzeinbruchs das Aus.

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Das Werk in Rüsselsheim
Rüsselsheim in Hessen ist der Stammsitz des 146 Jahre alten Unternehmens. Hier arbeiten 18.300 Mitarbeiter. Neben der Zentrale ist hier das Internationale Technische Entwicklungszentrum und ein neu errichtetes Werk angesiedelt (Jahreskapazität: 270.000 Einheiten). Dazu kommt noch das Testcenter im nahen Dudenhofen.

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...Bochum
Seit 1962 ist Opel am Standort Bochum in Nordrhein-Westfalen tätig. Mittlerweile werden drei Werke auf einem ehemaligen Zechengelände betrieben. Die 5300 Mitarbeiter stellen vor allem den Astra, Zafira, Achsen und Getriebe her. 2007 wurden rund 240.000 Fahrzeuge gebaut.

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...Kaiserslautern
In Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz stellen rund 1200 Mitarbeiter Vierzylinder-Leichtmetall-Ottomotoren und Vierzylinder-Turbodieselmotoren mit Commonrail-Kraftstoffeinspritzung her. Im Komponentenwerk sind weitere 2300 Mitarbeiter tätig. Opel ist seit 1966 in Kaiserslautern.

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...Eisenach
Bei der Opel Eisenach GmbH in Thüringen produzieren 1900 Mitarbeiter den neuen Corsa. Das Werk machte 1992 kurz nach der Wende auf.

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Hummer wird verkauft, Zahl der Marken halbiert

Bei GM in den USA soll die Zahl der Beschäftigten von 92.000 bis Ende 2012 auf 72.000 verringert werden. Weltweit sollen 47.000 Arbeitsplätze wegfallen, darunter 10.000 Vollzeitarbeitskräfte und 37.000 Beschäftigte auf Stundenlohnbasis.

Die Zahl der in den USA angebotenen Marken wird dem Sanierungsplan zufolge von acht auf vier halbiert: Übrig bleiben Chevrolet, Buick, Cadillac und GMC. Hummer soll verkauft werden; eine Entscheidung wird bis Ende März erwartet. Die Marke Saturn soll bis Ende 2011 eingestellt werden. Für Pontiac und Saab werden die verfügbaren Optionen noch geprüft.

Die geplanten Kostensenkungen sollen zur Sanierung des Konzerns beitragen und ihn in die Lage versetzen, die Kredite zurückzuzahlen. Dies soll ab 2012 beginnen und bis 2017 abgeschlossen sein.

GM und Chrysler mussten der US-Regierung bis Dienstag eine Strategie vorlegen, wie dauerhaft das Überleben gesichert werden soll. Das US-Finanzministerium sichtet die Pläne nun und entscheidet bis zum 31. März, ob es weiteres Geld bereitstellt.

US-Regierung schließt Insolvenz noch nicht generell aus

Die US-Regierung appellierte noch in der Nacht an alle Seiten, sich für ein Überleben der Konzerne einzusetzen. Von allen Beteiligten - Gläubigern, Zulieferern, Händlern, Gewerkschaften und Management - werde noch mehr verlangt, um die künftige Lebensfähigkeit der Unternehmen zu garantieren, sagte Robert Gibbs, Sprecher des Präsidenten Barack Obama. Ein geordnetes Insolvenzverfahren schloss er nicht generell aus, man werde aber erst mal die Sanierungspläne prüfen.

Die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, sagte, sie hoffe, dass jetzt eine Grundlage für die Erneuerung der Branche geschaffen ist. Der Kongress werde mit der Regierung eng zusammenarbeiten, um die Wettbewerbsfähigkeit der Konzerne wiederherzustellen - dabei aber die Verantwortung gegenüber den Steuerzahlern nicht aus dem Auge verlieren.

Einschnitte auch bei Chrysler

Kurz vor GM hatte auch Chrysler drastische Sparpläne veröffentlicht. Der drittgrößte US-Autohersteller kündigte in seinem am Dienstag der US-Regierung vorgelegten Sanierungsplan den Abbau von weiteren rund 3000 Stellen und den Wegfall der drei Modellreihen PT Cruiser, Aspen und Durango an. Der Konzern will von der US-Regierung nochmals mindestens fünf Milliarden Dollar an Notkrediten haben. Bislang hat er vier Milliarden Dollar erhalten.

Die Fixkosten sollten 2009 um 700 Millionen Dollar gesenkt und die Fertigungskapazität um 100.000 Autos verringert werden. Von den Zulieferern erwarte Chrysler "substantielle Kostenreduktionen". Das Unternehmen gehe jetzt noch für 2009 von 10,1 Millionen verkauften Autos in den USA quer durch alle Hersteller aus. Dies sei der niedrigste Stand seit 40 Jahren, hieß es in dem Plan, den der Konzern der US-Regierung übermittelte.

Das Konzept zeige, dass Chrysler allein überleben könne, teilte der Konzern mit. Die Lage könne durch die bei Klein- und Mittelklassewagen angestrebte Allianz mit dem italienischen Fiat-Konzern verbessert werden. Außerdem habe man die von der US-Regierung geforderten Zugeständnisse der Gewerkschaft UAW und der Chrysler-Gläubiger grundsätzlich erzielt. Die Regierung hatte für weitere Hilfen unter anderem niedrigere Löhne auf dem Niveau ausländischer Hersteller in den USA sowie eine Umschuldung verlangt.

Chrysler gehört überwiegend dem US-Finanzinvestor Cerberus. Knapp 20 Prozent hält noch der deutsche Daimler-Konzern, der sich von dem Anteil aber so schnell wie möglich trennen will.

Die US-Autogewerkschaft UAW bestätigte eine vorläufige Einigung mit Chrysler, General Motors und dem zweitgrößten US-Autobauer Ford zur Änderung der Verträge von 2007. Die Gespräche darüber dauerten jedoch noch an, sagte UAW-Präsident Ron Gettelfinger. Im Mittelpunkt standen geplante Zahlungen der Unternehmen in Treuhänderfonds. Nähere Einzelheiten nannte Gettelfinger zunächst nicht.

als/AP/dpa/Reuters/AFP

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