Krisenfeste Branche Strippen gegen die Rezession

Schliddert die Wirtschaft in die Krise, suchen gestresste Wall-Street-Manager sündhafte Zerstreuung: Die größte US-Stripclub-Kette Rick's Cabaret verzeichnet trotz drohender Rezession bombastische Einnahmen. Der Kurs des Börsenunternehmens stieg seit August um 240 Prozent.

Von , New York


New York - Rick's Cabaret in Manhattan fühlt sich der Wall Street ganz besonders verbunden. Der riesige Stripclub an der 30th Street lädt mehrmals im Jahr Analysten und Broker zum "Prospektprüfungs-Ball", meist wenn der börsennotierte Dachkonzern seine Quartalszahlen verkündet. Eintritt und Hors d'Oeuvres sind dann gratis, alle Drinks auf sieben Dollar reduziert. Dazu gibt's, so verheißt die per E-Mail-Kette verbreitete V.I.P-Einladung, "schöne Frauen, phantastisches Essen und wundervolle Gastfreundschaft". Der 2006 eingeführte "Ball" hat sich sofort als heimlicher Höhepunkt des Broker-Daseins in New York etabliert: "Wir haben festgestellt", prahlt Rick's-CEO Eric Langan, "dass die Fachleute der Finanzwelt gerne lernen, was wir alles zu bieten haben."

Tänzerin im Rick's: Der Club wirbt mit einer Kombination aus "Oben-ohne-Tanz und hochqualitativem Restaurant-Service"
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Tänzerin im Rick's: Der Club wirbt mit einer Kombination aus "Oben-ohne-Tanz und hochqualitativem Restaurant-Service"

Vor allem in diesen trüben Tagen, da es sonst so wenig zu genießen gibt an der Wall Street. Der Umsatz von Rick's-Clubs stieg im vergangenen Quartal um fast 58 Prozent auf 10,8 Millionen Dollar an. Der Aktienkurs des Unternehmens, das in den USA insgesamt 16 Clubs betreibt, ist an der Nasdaq Chart zeigen seit August von 7,5 auf 25,3 Dollar geschossen. Ein Plus von 240 Prozent. Das Stripperbusiness ist derzeit so lukrativ, dass sogar Hedgefonds-Milliardär und Wall-Street-Ikone Steven Cohen im Januar mit 5,5 Prozent bei Rick's einstieg.

Stripclubs, in den USA eine Zwei-Milliarden-Dollar-Branche, sind offenbar gefeit gegen jene Rezessionstristesse, die zum Beispiel den Einzelhandel plagt. Mehr noch: Sie scheinen von den schlechten Zeiten sogar noch zu profitieren. "Wir streben ganz neue Sphären an", freute sich der gelackte Langan, der sich dazu neulich extra ins Studio des Kabelsenders Fox Business News bemühte, flankiert von zwei tief dekolletierten, stummen Damen namens Stacy und Tracy.

"Sexueller Kontakt ist nicht erlaubt"

Mit seinem "eleganten Gentleman-Entertainment" hat sich Rick's seit der Gründung 1983 zu einem Unternehmen mit 55 Millionen Dollar Marktwert entwickelt. Die Clubs, die sich für ihre Kombination aus "Oben-ohne-Tanz und hochqualitativem Restaurant-Service" rühmen, sind Promi-Schmieden und -Treffpunkt gleichermaßen. Schon manches Playmate wurde im Rick's entdeckt. Die voriges Jahr tragisch verstorbene Anna Nicole Smith lernte im Club in Houston ihren letzten Mann kennen, den damals 86-jährigen Milliardär Howard Marshall.

Rick's ist neben der Penthouse-Club-Mutter VCG eines von nur zwei börsennotierten Stripclub-Unternehmen. Es hält, wie jeder andere Aktienkonzern, ganz reguläre Analysten-Schaltkonferenzen ab und gibt alle drei Monate seine Quartalszahlen bekannt. Diese sind jedoch stets mit einem Vermerk versehen, der anderen Firmen fremd sein dürfte: "Sexueller Kontakt ist nicht erlaubt."

Trotz solch pikanter Besonderheiten will Rick's weg vom Schmuddelimage des Gewerbes, das oft mit organisierter Kriminalität, Prostitution und Ausbeutung gleichgesetzt wird. "Wir schlagen dich heute nicht mehr zusammen, wir setzen dich in eine schwarze Limousine und fahren dich nach Hause", formuliert es Langan - und nennt als Vorbild das "Casino-Modell" von Las Vegas, wo einst die Mafia herrschte und heute Familien mit Kindern urlauben.

Finanziell ist die Neuausrichtung freilich nicht nötig. Gerade in Zeiten der Rezessionsangst scheint der Bedarf an sündhafter Zerstreuung umso größer. Rechnet man die jüngste Akquisition des florierenden Stripclubs Tootsie's bei Miami hinzu, machte Rick's im Dezember 2007 knapp doppelt so viel Umsatz wie im Vorjahr.

Rick's Heimat ist Texas, doch der "Flagship"-Club ist die Filiale in Manhattan. Die fährt regelmäßig Rekord-Umsätze ein - nicht zuletzt, wie Langan andeutet, durch die unverminderte Popularität bei Wall-Street-Akteuren. Die Elf-Millionen-Dollar-Immobilie ist die größte und luxuriöseste Dependance der Kette und bietet zur Mittagspause ein "Businessman's Lunch" für zehn Dollar an. An dessen Popularität konnten auch die verschärften Regeln der Börsenaufseher nichts ändern, wonach Stripclub-Besuche nicht mehr als Dienstspesen abgesetzt werden dürfen.

Ein Ende des Booms scheint nicht absehbar. Rick's jedenfalls sieht sich erst am Beginn einer glorreichen Zeit - und plant Wachstum in großem Stil durch die Übernahme kleinerer Konkurrenten. Das Ziel: 50 Clubs in 40 US-Städten. "Schon jetzt rufen uns jeden Tag neue Besitzer mit Offerten an", gibt Langan an. Die Rezession hat auch ihre guten Seiten.



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