Kritik an Globalisierung "Bush versteht keine zivile Sprache"

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hält wenig vom G-8-Gipfel - und noch weniger von US-Präsident George W. Bush. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE verrät der Ökonom und Globalisierungskritiker, was er sich von dem Treffen in Heiligendamm dennoch erhofft.


SPIEGEL ONLINE: Herr Stiglitz, Sie gelten als intellektuelle Ikone der Globalisierungskritiker. Ist Ihnen das peinlich oder erfüllt Sie diese Rolle mit Stolz?

Ökonom Stiglitz: "Nur wenige Menschen werden sagenhaft reich, die Ärmsten der Armen bleiben arm"
Getty Images

Ökonom Stiglitz: "Nur wenige Menschen werden sagenhaft reich, die Ärmsten der Armen bleiben arm"

Stiglitz: Sie haben Recht, ich sehe die Globalisierung sehr kritisch. Warum sollte mir das peinlich sein? Es ist nicht leicht, einen Weg zu finden, der allen nützt. So, wie die Entwicklung jetzt läuft, profitieren nur wenige Leute davon.

SPIEGEL ONLINE: Nur wenige? Die Volkswirtschaften in manchen Entwicklungs- und Schwellenländern wachsen rasant, viele Menschen haben endlich Hoffnung, der Armut zu entkommen.

Stiglitz: Sowohl in den Industriestaaten als auch in Ländern wie Indien und China, die ja immer gern als Globalisierungsgewinner bezeichnet werden, gibt es Hunderte Millionen Menschen, die unter der Globalisierung leiden. Gerade in China und Indien sieht man die negativen Folgen ganz deutlich: Nur wenige Menschen werden sagenhaft reich, die Ärmsten der Armen bleiben arm.

SPIEGEL ONLINE: Wie definieren Sie eigentlich Globalisierung?

Stiglitz: Kurz gesagt: Globalisierung ist das Zusammenwachsen der Welt, verursacht durch niedrigere Transportkosten, bessere und billigere Infrastruktur, das Niederreißen von Grenzen, die von Menschen erbaut wurden.

SPIEGEL ONLINE: Und das kritisieren Sie?

Stiglitz: Ich sehe natürlich die positive Seite der Globalisierung, nämlich dass sie vielen Menschen in Entwicklungsländern das Gefühl des Ausgeschlossenseins genommen hat. Das Internet ist eine Bühne für alle, dort kann Druck erzeugt werden. Aber das ist die Theorie. Ich kritisiere die in der Wirklichkeit sehr unterschiedlichen Konsequenzen der Entwicklung für die Menschheit. Tatsächlich wächst die soziale Ungleichheit in der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Führende Ökonomen halten nichts davon, großzügig Milliarden zu verteilen. Wie sieht ideale Entwicklungshilfe Ihrer Meinung nach aus?

Stiglitz: Es gibt verschiedene Formen, Entwicklungsstaaten zu helfen. Klassische Entwicklungshilfe ist eine davon - und gar keine schlechte. Sie hat bisher schon Millionen von Menschen in der Welt geholfen, zum Beispiel um Krankheiten zu bekämpfen. Es gibt absolut keinen Zweifel daran, dass Entwicklungshilfe dazu beitragen kann, den Lebensstandard zu erhöhen. Natürlich gibt es immer Fehlinvestitionen und Geld, das in dunkle Kanäle versickert. Aber das ist überall so, im privaten Sektor wie bei staatlichen Ausgaben. Die zig Milliarden Dollar, die die US-Regierung für den Krieg im Irak ausgegeben hat, wurden vergeudet.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hoffnungen setzen Sie in den G-8-Gipfel in Heiligendamm?

Stiglitz: Bisher lehnen die USA es ab, gemeinsam mit den anderen Industriestaaten eine vernünftige Lösung zum Klimaschutz zu finden. In jedem Industrieland gibt es ernsthafte Bemühungen, etwas für den Umweltschutz zu tun - nur in den USA nicht. Ich fordere, dass die Staats- und Regierungschefs in Heiligendamm US-Präsident Bush entgegentreten und ihm sagen: Wir brauchen eine internationale Regelung, und Sie als der mächtigste Mann der Welt haben die Verpflichtung mitzumachen!

SPIEGEL ONLINE: Bush hat vergangene Woche einen eigenen Klimavorstoß angekündigt…

Stiglitz: Die Teilnehmer des Gipfels müssen Bush verdeutlichen, dass seine Politik den Klimawandel beschleunigt und dass in der Folge Länder zerstört werden. Bush versteht keine zivile Sprache, man muss ihm das Problem in drastischen Worten klar machen.

SPIEGEL ONLINE: In den G-8-Staaten ist die Sorge, dass vor allem der Wachstumshunger von China und Indien die Klimabemühungen zunichte macht.

Stiglitz: Die Gruppe der G-8-Staaten muss deshalb ja auch ausgeweitet werden. Es nützt nichts, wenn eine kleine Gruppe von Leuten aus wenigen reichen Ländern die Probleme der Welt diskutiert, ohne dass die größten Länder der Welt dabei sind. Dazu zählen China und Indien, aber auch viele andere Staaten.

SPIEGEL ONLINE: Brasilien, Mexiko und Südafrika, die anderen drei großen Schwellenländer? Alle Atommächte? Oder Saudi-Arabien als weltgrößter Erdölproduzent?

Stiglitz: Ich weiß nicht, wie man den Gipfel so gestaltet, dass alle Interessen gut vertreten sind. Man könnte Argumente für und gegen jedes Land finden. Klar ist, dass es in der heutigen Form mit acht Staaten nicht funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es besser, diese acht Staaten würden nicht miteinander reden?

Stiglitz: Reden ist immer gut. Aber Präsident Bush hat sich in der Vergangenheit als außerordentlich widerspenstig erwiesen. Sein Prinzip war schon immer, dass er sich am Ende mit seiner Politik, egal auf welchem Gebiet, durchsetzt - egal welche Auswirkungen seine Politik auf den Rest der Welt hat.

Das Interview führte Hasnain Kazim

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.