Künstliche Intelligenz Wie Kollege Computer Ihren Job überflüssig macht

Tech-Konzerne wie Apple und Microsoft wollen mit lernenden Maschinen so viele Arbeitsprozesse wie möglich automatisieren. Der Mensch wird sich dem Computer anpassen müssen.

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Von , San Francisco


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Im Herzen des Silicon Valley sitzt Vishal Sikka in einem gläsernen Konferenzraum mit Blick auf eine Reihe von Pflanzensetzlingen, deren Wachstum von einem Computer überwacht wird. Das System lernt selbständig, welche Nährstoffe und Umweltfaktoren für die Pflanzen am besten sind. Das maschinengesteuerte Wachstum liefere einen fast 30 Prozent höheren Ertrag im Vergleich zur rein menschlichen Kontrolle, sagt Sikka.

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Heft 36/2016
Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen - und welche Berufe morgen noch sicher sind

Der Experte für künstliche Intelligenz ist Vorstandschef von Infosys. Sein Unternehmen hat allerdings nichts mit Landwirtschaft zu tun, sondern ist der größte Outsourcing-Dienstleister der Welt mit fast 200.000 Angestellten. Das Pflanzen-Projekt ist für Sikka nur ein Beispiel für sein großes Ziel: "Automatisierung in alle Wirtschaftsbereiche zu bringen".

Weltweit arbeiten Tausende Infosys-Teams als Dienstleister und Berater bei Unternehmen aus verschiedensten Branchen. Ein personalintensives Geschäft. Das soll sich ändern. "Derzeit schicken wir Mitarbeiter, künftig schicken wir Mitarbeiter plus eine intelligente Software", sagt Sikka. "Statt 100 Leuten braucht es dann nur noch 50."

Der promovierte Informatiker ist überzeugt, dass intelligente Plattformen das Arbeiten grundlegend verändern werden. Mitgebracht hat er diese Überzeugung vom deutschen Konzern SAP, wo er bis vor zwei Jahren Chief Technology Officer war. Infosys hat nun ähnlich wie SAP eine Software entwickelt, die verschiedene Techniken aus der künstlichen Intelligenz vereint: Gefüttert mit großen Mengen von Daten, kann das lernende System Arbeitsprozesse verschlanken. Zum Beispiel indem es die Planung von Dienstreisen automatisiert - und damit unternehmensinterne Reisestellen weitgehend obsolet macht.

Sikka betont, dass es nicht darum gehe, Arbeitsplätze zu ersetzen. Sondern darum, den menschlichen Arbeiter effizienter zu machen: "Das Ziel ist, die Mitarbeiter von Routinearbeiten zu befreien, damit sie sich auf kreativere und produktivere Aufgaben konzentrieren können". Die Gefahr von Massenarbeitslosigkeit durch Maschinen sieht der Infosys-Chef nicht: "Jobs werden verschwinden, aber dafür kommen neue dazu".

Das Ende einer langen Ära

Ähnliche Automatisierungsprojekte verfolgen viele Konzerne in der unmittelbaren Nachbarschaft von Infosys: Google, Apple, Facebook und Hunderte Start-ups investieren derzeit erhebliche Ressourcen in immer klügere Software, die ständig dazulernt und dadurch immer mehr Aufgaben übernehmen kann.

Insbesondere bei Microsoft beschäftigen sich zahlreiche Teams in verschiedenen Abteilungen mit der Zukunft der Arbeitswelt - und damit, wie die eigene Technologie diese Welt effizienter machen kann. Der Software-Riese glaubt, mit der rasch voranschreitenden Technologisierung aller Wirtschaftsbereiche eine neue Mission gefunden zu haben: Es gehe darum, "die Produktivität und die Arbeitsabläufe neu zu erfinden", sagt Ron Markezich, Corporate Vice President bei Microsoft.

Die Konzernvordenker in Seattle sind überzeugt, dass die Wirtschaftswelt sich grundlegend verändert: Dass eine lange stabile Ära abgelöst werde von einer Zeit immer schnelleren Wandels in Industrie, Politik und Technologie. Und dass Unternehmen in dieser neuen Zeit nur überleben können, wenn sie "nicht einfach wie die letzten Jahrzehnte immer eine Sache möglichst lange möglichst gut machen".

So sagt es Anton Andrews. Der promovierte Biophysiker hat in Köln Abitur gemacht und lange für Phillips gearbeitet, nun leitet er bei Microsoft die Abteilung "Envisioning": Andrews beschäftigt sich den ganzen Tag mit der Frage, wie die Welt der Arbeit in fünf bis zehn Jahren aussehen wird.

Auf dem Firmen-Campus in der Nähe von Seattle betreibt Microsoft unter anderem ein großes Innovationslabor, in dem Andrews einige seiner Zukunftsvisionen zeigt: Bürowände, die gleichzeitig riesige Bildschirme sind und dabei in Echtzeit Daten aus allen Teilen des Unternehmens anzeigen, aufbereitet von komplexen Algorithmen.

Die Microsoft-Forscher tragen seit Jahren Studien zur Arbeit aus aller Welt zusammen und verknüpfen sie mit Erfahrungsberichten von Unternehmenskunden. Für Andrews ist dabei klar geworden: Die neue Wirtschafts- und Arbeitswelt sei unsicher, unvorhersehbar und instabil. Eine Welt, "in der, was heute noch richtig ist, morgen schon falsch sein kann". Die einzig logische Antwort darauf sei ständige Innovation.

Der Arbeitnehmer von morgen muss flexibler sein

Die Folgen der immer schnelleren, auf immer neue Erfindungen getrimmten Arbeitswelt stehen aus Sicht der Microsoft-Forscher auch schon fest: "Es wird weniger Vollzeitangestellte geben und kaum jemanden, der sein ganzes Leben immer den gleichen Job macht", sagt Andrews. Stattdessen werde projektbezogen gearbeitet, mit immer neu zusammengewürfelten Teams. Und von überall, nicht mehr nur im Büro. "Zunehmende Automatisierung bedeutet, dass sich auch der menschliche Arbeiter ändern muss, dass er kreativer sein und mehr Ideen entwickeln muss", sagt Andrews.

Ähnlich wie Google sieht Microsoft seine große Chance nun darin, dass jedes Unternehmen ein Softwareunternehmen werden muss. "Aber nicht jedes Unternehmen kann sich die entsprechende Kompetenz selbst aufbauen", sagt Ron Markezich. Das will stattdessen Microsoft übernehmen: Mit intelligenten Systemen, der Analyse riesiger Datenmengen und digitalen Assistenten. Ziel sei, den Menschen beim Denken zu helfen, so Markezich. Die Microsoft-Systeme lesen aus, welche Meetings effektiv waren, beantworten E-Mails und analysieren die Effektivität von Managern.

Die neue Datenintelligenz soll vorhersagen "was der Kunde will, bevor er weiß, dass er es will", so Microsoft-Chef Satya Nadella. Dabei soll die Maschine auf "natürliche Weise" mit dem Menschen kommunizieren: In den Laboren von Microsoft, Google und Apple arbeiten die Forscher mit großem Aufwand daran, dass der Computer bald endlich in der Lage ist, Sprache perfekt zu beherrschen und flüssige Unterhaltungen über alle Details der Arbeit zu führen. Fast wie ein menschlicher Kollege, nur ohne Pensionsansprüche und Krankheitstage.

Infosys-Chef Sikka sieht dennoch keinen Grund, sich vor den intelligenten Maschinensystemen zu fürchten: Sobald die Menschen den Nutzen und die Grenzen von künstlicher Intelligenz besser verstehen, werde sie auch bloß zu einer weiteren Technologie, "nicht viel anders als das Telefon".

Allerdings, vermutet Sikka, müsse der Arbeitnehmer von morgen zwangsweise flexibler und einfallsreicher werden, quasi ständig neu beweisen, warum er noch nicht durch eine Maschine ersetzt wurde: "Künstliche Intelligenz ist sehr viel effizienter als der Mensch, wenn es einfach nur darum geht, Anweisungen zu folgen."


Zusammengefasst: In den USA tüfteln Konzerne wie Infosys oder Microsoft an selbstlernenden Computersystemen, die die Wirtschaft automatisieren und große Teile menschlicher Arbeit überflüssig machen sollen. Die Beschäftigten müssen sich diesem Fortschritt anpassen. Lebenslang im gleichen Job - das wird es in Zukunft wohl nicht mehr geben.

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insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
Thorkh@n 05.09.2016
1. Wollen wir ...
... unsere Welt wirklich dieser handvoll durchgeknallter Technokraten überlassen?
Kritiker1887 05.09.2016
2. Aber natürlich ...
"Er betont, dass es niemals darum geht, Arbeitsplätze zu ersetzen" Was glaub der Herr denn bitte, was seine Technologie bewirken wird?! Wir Menschen sind echt wunderbare weitsichtige Wesen ... Aber sicherlich schaffen die neuen Technologien ganz viele neue Jobs, in denen dann die friegesetzten oder unnötigen Mitarbeiter unterkommen können. Wer's glaubt wird selig! Der Unterschied zu den "großen" vorangegangenen industriellen Revolutionen ist der, dass es nach dieser leider nicht allen besser gehen wird. Anstelle immer schneller Softwarelösungen zu kreieren, die den Menschen schneller und effizienter ersetzen sollten wir uns mal Gedanken machen, was wir denn bitte mit den ganzen Menschen anstellen, die dann keinen Job mehr haben. Diese zu Informatikern umschulen? Wohl kaum. Technologie kann sicherlich ein Segen sein. Aber nicht, wenn dadurch der Mensch überflüssig wird!
nixkapital 05.09.2016
3. Arbeitsplatz-Abbau
Ich finde, dieser Satz sagt eine Menge über die Motivation aus, künstliche Intelligenz zunehmend dort einzusetzen, wo heute noch überwiegend Menschen arbeiten:"...Fast wie ein menschlicher Kollege, nur ohne Pensionsansprüche und Krankheitstage...". Technischer Fortschritt kann ja gut sein, allerdings müssen wir uns dann heute schon einmal Gedanken darüber machen, wie Menschen in Zukunft ihr Leben bestreiten sollen, wenn immer weniger menschliche Arbeitskräfte benötigt werden. Ich glaube nicht an die Formel, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze nicht verringert, sondern sich nur ihr Inhalt ändert. Wir werden sehen, dass sich immer mehr Menschen ohne Arbeit in dem berühmten "Sockel" wiederfinden werden.
naklar261 05.09.2016
4. ja. naund?
dann muss der hufschmied eben lernen traktoren zu reparieren. das haben die frueher naemlich gemacht wurde mir hier gesagt. und die zahl der hufschmiede steigt!
koem 05.09.2016
5. in Kombination mit
einem bedingslosen Grundeinkommen oder anderen politischen Systemen könnte funktionieren.
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