Intellektuelle in der Krise Schlau sein hilft!

Es ist gerade arg in Mode, Intellektuellen vorzuwerfen, dass sie das Volk nicht verstehen. Dabei brauchen wir dringend neue Denker - statt angeblicher Volksversteher wie Trump und andere.

Wall Street im Oktober 1929
AFP

Wall Street im Oktober 1929


Je später die Krise, desto irrer die Deutungen. Das ist bei wirtschaftlichen Krisen so - da werden irgendwann Geister beschworen, das Ende des Standorts, des Bargelds und überhaupt.

Das scheint auch bei eher gesellschaftlichen Schwierigkeiten so zu sein. Im Moment ist Volkes Zorn und Populistenhoch damit zu erklären, dass, na ja, die Intellektuellen nicht nah genug am Volk sind. Anders als dieser rasend-emphatische Gutmensch Donald Trump. In der "Zeit" ist zu lesen, die liberalen Eliten hätten einfach kein Verständnis für die Abgehängten. Der US-Autor Michael Lind fordert gar, jeder Intellektuelle solle ein, zwei Jahre in einem Hotel oder Einkaufszentrum arbeiten. Selbstkasteiung.

Jetzt trifft das natürlich unseren Sinn für Spott und Häme. Sollen die Feindenker auch mal mit der Verkäuferin Milchtüten auspacken. Klar. Wobei nicht ganz sicher ist, ob die das überhaupt so toll findet, wenn nach etlichen Minijobbern jetzt auch noch ständig irgendwelche Intellektuelle kommen, um ihr die Arbeit abzunehmen, damit die nachher im Literaturkreis sagen können, sie hätten ja auch mal eine richtige Verkäuferin kennengelernt. Die Frage ist vor allem, ob die Welt dadurch besser wird.

Klar helfen uns akut jetzt Leute nicht so viel weiter, die bei einem lecker Afternoon-Tee über die Verzweigungen zwischen Renaissance und Autoritarismus der Neuzeit sinnieren (ergibt wahrscheinlich auch keinen Sinn). Und man kann auch darüber klagen, dass sich in unserer Zeit ein gewisser Hang entwickelt hat, dem gemeinen Volk nahezulegen, dass es gut ist, sagen wir, plötzlich nur noch komisches Grünzeug zu essen. Das kommt bei denen nicht an, die froh sind, über die Runden zu kommen - und von Job zu Job springen; oder real an Einkommen verlieren.

Ob die glücklicher werden, wenn ständig Intellektuelle auf den Schoß kommen, um mal zu gucken, wie das so ist, wenn man Verlierer ist? Nicht sicher.

Naiv-liberale Globalisierung

Wenn wir in einer Welt leben, in der sich eine Menge Leute in vielen Ländern gleichzeitig abgehängt oder nicht mehr vertreten fühlen, liegt das ja nicht daran, dass nicht oft genug Besuch vom Journalisten kommt. Dann muss es irgendwas sein, was überall ähnlich real wirkt.

Da spricht einiges dafür, dass das mit jener naiv-liberalen Globalisierung zu tun hat, die lange fast alles diktiert hat. Dass ein guter Teil der Leute über Jahre immer nur gehört hat, dass sie verzichten müssen - weil man sich dies und jenes nicht mehr leisten kann. Und weil sonst andere es kostengünstiger machen. Oder weil dann gleich Billigarbeiter zu uns kommen. Dann aber Milliarden da sind, um Banken zu retten.

Dass es wichtig ist, den Kündigungsschutz zu lockern oder Minijobs einzuführen - weil sonst, klar, die Globalisierung alles übernimmt. Was de facto den Druck erhöht hat - nicht nur auf Leute, die einfache Arbeit haben, sondern auch auf viele, die zur Mittelschicht gehören (oder es meinen). Und die gar keine haben. Während andere sich den ganzen Tag Gedanken darüber machen, wie sie ihr vieles schönes Geld am besten vor dem Finanzamt retten. Und Politiker vor lauter Delegation eigener Kompetenzen an die Märkte einen immer hilfloseren Eindruck hinterlassen.

Wenn das stimmt, liegt die Ursache einfach auch nicht darin, dass irgendwer zu intellektuell war. Das kann man Ronald Reagan und Helmut Kohl - die das Globalisierungs- und Liberalisierung-Ding in den Achtzigern losgetreten haben - nun wirklich nicht vorwerfen. Die fanden es sogar hip, Berater zu haben, die ihr Weltbild auf eine Serviette malen konnten, wie jener Arthur Laffer, der frech behauptete, dass man (den Reichen) nur genug Steuern erlassen muss, damit der Staat reich wird. Deutsche Wirtschaftsliberale nehmen da gern Bierdeckel. So einfach ist die Welt.

Das wahre Problem ist dann, wenn überhaupt, dass wir zu wenig Intellektuelle hatten, also Leute, die sich vorher Gedanken gemacht haben, was man mit einer ziemlich unkoordinierten Globalisierung (neben vielem Positivem) an Nebenfolgen anrichten kann - und ob Menschen damit klarkommen, die nicht ständig durch die Welt jetten. Was man sich ja durchaus durch Nachdenken hätte erarbeiten können.

Dann ist das Dilemma, dass man nicht genug in Geschichtsbüchern gelesen - oder Oma gefragt - hat, wie das war, als man schon einmal so eine Finanzliberalisierung versucht hat, die wie diesmal auch zum Crash (1929) und einer Menge ähnlicher und schlimmerer Desaster führte. Damals kamen irgendwann auch welche, die deklarierten, dass Intellektuelle mies sind. Der Ausgang für Deutschland ist bekannt. Das lernt man nicht bei der Verkäuferin auf dem Sofa (es sei denn bei Oma).

Gedanken über das Große

Was wir jetzt brauchen, sind mehr Leute, die sich darüber Gedanken machen - über das Große. Darüber, wie eine Finanzbranche funktionieren kann, die uns nicht (ständig) an ihren Desastern teilhaben lässt. Wie man in einer Welt mit Nullzinsen dafür sorgt, dass unsere Banken nicht pleitegehen - und Sparer bald wieder Erträge bekommen. Oder wie man zusieht, dass Wettbewerb nicht dazu führt, dass immer dieselben verlieren - ohne deshalb alle Grenzen gleich zuzumachen. Oder dass nicht nur die Reichen immer reicher werden.

Dafür braucht man Experten, die sich damit auskennen, wie ein Währungssystem funktioniert - oder Welthandel auf das Reichtumsgefälle wirkt. Also Denker. Für, sagen wir, eine Volksglobalisierung. Und keine Praktikanten im Supermarkt (was natürlich auch nicht schadet). Damit dem Volk am Ende nicht alles um die Ohren fliegt.

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insgesamt 213 Beiträge
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Seite 1
trackingerror 12.08.2016
1.
Schon lustig. In einer Welt, in der die Fachkompetenzen weniger zählen als die "Chemie", sich diesen Stuss durchlesen zu müssen. Denn vom vermeintlichen Proletariat gibt es nicht Wenige, die wegen "mangelnder Kompatibilität" zur Eliteklasse abgelehnt werden. Zudem fördert diese Konsumgesellschaft die geistige Leere. Solange man dem Kapitalismus alles unterordnet, wird sich das auch nicht ändern. Nein, nicht mangelnde Intelligenz ist unser Problem, sondern eher die fehlende geistige Reife von sovielen Menschen.
Dark Agenda 12.08.2016
2. Was sind Intellektuelle?
In den Medien steht dies immer synonym für Schriftsteller, Schauspieler, Künstler und Philosophen. Sollten wir uns von Leuten wie Grass (rip) oder Habermas regieren lassen oder Safranski und Sloterdijk? Es reicht doch wenn die Geisteswissenschaft sich immer in den Medien in fachfremde Belange einmischen die sie auch nicht verstehen. Wie neulich der dumme Artikel, der sich darüber echauffierte, dass in der IT so viele Abkürzungen verwendet werden von einem der "Geistesgrößen". Wir brauchen mehr Technokraten, Ingenieure, Menschen die mit realen Problemstellungen arbeiten, meinetwegen dürfen auch Physiker Kanzler werden. ;P
De facto 12.08.2016
3. Die Antworten sind da
Sei es denn die Euroeinführung, Bankenkrise oder Globaliesierung, die Antworten kennen wir und auch was zu tun ist aber das politische System versagt. Es ist allgemein bekannt dass das Eurokonstrukt fehlerhaft ist und das die Banken unterkapitalisiert sind. Aber Es gibt zu viele die zu viel zu verlieren hat wenn man das Richtige tun würde - die Vertreter wollen wiedergewählt werden und spielen auf Zeit und hoffen auf das beste.
Olaf 12.08.2016
4.
Natürlich kann man weiterhin die kleinen Leute ignorieren, muss sich dann aber auch nicht über Brexit und Trump wundern, denn die schöne, neue Welt hat auch Verlierer die nirgendwo erscheinen. Der Chefredakteur der Washington Post, Martin Baron, hat das sehr schön auf den Punkt gebracht. ---Zitat--- Die Arbeiterklasse hat das Gefühl, dass sie ignoriert wird. Sie wurde von ihren Politikern ignoriert und von der Presse. Sie sieht, dass sie wirtschaftlich an Boden verliert. Sie sieht weniger Chancen für ihre Kinder und andere Familienmitglieder. Sie hat nicht sonderlich viel Hoffnung auf die Zukunft. Und in vielen Fällen sucht sie nach einfachen Antworten und nach jemandem, dem sie die Schuld geben kann. Wir haben keine gute Arbeit dabei geleistet, das aufzugreifen und darüber zu schreiben. ---Zitatende--- http://www.welt.de/politik/ausland/article157582626/Wie-Journalisten-die-USA-vor-Trump-retten-koennen.html Man kann das sehr gut auf Deutschland übertragen, der SPON ist ein gutes Beispiel. Zahllose Artikel beschäftigen sich einerseits mit H4-Empfängern und Flüchtlingen und dann wieder mit den Problemen junger Studenten. Die gesellschaftlichen Schichten dazwischen finden kaum Erwähnung. ---Zitat--- Mainstreamjournalisten in den USA schenken den Armen Aufmerksamkeit, den Reichen und der oberen Mittelschicht. Weil sie selbst tendenziell zur oberen Mittelschicht gehören. Sie glauben, dass sie zur Mittelschicht gehören, aber das stimmt nicht, wenn man sich die Gehälter anschaut, zumindest was Journalisten der großen nationalen Nachrichtenorganisationen anbelangt. Sie gehören tatsächlich zur oberen Mittelschicht. ---Zitatende---
mietzmutz1 12.08.2016
5. Herr Fricke
...sieh vermischen in Ihrer Meinungsäusserung schlaue kluge Menschen und intellektuelle Menschen. Beides schliesst sich selbstverständlich nicht aus, ist aber zusammentreffend nicht sehr häufig zu finden. Da ihr Artikel auch noch leicht auf einer kleinen Welle Arroganz schwimmt, frage ich mich warum die "Intellektuellen", allein im letzen Jahrhundert soviel Unbill und Leid über die Menschheit bringen konnten? Sie scheinen dieser Spezies ja "mehr" zuzutrauen.
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