Krisenkinder Vom Ingenieur zum Tellerwäscher

Die größten Verlierer der Krise stehen schon fest: junge Berufseinsteiger. Die einen bekommen gar nicht erst einen Job - die anderen verlieren ihn als Erste. Und vielen droht direkt Hartz IV.

Von Max Haerder


Hamburg - Das einzig Komplizierte an ihm war bislang sein Name: Prathepan Gnaneswaralingam. Ansonsten legte der Sohn einer Familie aus Sri Lanka eine geschmeidige Karriere hin. Erst exzellentes Abitur, dann ein Wirtschaftsingenieurstudium, Praktikum in der Forschungsabteilung von Daimler. Es folgte die Diplomarbeit im Unternehmen, Abschluss mit Note 2,0.

Der Autokonzern bot ihm eine Stelle in Indien an, eigentlich die Chance für den 27-Jährigen. Es hätte der nahtlose Übergang von der Ausbildung in den Job werden können. Das war im August vergangenen Jahres. Gnaneswaralingam zögerte, ein bisschen zu lange. Denn es war das letzte Angebot, bevor die große Krise über die Welt und über ihn hereinbrach.

"Im Studium hieß es immer: Hauptsache, ihr besteht. Die Firmen lecken sich nach euch die Finger", sagt der junge Ingenieur. Doch seit der Lehman-Pleite Mitte September 2008 ist alles anders. In der Autobranche sowieso, aber auch in vielen weiteren Branchen. Für Hunderttausende, die wie Gnaneswaralingam der Krisenkinder-Generation angehören, heißt es jetzt: Jeden Tag neue Bewerbungen schreiben. Monatelang hat der Ingenieur einen Job gesucht, "so langsam setzt sich die Krise bei mir im Kopf fest".

Die historische Rezession wird zu einer besonderen Belastungsprobe - vor allem für die jüngeren Jahrgänge. Während auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt noch eine leichte Sommerbelebung die Hoffnung nährt, es könne bald wieder besser werden, hat der Absturz beim Nachwuchs bereits begonnen.

Vollbremsung für die junge Generation

Seit November stieg die Zahl der unter 25-jährigen Arbeitslosen von gut 291.000 auf mittlerweile 367.000. Allein im April und Mai betrug der Zuwachs rund 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, im Juni dann sogar 19 Prozent - mehr als doppelt so viel wie bei Älteren. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wird jeder fünfte westdeutsche Auszubildende gleich nach seinem Abschluss arbeitslos.

Außerdem wird es immer schwieriger, überhaupt eine Lehrstelle zu finden. Zum ersten Mal konnten sich Mitte Juni Politik und Wirtschaft nicht auf eine gemeinsame Position im Ausbildungspakt einigen - ein Eklat. SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz stieß mit seiner Forderung nach 600.000 Lehrstellen in diesem Jahr auf harten Widerstand der Wirtschaftsverbände. Diese wollen sich in der Wirtschaftskrise nicht auf konkrete Zahlen verpflichten.

2008 stellten die Unternehmen 616.000 Auszubildende ein, in diesem Jahr werden es mit großer Wahrscheinlichkeit weniger sein. Und noch immer warten allein 204.000 frühere Bewerber, die im vergangenen Jahr nicht zum Zug kamen, auf ihre Chance.

Die Jugend fliegt als Erstes

Die Lage ist bitter: Gerade für den Nachwuchs sei der Arbeitsmarkt ein "direkter Konjunkturindikator", sagt Hans Dietrich, Arbeitsmarktexperte beim IAB. Die Konsequenzen: Die Jugend fliegt als Erstes aus dem Job. Oder sie bekommt gar nicht erst die Möglichkeit, sich im Job zu beweisen.

Wir Krisenkinder
Julia Schäfer / privat / Corbis / Michael Nowak
Lange konnte die Generation der Krisenkinder den Wohlstand ihrer Eltern genießen. Jetzt muss sie festellen, dass sozialer Abstieg möglich ist. Ihr Abwehrkampf gegen ein prekäres Leben ist höchst individuell. Was sie eint: Sie sind jung, gut ausgebildet -: und bekommen kaum eine Chance. mehr...
Uni-Absolventen und Auszubildende mit Abschluss sind die eine Gruppe, die derzeit vergeblich nach Arbeit sucht. Die andere besteht aus jungen flexiblen Mitarbeitern, die zwar einen Job haben - aber nun als Erste gehen müssen, weil sie keine Kinder und Familien versorgen müssen. Oder weil ihr Rausschmiss billig ist und sie noch zu wenig wertvolle Erfahrung vorweisen können.

Jungingenieur Gnaneswaralingam, der zu ersterer Gruppe zählt, kennt die Leiden der zweiten genauso - denn die Krise hat auch seine Frau erwischt. Im März war Schluss mit ihrem Job beim Autovermieter Hertz. Dass sie mit einem Diplom in Internationaler Betriebswirtschaftslehre ausgezeichnet qualifiziert ist, zählte nicht mehr. Das junge Ehepaar erwartet bald ein erstes Kind. Um seine zukünftige Familie zu ernähren, schuftet Gnaneswaralingam jeden Abend als Aushilfe in einem Restaurant - vom Ingenieur zum Tellerwäscher.

Wie die beiden hatten sich komplette Jahrgänge von Uni-Absolventen und Ausgelernten darauf eingestellt, flexibel sein zu müssen. Aber wie hätten sie sich auf den Ausnahmefall vorbereiten sollen?

Unternehmen schützen Stammbelegschaft

Als die Personalberatung Kienbaum jüngst Unternehmen befragte, wie sie auf die Wirtschaftskrise reagieren, fielen die Antworten eindeutig aus: 72 Prozent der Firmen stellen weniger oder gar nicht mehr ein, 57 Prozent verzichten auf Zeitarbeiter, 46 Prozent haben mit dem Personalabbau bereits begonnen. Für Kienbaum-Experte Sörge Drosten ist die Sache klar: "Viele Unternehmen würden sich gern verstärken, aber sie können es in der aktuellen wirtschaftlichen Lage nicht."

Jüngere "sind vom Abschwung besonders schwer erfasst", sagt Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit, die zuständig ist für Arbeitsmarktberichterstattung. Auf dem gesamten Job-Markt wird die historische Rezession wohl erst im Herbst richtig ankommen, wenn die Flaute anhält und den Firmen selbst die vom Staat mit Milliarden gestützte Kurzarbeit zu teuer wird.

Dass sich Unternehmen zunehmend abschotten, geschehe nur, "um die Stammbelegschaft zu schützen", sagt Günter Lambertz vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag, um die Firmen zu verteidigen. Hinzu kommt die simple, aber brutale Krisenmechanik: "Wenn wie derzeit wenig zu tun ist, sinkt die Zahl der Jobangebote."

Selbst Konzerne wie Lufthansa, ThyssenKrupp, Adidas oder SAP haben Einstellungsstopps verhängt. Derzeit heißt es auch bei den großen Personalberatungen: Wenn überhaupt, dann suchen Firmen nur noch gezielt einzelne Mitarbeiter für hochwertige Schlüsselpositionen und -bereiche.

"Ich würde überall hingehen"

Die Verzweiflung ist groß. "Ich würde für einen Job überall hingehen. Ich sitze auf gepackten Koffern", sagt der 27-jährige Ingolf Söllig bei der Jobbörse "Ingenieure gesucht!" in der Hamburger Arbeitsagentur vor wenigen Wochen. Der Maschinenbauer, seit Dezember fertig mit der Uni und eigens aus Rostock angereist, wollte eigentlich in die Autoindustrie. Aber damit kommt er wohl nicht mehr weit, ahnt er. Flugzeugbau wäre vielleicht eine Alternative. Doch auch bei Airbus werden Stellen abgebaut. Sein Eindruck: Reguläre Stellenangebote sind quasi abgeschafft, gerade für Einsteiger.

Bei der Hamburger Jobbörse Ende Juni war kein produzierendes Unternehmen mehr vertreten - stattdessen eine große Zahl von Dienstleistern und Zeitarbeitsfirmen. Die meisten der eigens aufgebauten 20 Kabinen für Bewerbungsgespräche blieben leer, trotz der vielen Anzug- und Kostümträger, die sich mit ordentlichen Bewerbungsmappen und aufgeregten Gesichtern durch die Gänge schoben.

Auch für Söllig gibt es vom Arbeitsmarkt nur negative Signale. Auf Bewerbungen bekommt er häufig gar keine Antwort mehr. Viele Jobangebote würden nach Ende der Bewerbungsfrist leise einkassiert. Was vom Arbeitsamt komme, sei "meistens sinnlos", klagt er. Sein Aufwand im Studium, die Praktika, alles umsonst? "Vielleicht muss ich doch erst mal irgendwas machen. Hauptsache, Berufserfahrung."

Irgendwas ist aber auch nicht mehr im Angebot.

Denn die Zahl der freien Stellen schrumpft: Etwa 480.000 gab es noch im Juni, ein Fünftel weniger als ein Jahr davor. Der Stellenindex der Bundesagentur ist auf das tiefste Niveau seit Juni 2005 gesunken. Sogar in der einst heilen Welt der Facharbeiter und Akademiker gibt es immer mehr unsichere Jobs. Experten sprechen von "atypischer Beschäftigung"; der Begriff umfasst so ziemlich alles vom Praktikum über Zeitarbeit und Teilzeit bis hin zu jeder Form befristeter Beschäftigung. Studien des Statistischen Bundesamtes zeigen: Nirgendwo ist der Anteil atypischer Beschäftigter in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als in der Gruppe der 15- bis 35-Jährigen.

Sichere Jobs sind immer seltener

Dass es immer seltener sichere Jobs gibt, musste auch Susan Palzer erleben. Ihre Ausbildungsfirma, der Lkw-Ausrüster Schmitz Cargobull, ist angesichts der Krise völlig erstarrt: Schon im April musste Firmenchef Ulrich Schümer verkünden, er befürchte 70 bis 90 Prozent Absatzrückgang. Erst mussten die Zeitarbeiter gehen. Danach wurden viele in Kurzarbeit geschickt. Befristet beschäftigte Kollegen bekamen keine Anschlussverträge mehr.

Nun trifft es Auszubildende wie die 23-jährige Palzer. Kurz vor Ende ihrer Ausbildung erhielt sie im Juni die Mitteilung, trotz hervorragender Noten nicht übernommen zu werden. Auf dem Arbeitsmarkt sieht sie kaum Chancen: "Wo ich gern hin würde, herrscht überall Kurzarbeit. Da brauche ich mich gar nicht erst zu bewerben."

Lebensbrüche wie bei Gnaneswaralingam, Söllig und Palzer haben langfristige Folgen. Weil sie entweder noch nie in die Sozialkassen eingezahlt oder zu wenig verdient haben, müssen viele Hartz IV beantragen. Derzeit rutscht jeder vierte neue Arbeitslose direkt in die Grundsicherung. Befristet Beschäftigte seien gegenwärtig "akut armutsgefährdet", schreiben Johannes Giesecke und Philip Wotschak vom Wissenschaftszentrum Berlin in einer aktuellen Studie. Das IAB warnt angesichts der immer wackligeren Berufseinsteiger-Biografien vor langfristigen Gehaltseinbußen und entwertetem Fachwissen.

Ingolf Söllig will auf keinen Fall in diese Spirale geraten. Zu Hause in Rostock kämpft er um eines der raren Promotionsstipendien bei BMW in München. Wenn das klappt, könnte er dort seinen Doktor machen und weiter lernen. Vielleicht die kommenden zwei, drei Jahre.

Irgendwann muss ja auch diese Krise mal zu Ende gehen.



Forum - Trifft die Wirtschaftskrise die junge Generation am schlimmsten?
insgesamt 804 Beiträge
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Seite 1
Adran, 13.06.2009
1.
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise hält derzeit Deutschland fest im Griff. Trotz aller Vernetzung und Kommunikations-Kompetenz haben besonders die 25- bis 35-jährigen Menschen heftig mit der Krise zu kämpfen. Trifft die Jüngeren die internationale Wirtschaftskrise härter als den Rest der Gesellschaft? Diskutieren Sie mit!
Ist das nicht logisch? Man wollte doch den Arbeitsmarkt "Flexibiler" gestalten... Das ist es nur logisch, dass diese Arbeitsverhältnise ehr abgebaut werden. Dann die Sozialpläne, die vorallem die schnell feuern, die schnell wieder Arbeit finden, was nun mal ebenso diese Generation trifft.. Jung, mobile, flexibel, und Tschüß! Wozu dazu also ein extra tread gebraucht wird, ist mir rätselhaft..
Maxom 13.06.2009
2.
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise hält derzeit Deutschland fest im Griff. Trotz aller Vernetzung und Kommunikations-Kompetenz haben besonders die 25- bis 35-jährigen Menschen heftig mit der Krise zu kämpfen. Trifft die Jüngeren die internationale Wirtschaftskrise härter als den Rest der Gesellschaft? Diskutieren Sie mit!
Die Wirtschaftskrise trifft doch gerade die Älteren zuerst. Da die Alten in den meisten Betrieben zuerst dran glauben müssen wenn wieder mal Stellen abgebaut werden.
Frosty127 13.06.2009
3.
Zitat von MaxomDie Wirtschaftskrise trifft doch gerade die Älteren zuerst. Da die Alten in den meisten Betrieben zuerst dran glauben müssen wenn wieder mal Stellen abgebaut werden.
Unsinn. Da Sie bei Kündigungen normalerweise soziale Gesichtspunkte berücksichtigen müssen, sind die jungen Mitarbeiter sehr viel leichter zu entlassen als ein 40-jähriger Vater von zwei Kindern. Dazu vergessen Sie den Kündigungsschutz. Die Älternen werden normalerweise über Altersteilzeit oder Abfindungen aus dem Betrieb entlassen und gehen danach oftmals in Rente.
MarkH, 13.06.2009
4.
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise hält derzeit Deutschland fest im Griff. Trotz aller Vernetzung und Kommunikations-Kompetenz haben besonders die 25- bis 35-jährigen Menschen heftig mit der Krise zu kämpfen. Trifft die Jüngeren die internationale Wirtschaftskrise härter als den Rest der Gesellschaft? Diskutieren Sie mit!
Kompletter Quatsch.. die Geburtenraten zeigen, dass schon die 40+ Generation neben der Spur lief. Wie soll das Ganze auch funktionieren ? Jede Logik versagt hier
khcdm 13.06.2009
5. Bitte richtig hinterfragen!
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise hält derzeit Deutschland fest im Griff. Trotz aller Vernetzung und Kommunikations-Kompetenz haben besonders die 25- bis 35-jährigen Menschen heftig mit der Krise zu kämpfen. Trifft die Jüngeren die internationale Wirtschaftskrise härter als den Rest der Gesellschaft? Diskutieren Sie mit!
Wieso gerade _diese_ Krise? Spätestens seit dem unaufhaltsamen Anstieg der Arbeitslosenzahlen unter der Kohl-Administration haben Alte wie Junge unter der in Schlangenlinien absemmelnden Wirtschaft zu leiden! Wenn mal jemand ehrlich wäre und würde die Prognosen über vermutlich benötigte Stellen, ausscheidende Mitarbeiter, Arbeitslose und bald in den Markt eintretende Azubis bzw. Absolventen aufzeichnen, vielleicht noch angereichert nach Gehalt und Qualifikation (erworbene/ausgeübte!!), _das_ gäbe erst einen Titel! Dieser Titel jedenfalls ist leider bloss Mainstream, zur Zeit. Und dass Deutsche angepasst sind und nicht rebellieren ist doch eine Trivialität.
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