Krisentreffen ohne Durchbruch: Metro und Arcandor streben weiter Kaufhaus-Fusion an

Direkt nach dem Treffen der Konzernchefs preschte Metro vor: Man habe sich auf weitere Schritte zur Fusion der Kaufhausketten Karstadt und Kaufhof geeinigt. Doch wenig später korrigierte der Handelsriese: Noch kein konkreter Fahrplan, man bleibe im Gespräch.

Düsseldorf - Es klang nach einer gelungenen Rettung im letzten Moment: Man habe sich mit dem angeschlagenen Konkurrenten Arcandor Chart zeigen auf einen konkreten Verhandlungsfahrplan zur Bildung einer gemeinsamen Deutschen Warenhaus AG geeinigt, teilte Metro Chart zeigen am Sonntag nach dem zweistündigen Krisengespräch der Konzernchefs in München mit. Die Gespräche sollten bereits in der kommenden Woche beginnen.

Doch eine halbe Stunde später machte der Konzern einen Rückzieher: "Bitte ignorieren Sie das vor ca. 30 Minuten verschickte Statement." Also keine konkreten Ergebnisse.

Stattdessen hieß es nun in einer neuen knappen Erklärung und deutlich vorsichtiger formuliert: Da "die Situation keinen Aufschub" vertrage, würden die Gespräche "kurzfristig fortgesetzt". Alle Beteiligten des Spitzentreffens am Sonntag hätten "einen konstruktiven Beitrag zur Bildung einer Warenhaus AG zugesagt", teilte die Metro AG am Abend mit.

Einen konkreten Fahrplan für weitere Verhandlungen gebe es allerdings noch nicht, sagte Metro-Sprecher Martin Bommersheim der Nachrichtenagentur AP. Für die Verbreitung anderslautender Meldungen machte er eine Kommunikationspanne im Unternehmen verantwortlich.

Kaufhauskette zu verkaufen: Der Handelsriese Metro zeigt Interesse
DPA

Kaufhauskette zu verkaufen: Der Handelsriese Metro zeigt Interesse

In einer ersten Meldung direkt nach dem Krisentreffen hatte es noch geheißen, man wolle nun prüfen, welche Häuser und Standorte eine wirtschaftliche Perspektive hätten. Für betroffene Mitarbeiter solle eine Transfergesellschaft gegründet werden. Karstadt und Kaufhof haben zusammen mehr als 50.000 Beschäftigte. Sie befürchten einen deutlichen Stellenabbau.

Allerdings habe man sich bisher noch nicht auf die Bewertung der Karstadt-Warenhäuser bei einer Zusammenlegung mit der Kaufhof-Kette einigen können. Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick habe "überhöhte Forderungen gestellt", sagte ein Metro-Sprecher der dpa. Auch über die Anzahl der Häuser, die in eine Deutsche Warenhaus AG übernommen werden sollen, sei keine Einigung erzielt worden.

Arcandor sieht sich auch mit dem angepeilten Zusammengehen der Warenhaus-Tochter Karstadt mit Kaufhof weiter auf Staatshilfe angewiesen. Die angekündigten Verhandlungen über die Bildung einer Deutschen Warenhaus AG erfüllten eine von der Politik geforderte Voraussetzung für die Bewilligung des beantragten Rettungsdarlehens, erklärte Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick nach dem Krisengespräch. "Sie ersetzt dieses jedoch nicht." Arcandor hatte bereits zuvor darauf hingewiesen, dass auch für die Versandhandelstochter Primondo eine Lösung gefunden werden müsse.

Alle Seiten hätten sich bereit erklärt, substantielle Beiträge zur Bildung einer Deutschen Warenhaus AG zu leisten, teilte Metro weiter mit. Dazu gehörten Beiträge der Eigentümer ebenso wie der Vermieter.

Gespräch als Bedingung für Staatshilfe

Und dabei ist Eile geboten: Dem Karstadt-Mutterkonzern Arcandor droht ohne rasche Hilfe die Insolvenz. "Wenn wir wider Erwarten zu keiner Lösung kommen, die auch eine staatliche Unterstützung beinhalten müsste, dann wüssten wir am Montag, dass wir am Freitag nicht zahlen können", hatte ein Konzernsprecher gesagt. Von einer Pleite wären 56.000 Beschäftigte betroffen. Am Freitag laufen für das Unternehmen Kreditlinien über 650 Millionen Euro aus.

Arcandor will von der Bundesregierung einen Notkredit über 437 Millionen Euro. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Arcandor-Eigner und -Banken aufgefordert, sich an der Rettung des angeschlagenen Warenhaus- und Touristikkonzerns stärker zu beteiligen. Von Arcandor selbst verlangte sie Verhandlungen mit dem Konkurrenten Metro.

Arcandor hatte vor dem Gespräch mitgeteilt, sich auf eine Zusammenlegung einlassen zu wollen: Eine Lösung in Richtung Deutsche Warenhaus AG mit dem Metro-Konzern sei eine Möglichkeit, eine der Voraussetzungen für Staatsbürgschaften oder Rettungsbeihilfen zu erfüllen, sagte Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski am Sonntag. "Wir setzen alle Hebel in Bewegung", so Koslowski weiter.

Zuvor hatte Metro-Chef Cordes Arcandor Zögerlichkeit bei der Rettung der Karstadt-Häuser vorgeworfen. "Die Zeit läuft Karstadt davon", sagte Cordes der Zeitung "Bild am Sonntag". Jeder Tag, an dem der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor mit anderen Optionen spiele oder neue Optionen für Staatshilfen erörtere, sei ein verlorener Tag für konkrete Verhandlungen. Cordes kritisierte gleichzeitig, das Zögern und Zaudern des Konzerns finde letztlich auf dem Rücken der Mitarbeiter statt. "Es ist schon eigenartig: Ausgerechnet diejenigen, die uns immer vorgeworfen haben, wir spielten mit der Insolvenz, tragen mit ihrem Verhalten zu einer solchen Entwicklung bei", sagte Cordes.

Bislang hat sich der Konzern allerdings noch nicht abschließend geäußert, wie er der Zahlungsunfähigkeit begegnen will. Metro-Sprecher Michael Inacker hatte deshalb in einer Mitteilung verlangt, Arcandor müsse bei dem Treffen Klarheit über den angestrebten Weg zur Rettung der Karstadt-Warenhäuser schaffen: "Dabei sollten Eigentümer und Management von Arcandor erläutern, welcher Lösung - Staatshilfe oder privatwirtschaftliche Option - sie den Vorzug geben", sagte Inacker.

Merkel ist gegen Staatshilfe

Metro gehe davon aus, dass auch über den von Vorstandschef Eckhard Cordes vorgeschlagenen vierstufigen Fahrplan zur Rettung der Karstadt-Warenhäuser geredet werde. "Darüber hinaus wird es in dem Gespräch auch darum gehen, die Ernsthaftigkeit zu klären, mit der alle Beteiligten sehr zeitnah einen konstruktiven Beitrag zur Rettung von Karstadt-Warenhäusern und deren Arbeitsplätzen leisten können", so Inacker weiter.

Klar ist nur: Von Seiten der Politik gibt es wenig Interesse an staatlicher Unterstützung. "Bei Arcandor muss man zunächst einmal die Eigentümer und die Gläubiger stärker fordern, zumal es Teile des Konzerns gibt, die wirtschaftlich gesund sind, wie zum Beispiel der Touristikbereich", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel der "Bild am Sonntag". "Das sind Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor über Staatshilfen nachgedacht wird."

Bei Arcandor habe es "ein erhebliches Missmanagement mit äußerst ungünstigen Vertragsgestaltungen, zum Beispiel bei den Mietverträgen" gegeben, so die Kanzlerin weiter. "Da ist es überhaupt nicht einzusehen, warum manche in der SPD den deutschen Steuerzahler mit einem Risiko belasten wollen und nicht vielmehr an diesen Ursachen ansetzen."

Mahnwachen von Karstadt-Beschäftigten

Im Ringen um staatliche Hilfen für ihren Mutterkonzern haben Karstadt-Beschäftigte unterdessen symbolisch des Karstadt-Stammhaus in Wismar besetzt. Gleichzeitig wurden von Passanten Solidaritätsunterschriften gesammelt. Für die Aktion seien die Schaufensterscheiben zugeklebt worden, um einen Eindruck zu vermitteln, wie es wäre, wenn Karstadt in der Innenstadt schließen müsste, sagte eine Ver.di-Sprecherin. In Wismar hatte der Kaufmann Rudolph Karstadt 1881 sein erstes Geschäft eröffnet. Bundesweit sind von Sonntag an Mahnwachen, symbolische Hausbesetzungen und Solidaritätsaktionen geplant.

In Hamburg wurde damit ebenfalls am Sonntag begonnen: Dort bildeten etwa tausend Menschen eine Kette um eine Karstadt-Filiale und stellten sich damit symbolisch schützend vor ihre Arbeitsplätze, wie eine Ver.di-Sprecherin sagte. An der Aktion, zu der Betriebsräte und die Gewerkschaft aufgerufen hatten, beteiligten sich den Angaben zufolge Beschäftigte der acht Hamburger Karstadt-Kaufhäuser teilweise gemeinsam mit ihren Familien.

Ver.di fordert staatliche Hilfen

Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat Kanzlerin Merkel unterdessen in einem eindringlichen Appell zu staatlichen Hilfen zum Erhalt der Arbeitsplätze bei Arcandor noch an diesem Montag aufgefordert. "Ohne die Hilfe der Politik geht es nicht. Die Rettungsbeihilfe muss am Montag kommen", verlangte die stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Margret Mönig-Raane am Sonntag zusammen mit Betriebsräten. Ansonsten sei eine Insolvenz nicht abzuwenden.

Die Eigentümer, die Vorstände des Arcandor-Konzerns, Betriebsräte und Ver.di könnten eine schnelle Lösung finden, sofern seitens der Bundesregierung der Wille dazu bestünde, fügte Mönig-Raane hinzu. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Regierung ihre Entscheidung für eine Rettungsbeihilfe noch am morgigen Montag treffe.

Ver.di verlangte von Merkel auch die Einberufung eines runden Tisches. "Bitte holen Sie umgehend alle Beteiligten, die zur Lösung dieser existentiellen Krise von Arcandor beitragen können und müssen, an den Tisch - und lassen Sie sie erst wieder gehen, wenn eine Lösung gefunden ist", sagte die Gewerkschaftsvize.

Mehr zum Thema im SPIEGEL-TV-Magazin, heute, 22.35 Uhr, auf RTL

oka/sam/AFP/AP/dpa

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