Künftiger Bankenchef zu Finanzrisiken "Wir werden sicher nicht anfangen, nur noch Murmeln zu tauschen"

Deutschlands Wirtschaft ist süchtig nach Kredit, kritisiert Theodor Weimer. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der künftige HypoVereinsbank-Chef, warum Firmen sich dringend entschulden müssen, weshalb das schmerzhaft wird - und wie er als Ex-Investmentbanker mit seinem miesen Image lebt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Weimer, Sie starten Ihren Job mitten in der schlimmsten Finanzkrise seit Jahrzehnten. Haben Sie keine Angst vor einem Fehlstart?

Weimer: Ich habe Respekt vor der Aufgabe, aber keine Angst. Die HypoVereinsbank (HVB) ist über die Einbindung in die UniCredit-Gruppe strategisch hervorragend positioniert und finanziell sehr gut aufgestellt. Keine andere Bank in Deutschland hat eine vergleichbar stabile Kernkapitalquote von mehr als 15 Prozent. Darüber hinaus habe ich meine Lehren aus der Krise gezogen. Eine ist: Nur weil alle Banken immer das Gleiche machen, ist es noch lange nicht richtig.

Künftiger HVB-Chef Weimer: "Ich habe noch gar nicht ausgehandelt, was ich verdiene"
UniCredit Group

Künftiger HVB-Chef Weimer: "Ich habe noch gar nicht ausgehandelt, was ich verdiene"

SPIEGEL ONLINE: Ein Vorschlag für Ihren Jobstart: Warum rufen Sie in diesen desaströsen Wirtschaftszeiten keine gemeinsame Aktion von Banken ins Leben, um den Mittelstand wieder mit Geld zu versorgen? Immer mehr Unternehmen klagen über Kreditnot.

Weimer: Wir Banken haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kunden, und wir werden diese auch in der Krise nicht im Stich lassen. Ich persönlich glaube an die Renaissance des Bankiers: Wir brauchen wieder ein mehr auf Gegenseitigkeit, auf Loyalität basierendes Banking. Natürlich werden wir dem Mittelstand auch weiterhin Kreditmittel zur Verfügung stellen – das ist doch die ureigenste Funktion einer Bank. Die HVB hat in den ersten neun Monaten dieses Jahres in der Summe elf Prozent mehr Kredite an Firmenkunden vergeben als im gleichen Zeitraum 2007. Ich warne allerdings auch davor, jetzt in das andere Extrem zu verfallen und unkontrolliert Liquidität in die Realwirtschaft zu pumpen.

Zur Person
Theodor Weimer übernimmt zum 1. Januar den Chefsessel bei der HypoVereinsbank - der deutschen Tochter der UniCredit. Nach dem Studium arbeitete der heute 48-Jährige aber zunächst als Unternehmensberater. Sieben Jahre war er bei McKinsey, dann wechselt er zum Konkurrenten Bain. Dort war er nach sechs Jahren in der weltweiten Geschäftsführung angelangt. Er spezialisierte sich auf die Beratung von Finanzdienstleistern und wechselte schließlich als Partner ins Frankfurter Büro der Investmentbank Goldman Sachs. Anfang 2007 folgte dann der Wechsel in den Vorstand der Unicredit-Investmentbankingsparte.
SPIEGEL ONLINE: Ohne das notwendige Geld wird die Krise doch nur dramatischer.

Weimer: Ich glaube nicht an eine Kreditklemme. Aber jeder, der Geld verleiht, wird in einer beginnenden Rezession vorsichtiger - das ist richtig so. Die Kreditpreise für Unternehmen, die eine niedrigere Bonität haben, werden stärker steigen und die Banken auf höhere Sicherheiten drängen. Im Übrigen ist die deutsche Wirtschaft so stark wie kaum eine andere der Welt durch Fremdkapital finanziert, nämlich zu gut 80 Prozent. Nicht einmal Private-Equity-Firmen arbeiten mit derartigen Kreditquoten! Auch wenn die Unternehmen in den vergangenen Jahren begonnen haben, ihre Finanzstrukturen zu optimieren, müssen auch hier die Bilanzen qualitativ verbessert werden. Gerade die jüngste Vergangenheit hat offenbart: Exzessive Liquidität führte zur exzessiven Kreditvergabe - eins der Kernprobleme dieser Krise.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet jetzt wollen Sie die Unternehmen zu mehr Kreditabstinenz erziehen? Das dürfte kaum gelingen.

Weimer: Das Finanzsystem ist dem realen Wirtschaftssystem in den vergangenen Jahren zu weit enteilt, das muss wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Eine notwendige Umkehr wird nicht nur für die Banken, sondern auch für die Unternehmen und letztendlich auch für den Staat nicht ohne Blessuren abgehen. Im ganzen Finanzsystem muss die Verschuldung zurückgeführt werden, dazu gehört auch die Passivseite der Unternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Das wird aber ziemlich weh tun und viele Arbeitsplätze kosten.

Weimer: Ich bin dennoch der Überzeugung, dass man nicht versuchen sollte, den notwendigen Anpassungsprozess mit Geld zu überkleistern. Zu glauben, dass man jede Rezession abwenden kann - das ist eine Illusion.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie Opel Pleite gehen lassen?

Weimer: Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu urteilen. Die Zeiten sind ungewöhnlich, und vielleicht erfordern sie ungewöhnliche Maßnahmen. Das muss die Politik entscheiden. Die Bankenbranche hat als erste den Staat um Hilfe gebeten, weil die Interbankenmärkte versagt haben. Es steht uns Bankern deshalb nicht zu, der Regierung bei diesem Thema Ratschläge zu erteilen oder anderen diese Hilfe absprechen zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie als Ex-Unternehmensberater sind ja sehr auf Effizienz fokussiert. Ärgert Sie das politische Geschacher um die Opel-Rettung? Die Politiker übertrumpfen sich aus Imagegründen in Aktionismus.

Weimer: Das gehört zum politischen Geschäft. Man muss zwischen Effizienz und Effektivität unterscheiden. Und entscheidend ist, dass die Politik Gestaltungswillen zeigt. Deshalb halte ich auch den G-20-Gipfel für einen beachtlichen Anfangserfolg. Natürlich konnten die Staatschefs in Washington die Einzelheiten zur Bekämpfung der Finanzkrise noch nicht ausarbeiten. Aber die Politik hat Ziele definiert, einen Rahmen gesetzt und gesagt: So geht es nicht weiter, wir brauchen eine Reform der bestehenden globalen Finanzarchitektur. Jetzt muss diese mit Leben gefüllt werden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Branche hat doch früher alles getan, um sich nicht von den vermeintlichen Bürokraten reinreden zu lassen?

Weimer: Das stimmt. Wir Banker haben in den vergangenen Jahren ein Stück weit die Einsicht verloren, dass ein Primat der Politik über die Wirtschaft besteht. Wir haben überall auf der Welt ein großes Rad gedreht und dabei viel Geld verdient. Die Kapitalmärkte haben das auch erwartet: Wer nicht 25 Prozent Eigenkapitalrendite erwirtschaftet hat, musste sich rechtfertigen und stand unter Druck. Es ist gut, dass wir uns nun darauf besinnen, in Zukunft wieder kleinere und vielleicht dauerhaft gesündere Brötchen zu backen. Auch wenn wir sicher nicht anfangen werden, nur noch Murmeln zu tauschen, wie das manche nun in Verkennung der Aufgabe der Banken zu erwarten scheinen.



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