Krise Manager und Ökonomen widersprechen Merkels Optimismus

Kanzlerin Merkel lädt zum Krisengipfel - und verbreitet Optimismus: Sie habe die Hoffnung, "dass wir langsam am Tiefpunkt angekommen sind". Doch Ökonomen schrauben ihre Prognosen drastisch nach unten, BASF-Chef Hambrecht warnt gar: "Die schlimmsten Zeiten liegen noch vor uns."


Hamburg - Es ist die Crème de la Crème der deutschen Wirtschaft, die sich an diesem Mittwoch im Kanzleramt versammelt: Manager, Verbandsvertreter, Gewerkschafter. Sie kommen zusammen, um Wege aus der Krise zu beraten. Dabei gehen die Einschätzungen von Wirtschaft und Politik weit auseinander.

BASF-Werk in Ludwigshafen: "Es wird immer enger"
DDP

BASF-Werk in Ludwigshafen: "Es wird immer enger"

Vor wenigen Tagen, auf der Hannover Messe, äußerte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Hoffnung, "dass wir langsam am Tiefpunkt angekommen sind". Auch Vertreter von SPD und CSU geben sich abwartend: Ein drittes Konjunkturpaket werde in absehbarer Zeit nicht benötigt, lässt Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) ebenso verbreiten wie CSU-Chef Horst Seehofer.

Diesen politischen Optimismus teilt jedoch nicht jeder Experte in der Wirtschaft. Im Gegenteil: Der Vorstandschef des Chemieriesen BASF, Jürgen Hambrecht, erwartet bis Mitte, unter Umständen sogar Ende 2010 keine grundlegende Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. "Ich gehe davon aus, dass die schlimmsten Zeiten noch vor uns liegen", sagte er dem manager magazin. "Es wird immer enger, weltweit."

Betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen

Von der Politik forderte der BASF-Chef, die Folgen der Krise abzufedern, indem sie die Kurzarbeiterregelung von 18 auf 24 Monate verlängere. Hambrecht sagt, es sei ihm eine "Herzensangelegenheit", so viele Arbeitsplätze "wie wirtschaftlich möglich zu erhalten". Dennoch schloss er für das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen betriebsbedingte Kündigungen nicht aus.

Ähnlich pessimistisch zeigen sich die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Insider berichten, dass im Frühjahrsgutachten für dieses Jahr ein noch deutlich stärkerer Konjunktureinbruch angenommen werde als bisher. Das Bruttoinlandsprodukt werde den Instituten zufolge um sechs Prozent schrumpfen, meldet die Nachrichtenagentur Reuters.

Der von den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten in diesem Jahr erwartete Konjunktureinbruch fällt im zweiten Quartal besonders heftig aus. Für die Monate April bis Juni rechneten die Institute in ihrem Frühjahrsgutachten mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 8,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, hieß es aus dem Umfeld des Konjunkturgipfels. Im ersten Quartal werde ein Minus von 6,3 Prozent erwartet. Sowohl bei den Investitionen als auch bei den Exporten sei mit einem drastischen Rückgang zu rechnen. Für 2010 werde sich die Wirtschaft ein wenig erholen, allerdings nochmals leicht um 0,5 Prozent schrumpfen.

Dass die Forschungsinstitute nun ein noch stärkeres Minus vorhersagen, ist für Kanzlerin Merkel ein herber Dämpfer - zumal die Bundestagswahl im September immer näher rückt. Die Bundesregierung erwartet laut einem Pressebericht einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr von fünf Prozent. Offiziell wird diese Zahl noch nicht bestätigt.

DGB-Boss warnt vor sozialen Unruhen

Für den Arbeitsmarkt bedeutet die Prognose der Institute in diesem Jahr einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen auf durchschnittlich 3,7 Millionen, schreibt Reuters. 2010 werde im Schnitt sogar mit 4,7 Millionen Arbeitslosen gerechnet.

Skepsis kommt auch von Bundesbankpräsident Axel Weber. Er sieht bislang keine deutlichen Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung. Europas Wirtschaft habe in den ersten drei Monaten des Jahres mehr nachgegeben als erwartet, sagte er der "Financial Times". Bisher gebe es keine klaren Signale, dass sich die Lage in Deutschland und Europa einpendle. Auch die Weltwirtschaft befinde sich immer noch inmitten eines deutlichen Abschwungs.

Am Mittwochvormittag ist Merkel mit rund 40 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im Kanzleramt zusammengekommen, um über die aktuelle Konjunkturlage zu sprechen. Am Nachmittag wollen Finanzminister Steinbrück und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) über das Treffen Auskunft geben.

Bereits im Vorfeld machten die Gewerkschaften Druck. Sie fordern ein neues Konjunkturpaket von rund hundert Milliarden Euro. Sollte es zu Massenentlassungen kommen, befürchtet DGB-Chef Michael Sommer sogar soziale Unruhen in Deutschland.

Energiekonzern E.on teilt Merkels Optimismus

Wie dramatisch sich die Krise mittlerweile auswirkt, zeigt sich auch beim Insolvenzgeld. Die Kosten hierfür explodieren: Im ersten Quartal 2009 zahlte die Bundesagentur für Arbeit 243 Millionen Euro an Mitarbeiter zahlungsunfähiger Unternehmen. Das waren 70 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum, sagte eine Behördensprecherin. Ursprünglich waren für die ersten drei Monate dieses Jahres nur 161 Millionen Euro eingeplant.

Düstere Nachrichten auch bei Siemens: Der Industriekonzern will die Kurzarbeit stark ausweiten. "Derzeit haben wir 12.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit und gehen davon aus, dass die Zahl bis Juni auf bis zu 19.000 steigen kann", sagte Personalvorstand Siegfried Russwurm der "Bild"-Zeitung. "Wie es weitergeht, kann ich derzeit nicht voraussagen."

Immerhin: Unterstützung erhält die Kanzlerin von E.on-Chef Wulf Bernotat. Er sagte dem Magazin "Cicero": "Ganz so düster wie vor einem halben Jahr sieht die Welt nicht mehr aus." Er rechne damit, dass "sich die Märkte noch in diesem Jahr auf niedrigerem Niveau stabilisieren und wir keine weiteren Einbrüche mehr erleiden müssen".

wal/ssu/dpa-AFX/ddp/Reuters

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