Von Stefan Kaiser
Hamburg - Die Uhr läuft ab. Mit jeder Stunde, in der sich Zypern, die Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) nicht auf ein neues Rettungsprogramm einigen, wird der Bankrott des Landes wahrscheinlicher. Spätestens am Montag ist Schluss. Diese Frist hat nicht etwa die europäische Politik gesetzt, sondern die Europäische Zentralbank (EZB). Und allen voran ihr Chef: Mario Draghi. Er will den zyprischen Banken zum Beginn der kommenden Woche den Geldhahn abdrehen. Die zwei größten Institute wären sofort pleite, der Staat würde ihnen womöglich bald folgen.
Draghis Rolle in der Zypern-Krise ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die sich schon seit langem andeutet: Der Italiener ist zur wichtigsten Figur in der Euro-Krise geworden. Wo die Regierungen sich gegenseitig lähmen, übernimmt die EZB die Rolle des Entscheiders.
Draghi hat mit seinem Ultimatum den Druck erhöht: nicht nur auf Zypern, sondern auch auf die europäische Rettungspolitik. Ließe man die Regierungen der Euro-Staaten alleine weiterverhandeln, sie würden sich wahrscheinlich noch monatelang über Zwangsabgaben, Solidaritätsfonds und Privatisierungen streiten. Ein Blick nach Griechenland zeigt, wie so etwas aussehen kann. Dort werden seit fast drei Jahren ständig neue Rettungsprogramme verabschiedet - und die darin festgehaltenen Bedingungen und Voraussagen ständig gerissen.
Eine Wiederholung der griechischen Tragödie hat Draghi per EZB-Dekret nun wahrscheinlich verhindert. Doch zu welchem Preis? Wenn er und seine Kollegen im EZB-Rat Wort halten, dann müssen sie am Montag womöglich Zypern und die gesamte Euro-Zone ins Chaos schicken. Damit würde Draghi ein anderes Wort brechen, das er Europa und der Welt im vergangenen Sommer gegeben hat. "Die EZB wird im Rahmen ihres Mandats alles Notwendige tun, um den Euro zu retten", hatte er damals auf einer Londoner Konferenz gesagt. "Und glauben Sie mir, es wird reichen."
Kritiker werfen Draghi Insolvenzverschleppung vor
Diese beiden Sätze sind historisch. Wenige Wochen später beschloss die EZB ein Programm zum unbegrenzten Aufkauf von Staatsanleihen. Alleine die Ankündigung reichte aus, um die Unsicherheit von den Finanzmärkten zu vertreiben. Die Investoren glaubten Draghis Versprechen - und liehen Ländern wie Spanien und Italien plötzlich wieder günstiger Geld. Selbst in den vergangenen Tagen, als die Krise in Zypern eskalierte, blieb es an den Finanzmärkten erstaunlich ruhig. Der Grund dafür dürfte das fast schon grenzenlose Vertrauen sein, dass Draghi es schon richten wird.
Nun muss der EZB-Chef beweisen, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist. Doch das dürfte nicht so einfach sein. Bis vor kurzem galt ihm ein Staatsbankrott Zyperns noch als gefährliches Szenario: "Zypern hat eine kleine Ökonomie, aber die systemischen Risiken sind nicht klein", hatte Draghi gesagt. Jetzt wird er es womöglich sein, der den Stecker für das Land zieht.
Dabei sind die Notenbanker eigentlich nur dazu da, für stabile Preise zu sorgen. Doch dieses Mandat hat die Bank unter Draghis Ägide arg strapaziert. Wo immer über ein neues Rettungspaket oder um die Umsetzung nationaler Sparmaßnahmen verhandelt wird, sitzen Draghis Leute mit am Tisch.
Diese Omnipräsenz wird zunehmend kritisch gesehen. Wie seine Notenbankkollegen ist auch Draghi nicht vom Volk gewählt, sondern nur von den Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone bestimmt. Darf so jemand so viel Macht haben?
Die EZB habe das Drama in Zypern erst möglich gemacht, monieren viele Kritiker. Schließlich genehmigten die Währungshüter über Monate die Notfinanzierung der beiden großen zyprischen Banken durch die Notenbank des Landes, weil die normalen Leihgeschäfte der Geldhäuser mit der EZB nicht mehr zu verantworten waren. Rund zehn Milliarden Euro sind so in den ohnehin maroden Finanzsektor des Landes geflossen. Insolvenzverschleppung nennen das Draghis Kritiker.
Nun hat die EZB mit dem Ende dieser Nothilfen gedroht - und damit alles aufs Spiel gesetzt. Geht seine Strategie auf, systematisch den Druck auf die Verhandlungspartner zu erhöhen, wird man Draghi vielleicht als Krisenlöser feiern. Scheitert sie, dürfte auch die letzte europäische Institution das Vertrauen der Finanzmärkte verloren haben.
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