Kritik in Klimaschutzdebatte Auto-Lobbyist Gottschalk ausgebremst

Stocksauer waren die Autobosse auf ihren Chef-Lobbyisten: Bernd Gottschalk habe zu spät auf die Klimadebatte reagiert, eine Anzeigenkampagne verbockt und vor einem TV-Auftritt gekniffen. Jetzt hat der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie seinen Rücktritt erklärt.


Frankfurt am Main – Bernd Gottschalk erklärte am Mittag seinen Rücktritt vom Amt des Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Das teilte der Verband in Frankfurt mit. Der 63-Jährige hatte das Amt seit 1996 ausgeübt. Zuvor war der Druck auf Gottschalk stark gewachsen. Nach Informationen des SPIEGEL waren die Chefs der deutschen Autohersteller zunehmend sauer über die Reaktion ihres Lobbyverbandes auf die Klimaschutzdebatte. Wie schon bei der Diskussion um Feinstaub und Partikelfilter habe der Verband viel zu spät und lasch reagiert.

Schluss mit Daumen hoch: Bernd Gottschalk schmeißt als Präsident des Verbandes der Automobilindustrie hin
AP

Schluss mit Daumen hoch: Bernd Gottschalk schmeißt als Präsident des Verbandes der Automobilindustrie hin

Gottschalk habe nicht ausreichend über die Leistungen der deutschen Hersteller zur CO2-Reduktion aufgeklärt. "Ich habe mir keine Versäumnisse in der CO2-/Hybrid-Debatte vorzuwerfen", wurde Gottschalk nun in der VDA-Mitteilung zitiert.

Zuletzt wurde jedoch nach SPIEGEL-Informationen sogar eine vom VDA geplante Anzeigenserie von den Herstellern gestoppt. Darin wollte der Verband ankündigen, dass die deutsche Autoindustrie in den nächsten Jahren zehn Milliarden Euro für den Klimaschutz investiere. Das klinge, als habe man bislang nichts getan, beschwerte sich der Chef eines Autokonzerns.

Gottschalk wird auch vorgeworfen, dass er in der ARD-Talkrunde "Sabine Christiansen" nicht die Interessen von DaimlerChrysler, BMW, VW, Opel, Ford und Porsche vertrat. Der VDA-Chef hatte nur einen Vertreter ins Studio geschickt. "Sobald wir einen Nachfolger gefunden haben", sagte ein Autoboss, "ist Gottschalk weg."

Scharfe Kritik an der deutschen Autoindustrie kommt heute aus Brüssel. EU-Umweltkommissar Stavros Dimas bezeichnet die Autobauer im SPIEGEL als rückständig: "Ich frage mich auch, wo die deutschen Ingenieure mit dieser großartigen Geschichte bleiben, um die Kraftfahrzeuge auf den modernsten Stand der Abgasreinigung zu bringen." Dimas hatte zuletzt mit seiner Ankündigung für Aufsehen gesorgt, als neuen Dienstwagen kein europäisches Auto, sondern einen Toyota Prius mit Hybrid-Antrieb zu bestellen.

Nach dem EU-Gipfel fordert Dimas weitergehende Klimaschutz-Maßnahmen. "Was wir gerade gemacht haben, reicht nicht aus", sagt der Grieche. Die Vereinbarungen, die die Staats- und Regierungschefs der EU am Freitag getroffen haben, werde die Kommission unverzüglich in Rechtsverordnungen umsetzen. Bei ihren Bemühungen um umweltfreundlichere Energiequellen sollten die Mitgliedstaaten nach Ansicht des Umweltkommissars zudem nicht die Atomenergie überschätzen: "Sie taugt nicht als magische Lösung aller Probleme." Die Entsorgung des radioaktiven Mülls sei ungeklärt, der spätere Abriss von Atomkraftwerken ein großes ökonomisches Problem.

phw/dpa/AP/reuters

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