Krisenbank UBS Milliarden verzockt - auf dem Rücken der Kleinsparer

Ein Bankenriese bebt: Die UBS hat auf dem US-Immobilienmarkt mehr Geld verbrannt als jede andere Bank. Viel zu spät stieg sie in den Handel mit Ramschpapieren ein, viel zu lange kaufte sie weiter. Eine Blamage für den Bankenplatz Zürich.

Von Michael Soukup


Hamburg - Ein Riese gerät ins Wanken. Und die Kleinsparer rennen, um ihr Geld zu retten. "Ich versuche, Bargeld abzuziehen", "eine Katastrophe" und "gut, dass der Ospel endlich geht", sagten aufgebrachte Passanten am Zürcher Paradeplatz laut Schweizer Radio. Die Großbank UBS schreibt tiefrote Zahlen und gerät weiter in den Strudel der Finanzkrise. An diesem Dienstag musste die größte Schweizer Bank nochmals Rekordabschreibungen von zwölf Milliarden Euro bekannt geben. Damit hat sie bereits 25,6 Milliarden Euro auf dem amerikanischen Immobilienmarkt verloren - mehr als jede andere Bank der Welt.

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Jetzt müssen personelle Konsequenzen her. Der Abgang des langjährigen UBS-Präsidenten Marcel Ospel war längst überfällig - darin waren sich die "Neue Zürcher Zeitung" und Kleinsparer einig. Nun hat der aus einfachen Kleinbasler Verhältnissen stammende Verwaltungsratspräsident nach monatelangem Zögern seinen Rücktritt bekannt gegeben, nach 27 Jahren bei der UBS. Die Entscheidung habe er am Montagabend getroffen, hieß es. "Ich betrachte meinen Beitrag als erfüllt und bin sehr zuversichtlich für die künftige Entwicklung der UBS."

Die Börse quittierte den Abgang des mächtigsten Managers der Schweiz mit einem Kursfeuerwerk. Doch der Schaden bleibt und die Probleme ungelöst. "Ospel hat in kürzester Zeit das in vielen Jahren aufgebaute Renommee der Großbank verspielt", kommentierte die "NZZ". Erinnerungen an die Liquidation der Swissair werden wach. Im Herbst 2001 stellte die einst so stolze Schweizer Fluggesellschaft ihren Betrieb mangels Kapital vorübergehend ein.

Ironischerweise war die UBS als Hausbank der Fluggesellschaft mit in das Debakel verwickelt. Noch heute wird Ospel vorgehalten, er sei am Schicksalstag der Swissair nicht in der Konzernzentrale erreichbar gewesen. Vergeblich versuchte der CEO der Fluggesellschaft, ihn anzurufen, um die dringend benötigte Geldspritze bewilligt zu bekommen. Doch Ospel flog lieber zu einem bankinternen Termin nach New York.

Der Vorfall zeigt beispielhaft, wo die UBS ihre Prioritäten setzte. Nicht am Zürcher Paradeplatz, sondern an der Wall Street. Mit der Übernahme der amerikanischen Investmentbank Paine Webber wollte sie zu einem der ganz großen Player in den USA aufsteigen. "Eine Attacke auf die Ranglisten im Investmentbanking ist oberste Priorität für uns", sagte Rick Leaman, Co-Chef der UBS-Investmentbank. Die aggressive Aufholstrategie erforderte neue, vor allem teure Leute und eine höchst riskante Investitionspolitik.

Möglich wurde das durch die besondere Lage auf dem Schweizer Heimatmarkt. Kleinsparer erhalten in der Schweiz für ihre Einlagen einen erbärmlichen Zins. Während in Deutschland die Finanzinstitute Tagesgeld mit satten drei bis fünf Prozent verzinsen, beträgt der Sparzins in der Schweiz ein kümmerliches Prozent. "Würde Wettbewerb wie in Deutschland herrschen, müssten die Banken ihren Schweizer Kunden jährlich mehrere Milliarden Franken mehr Zins abtreten", schrieb unlängst der Zürcher "Tages-Anzeiger". So kam die UBS zu spottbilligen Spielgeld für ihre erfolgssüchtigen Investmentbanker.

Notlösung für die Nachfolge

Doch der Platzhirsch vom Zürcher Paradeplatz beging Kapitalfehler. Die UBS deckte sich erst 2006 mit drittklassigen Wohnbauhypotheken ein und kaufte Anfang 2007 weiter fleißig - obwohl sich ein Crash bereits abzuzeichnen begann. "Sie sind zu spät und zu massiv eingestiegen", sagt Arthur Rutishauser, profunder UBS-Kenner und Wirtschaftschef des Schweizer "Sonntag". "Und dann versuchten sie, viel zu spät wieder auszusteigen." Doch im Frühsommer 2007 wollte den Schweizern niemand mehr ihre Ramschpapiere abkaufen. Die UBS steht damit ganz im Gegensatz zur zweiten Schweizer Großbank, der Credit Suisse, die bis jetzt mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Ihre Risikospezialisten hatten die Bankführung schon Ende 2006 auf die wachsenden Risiken aufmerksam gemacht.

Ausgerechnet an diesem Dienstag hatte die Eidgenössische Bankenkommission (EBK), die in der Schweiz die Banken beaufsichtigt, ihre Jahrespressekonferenz. Daniel Zuberbühler, Direktor der EBK, erklärte, man habe wegen der Immobilienkrise regelmäßig mit UBS und CS in Kontakt gestanden. "Die UBS beantwortete Anfang März 2007 unsere Frage nach ihrer Risikoexposition im Subprime-Markt mit der beruhigenden Feststellung, die Investmentbank sei voll abgesichert, ja sogar überabgesichert."

In diesem Licht erscheint eine Aussage Ospels aus dem Jahre 2005 geradezu unheimlich. "Wir würden doch nicht von Aufsichtsbehörden und Rating-Agenturen für unsere Vorsicht ausgezeichnet, wenn wir eine übermäßig risikobelastete Bilanz hätten", sagte der Bankenchef im Schweizer "Magazin". "Wir wollen doch keine hohen finanziellen Risiken nehmen." Dazu der Schweizer Bankenaufseher: "Im Rückblick hätte es sich gelohnt, gerade diese Antwort der Bank gründlich zu hinterfragen."

Wie geht es nun weiter? Die UBS wünschte sich für Ospel einen Nachfolger von außerhalb. Mit dem UBS-Chefjuristen Peter Kurer fand sich offensichtlich nur eine suboptimale Lösung. Der 59-Jährige hat in Zürich Rechtswissenschaft studiert, nebenbei für die "NZZ" geschrieben und anschließend eine langjährige Karriere in Zürcher Wirtschaftskanzleien gemacht.

Vielleicht ist er der ideale Mann, um mit den unzähligen Klagen gegen die UBS und einer bevorstehenden Aufteilung der Bank umzugehen. Seit geraumer Zeit wird über eine Abspaltung des Investmentarms beziehungsweise den Verkauf der wenig ertragreichen Vermögensverwaltung in den USA spekuliert. Die UBS dementierte beides. Übernommen wird der Schweizer Bankenkoloss wohl nicht zu schnell. Seine Konkurrenten geht es kaum besser.

Doch zunächst wird Peter Kurer mal ausrechnen müssen, wie viele Banker ihren Job verlieren. Die UBS geht zwar davon aus, dass in erster Linie die Filialen in New York und London betroffen sein werden. Doch "Zürich wird auch am Rande gestreift". Klar ist, dass der Schweiz mit dem UBS-Debakel dieses und nächstes Jahr Steuereinnahmen von je einer Milliarde Franken entgehen.



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