Kritik an Google Street View: "Der allergrößte Teil der Bilder ist völlig harmlos"

Halbnackte Menschen, Nasenbohrer, Leute vorm Pornokino, alle ahnungslos fotografiert: Mit solchen Bildern sorgt Street View für Aufregung. Philipp Schindler, Chef von Google Nordeuropa, erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, weshalb er das Produkt trotzdem für einen Erfolg hält.

SPIEGEL ONLINE: Mit Google Chart zeigen Street View kann man sich durch Straßen bewegen und dabei die Gegend auf Fotos angucken. Jetzt hagelt es Proteste, weil unter anderem halbnackte oder Nase bohrende Leute fotografiert wurden. Gab es bei Ihnen nicht von vornherein datenschutzrechtliche Bedenken?

Street-View-Screenshot: Einmal im Netz, für immer in der Welt

Street-View-Screenshot: Einmal im Netz, für immer in der Welt

Schindler: Den Schutz der Privatsphäre unserer Nutzer nehmen wir sehr ernst. Auch bei der Straßenansichts-Funktion von Google Maps haben wir intern natürlich intensive Gespräche geführt. Wir würden niemals eine derartige Funktionalität auf den Markt bringen, ohne dass wir uns ganz genau vorher überlegen, ob es Probleme es aus Sicht der Konsumenten geben könnte. Etwa, ob es Dinge gibt, die manche Internetnutzer vielleicht gar nicht sehen möchten - mit solchen Fragen haben wir uns auseinandergesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Sie jeden und alles ablichten und für Millionen von Menschen abrufbar ins Netz stellen können?

Schindler: Die Straßenansichtsfunktion beinhaltet nur solches Bildmaterial, das von öffentlichem Grund und Boden aufgenommen worden ist. Das Bildmaterial unterscheiden sich in keiner Weise von solchen Aufnahmen, die von jedermann selbst aufgenommen werden können - von dem, was man beim Spaziergang durch die Straßen sieht.

Wir haben in den USA zudem mit einer Vielzahl von Vereinigungen gesprochen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob es Bedenken gibt, und wenn ja, welche. In den Fällen, wo wir herausgefunden haben, dass ein besonderes Maß an Privatsphärenschutz nötig ist, haben wir von vornherein reagiert. Man findet bei Street View zum Beispiel keine Bilder von Obdachlosenunterkünften oder von Abtreibungskliniken.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es massiven Ärger, weil Google ahnungslose Menschen ablichtet und deren Bilder ohne deren Einverständnis veröffentlicht.

Schindler: Genauso wie es kritische Stimmen gibt, bekommen wir auch massiven Zuspruch.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie nicht, dass sich so mancher beobachtet oder überwacht fühlt? Vielleicht will jemand in einer bestimmten Situation gar nicht gesehen, geschweige denn fotografiert werden?

Schindler: Solche Kritik nehmen wir natürlich ernst und haben entsprechende Prüfungs-Funktionalitäten eingebaut. Ein bisschen erinnert mich diese Situation an die Einführung von Google Earth. Damals gab es auch diese Bedenken: 'O Gott, es könnte ja sein, dass ich zu dem Zeitpunkt, als der Satellit über mein Haus flog, mit verrutschtem Bikini-Oberteil auf der Terrasse lag' (lacht). Mittlerweile gibt es kaum einen Internetnutzer, der nicht begeistert ist von Google Earth. Bei Street View sehe ich das ganz ähnlich. Natürlich mag es Einzelfälle geben, wo jemand in einem Moment aufgenommen wird, in dem er sich gestört fühlt und in dem er nicht gesehen werden möchte. Aber die statistische Wahrscheinlichkeit ist extrem gering. Für diese Fälle haben wir die Möglichkeit geschaffen, dass die Nutzer uns das melden. Wir prüfen das dann und entfernen gegebenenfalls ungeeignete Bilder komplett.

SPIEGEL ONLINE: Sichten Sie die Bilder eigentlich alle, bevor Sie sie veröffentlichen, damit heikle Fotos erst gar nicht veröffentlicht werden?

Schindler: Nein, das Fotografieren ist ein automatisierter Prozess, was entscheidend ist. Ein Fahrer fährt mit einem Auto Straßenzüge entlang. Auf dem Dach des Wagens ist eine vollautomatische Kamera angebracht - sie fotografiert das, was sich zu dem Zeitpunkt zufällig vor der Linse befindet. Es gibt keinen Fotografen, der bewusst Ausschnitte wählt oder weit entfernte Objekte ranzoomt.

SPIEGEL ONLINE: Eben deswegen entstehen ja Bilder, die jemand vielleicht nicht will. Und selbst wenn Sie das Foto entfernen, sehen Sie ja, was mit manchen Abbildungen passiert: Sie kursieren millionenfach durchs Internet, in Blogs oder in E-Mails. Dazu entstehen Geschichten, die schwer wieder einzufangen sind - beispielsweise über einen Lieferwagenfahrer, der seine Mittagspause im Pornokino verbringt, obwohl er in Wahrheit sein Auto nur in der Nähe dieses Kinos geparkt hat.

Schindler: Kritische Einzelfälle muss man rausnehmen, der allergrößte Teil der Bilder ist ja völlig harmlos. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es sowohl im analogen wie auch im digitalen Zeitalter üblich ist, dass Bilder veröffentlicht werden. Ein Pressefotograf macht ja auch Bilder von Leuten im Stadion, ohne dass sie es merken. Das Bild ist am nächsten Tag nicht nur in der Zeitung, man findet es auch online. Wir fotografieren nur von öffentlichem Grund und Boden. Rechtlich ist das völlig unbedenklich, übrigens auch in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Bislang beschränkt sich Street View auf New York, Miami, San Francisco, Las Vegas und Denver. Wann fahren die ersten mit Kameras bestückten Google-Autos durch Hamburg, London oder Rom?

Schindler: Es ist wie mit allen unseren Produkten: Unser Ziel liegt darin, die Straßenansichtsfunktion für Gebiete auf der ganzen Welt anzubieten. Es gibt noch keinen konkreten Zeitplan, aber wir denken nicht in Fünf-Jahres-Plänen. Die Funktion selbst mag dabei abhängig von den jeweiligen Gesetzen und Vorgaben unterschiedlich ausfallen. Wir arbeiten hart an dem Produkt und ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn es bald auch in die deutsche Google-Maps-Version Einzug finden könnte, denn ich halte das für ein überaus spannendes Produkt.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem ist es eine Spielerei.

Schindler: Nein, vor allem stellt es einen Mehrwert für die Nutzer von Google Maps dar, sie können sich mit einer bestimmten Gegend, mit Geschäften, mit öffentlichen Einrichtungen realitätsnah vertraut machen. In erster Linie verstehen wir uns ja als ein Unternehmen, das Informationen über das Internet für alle zugänglich macht. Street View ist nach Google Earth und Google Maps einfach ein logischer weiterer Schritt. Die Zukunft kann sein, dass man diese Produkte mobil macht, also fürs Handy anbietet. Und natürlich eignet sich Street View auch, um wie bei anderen Maps-Funktionen vielleicht irgendwann darin zu werben. Damit verdienen wir unser Geld.

SPIEGEL ONLINE: Das geben Sie auch dafür aus, um Geld für Software-Unternehmen auszugeben. Sie haben kürzlich eine Kooperation mit Salesforce bekannt gegeben. Damit dringt Google weiter in angestammtes Microsoft-Gebiet. Wohin geht die Reise?

Schindler: Wir denken nicht darüber nach, was das angestammte Gebiet von Konkurrenten ist. Unsere Herangehensweise ist diese: Wo gibt es Probleme, die wir mit unserer technologischen Kompetenz lösen können? Unser Kernbereich liegt in der Suche und der Organisation von Informationen für unsere Nutzer. Ein zweites Feld sind automatisierte Werbesysteme. Ein drittes Umfeld sind Internet-Anwendungen. Da machen wir Microsoft keine Konkurrenz im klassischen Sinn. Wir setzen zum Beispiel auf webbasierte Software, sei es Textverarbeitung, Tabellenkalkulation oder anderes. Das macht Informationen von überall her zugreifbar. Vom Grundsatz her ist das eine komplett unterschiedliche Herangehensweise.

SPIEGEL ONLINE: Mit Microsoft liefert sich Google ein juristisches Scharmützel, weil deren neues Betriebssystem Vista angeblich die Nutzung von Google-Software behindert.

Schindler: Wir nehmen sehr deutlich wahr, dass Microsoft uns als Konkurrenten betrachtet. Wir sehen das aber grundsätzlich nicht so.

Das Interview führte Hasnain Kazim

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Forum - Privatsphäre - geht Google zu weit?
insgesamt 63 Beiträge
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1.
DJ Doena 12.06.2007
Google hat sich noch niemals um Privatssphäre geschert. Datenschutz ist für diese Firma ein totales Fremdwort. Wer dann auch noch freiwillig der Datenkrake Google via GMail oder GoogleDesktopSearch Informationen über sich preisgibt, ist selber schuld.
2.
M@ESW 12.06.2007
Aus Gamestar (könnte auch PC Games sein): Google arbeitet an einer Schnittstelle die aus dem Verhalten im Spiel ein psychologisches Profil erstellen soll. Das will Google dann gewinnbringend an Werbeagenturen verkaufen. Die Unterstützung der Schnittstelle muss natürlich vom Hersteller im Spiel eingebaut werden, aber die haben sicher auch schon die $-Zeichen in den Augen.
3.
*Saskia 12.06.2007
Zitat von M@ESWAus Gamestar (könnte auch PC Games sein): Google arbeitet an einer Schnittstelle die aus dem Verhalten im Spiel ein psychologisches Profil erstellen soll. Das will Google dann gewinnbringend an Werbeagenturen verkaufen. Die Unterstützung der Schnittstelle muss natürlich vom Hersteller im Spiel eingebaut werden, aber die haben sicher auch schon die $-Zeichen in den Augen.
brrr schauder, das wäre wohl der albtraum schlechthin: vernetzung der vorort-situation und dann die daten verwenden für gewaltspiele, sei es durch google selbst oder auch private user. dann gibts bald noch mehr schul- und andere massaker. wer weiß wo die entwicklung hingeht, werden dann vor-ort-asprechpartner da sein, die man für diversteste Zwecke mit der aufnahme von aktuellen fotos beauftragen kann ?
4.
Avaleen 12.06.2007
Zitat von *Saskiabrrr schauder, das wäre wohl der albtraum schlechthin: vernetzung der vorort-situation und dann die daten verwenden für gewaltspiele, sei es durch google selbst oder auch private user. dann gibts bald noch mehr schul- und andere massaker. wer weiß wo die entwicklung hingeht, werden dann vor-ort-asprechpartner da sein, die man für diversteste Zwecke mit der aufnahme von aktuellen fotos beauftragen kann ?
Sie haben das falsch verstanden. Es sollen keine Googleearth oder Street View Daten verwendet werden, um "Killerspiel"-Level zu designen, sondern das Verhalten der Spieler in verschiedensten Spielsituationen soll ein Profil des Nutzers liefern, um ihn (wahrscheinlich auch ingame) mit spezifischer Werbung zu beglücken.
5. surprised
ACP 12.06.2007
mich wundert das niemand weiterdenkt was die perönlichen profile von nutzern betrifft. wieso sollte nur werbung versandt werden? vielleicht gibt´s auch jobangebote an spieler die durch besondere abgebrühtheit oder multitasking-fähigkeit auffallen. diesbezügliche wünsche existieren schon im netz und werden von entsprechenden stellen diskutiert.
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