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Kurskapriolen: Experten warnen vor gefährlicher VW-Blase

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500, 700, fast 1000 Euro: Die VW-Aktie steigt in absurde Höhen und bringt den Dax durcheinander. Kurzzeitig war der Autokonzern sogar das teuerste Unternehmen der Welt. Banken und Fonds sollen Milliarden verzockt haben, Experten fürchten einen Crash - und drängen die Börse zu Gegenmaßnahmen.

Hamburg - Börsianer-Statements klangen an diesem Dienstag noch verwirrter als sonst: "Alles verrückt hier", sagt ein Postbank-Händler. Ein anderer sagt nur noch "VW" - und behauptet: "Das erklärt alles." Ein dritter sagt, durch VW wirke das Börsengeschehen "deutlich weniger seriös".

VW-Aktienkurs an der Frankfurter Börse: "Das Hoch ist nur der Hingucker"
REUTERS

VW-Aktienkurs an der Frankfurter Börse: "Das Hoch ist nur der Hingucker"

Tatsächlich sind die Kapriolen, die die VW-Aktie zurzeit vollführt, verstörend. Von Montagmorgen bis Dienstagmittag stieg ihr Kurs wie eine Rakete, von ohnehin schon absurden 210,52 Euro auf teilweise mehr als 1000 Euro. Mit dieser Rallye überholte VW vorübergehend sogar Exxon Mobil als wertvollstes Unternehmen der Welt. Bei Börsenschluss kostete die Aktie immer noch über 945 Euro.

Einen solchen Kursanstieg hat es in der Geschichte der Deutschen Börse noch nicht gegeben. Und so hat die Rallye der VW-Aktie die meisten Anleger verblüfft. Einige Experten hingegen nicht. Das Problem habe sich lange angedeutet - VW sei seit Monaten überbewertet.

"Das jetzige Hoch ist nur der Hingucker", sagt Bernd Schimmer, Chefanalyst der Hamburger Sparkasse. "Schon seit Anfang des Jahres drückt die überbewertete VW-Aktie den Dax künstlich nach oben." Tatsächlich, sagt Schimmer, hat das VW-Kurshoch zum Teil die Börsenbeben der Finanzkrise abgefedert.

Seit der Bankrotterklärung der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September sind die Börsen weltweit im Sinkflug. Der Dax brach von 6234 auf zwischenzeitlich rund 4000 Punkte ein. "Ohne VWs Kursboom wäre der Dax noch um mindestens zehn Prozent mehr in den Keller gegangen", sagt Schimmer, "vermutlich sogar noch mehr."

Der Mechanismus, der hinter der aktuellen Kursrallye steht, ist so kompliziert nicht. Er basiert im Grunde auf dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Porsche sammelt seit längerem VW-Aktien in kleinen Häppchen, inzwischen hat das Unternehmen seinen Anteil auf 42,6 Prozent aufgestockt, 32,5 Prozent kontrolliert das Unternehmen in Form von Optionen.

Da das Land Niedersachsen, der zweite Großaktionär, ebenfalls über 20 Prozent der VW-Anteile hält, wurde der Anteil der am freien Markt verfügbaren VW-Aktien, der sogenannte Streubesitz, immer kleiner. Gleichzeitig gibt es eine hohe Nachfrage an VW-Papieren - vor allem durch sogenannte Leerverkäufer (siehe Grafik unten).

Als Porsche nun am Sonntag bekanntgab, VW über einen Beherrschungsvertrag kontrollieren zu wollen, brach die Panik aus. Inzwischen liegt der Streubesitz nur noch bei rund sechs Prozent des gesamten VW-Kontingents. Das knappe Angebot verursachte einen Run auf die wenigen noch verfügbaren VW-Aktien.

Wie die Kursrallye genau abgelaufen ist, zeigt die SPIEGEL-ONLINE-Grafik (anklicken für das Großbild):

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Das Hoch der VW-Aktie hat inzwischen eine Börsenblase produziert. Das Gewicht des Autobauers im Dax ist überproportional hoch. Bereits am Montag machte der Wert der VW-Titel 16,67 Prozent im Dax aus. Am Dienstag nach Börsenschluss lag der Anteil bei über 27 Prozent. Das bedeutet: Der Dax-Wert bestand zu über einem Viertel aus VW.

20 der 30 Werte im deutschen Leitindex standen zu Börsenschluss dagegen im Minus. "Auch das", sagt Haspa-Chefanalyst Schimmer, "liegt zum Teil am exorbitanten VW-Kurshoch. Die Stärke der Volkswagen-Aktie schwächt die anderen Dax-Werte", erläutert er. "Unternehmen, die von der Wertsteigerung der VW-Aktie profitieren wollen, und Leerverkäufer, die für Aktienrückkäufe Kapital benötigen, verkaufen ihre anderen Dax-Werte. Dadurch drückt das Riesenplus von VW viele anderen Werte weiter ins Minus."

Grafik: Börsenrodeo in der Autobranche
SPIEGEL ONLINE

Grafik: Börsenrodeo in der Autobranche

Doch obwohl die meisten Dax-Werte in den roten Zahlen stehen, schloss der Dax über elf Prozent im Plus. "Der Index gibt ein falsches Signal", sagt Burghof. "Das Gewicht der VW-Aktie im Dax ist so utopisch hoch, dass es die anderen Werte völlig aufhebt. Das kann man schon als Marktversagen bezeichnen."

Man könnte überspitzt auch sagen: Im Moment gibt es keinen Dax mehr - nur noch VW. Und das ist ein höchst unberechenbares Konstrukt. Sobald sich der Wert der Aktie normalisiert, drohen dem deutschen Leitindex herbe Verluste. Es gibt mehrere Szenarien dafür. Manche beinhalten einen allmählichen Rückgang des VW-Werts, andere einen plötzlichen - mit gleichzeitigem Börsencrash.

Was passiert, wenn die Blase platzt?

Das harmloseste Szenario ist noch, dass die Nachfrage nach VW-Aktien allmählich wieder sinkt. So vermuten Experten, dass die eminent hohen Preise vor allem von Leerverkäufern produziert worden sind, die ihre geliehenen VW-Aktien kurzfristig zurückgeben müssen. Tun sie dies nicht, begehen sie gegenüber dem Verleiher - meistens einer Bank - einen Vertragsbruch. Sie können dann auf hohe Summen verklagt werden. Außerdem droht dem Leerverkäufer ein erheblicher Imageverlust, der es ihm künftig erschwert, sich Aktien zu leihen.

Solche Leerverkäufe dürften allerdings in absehbarer Zeit auslaufen. "Short Sales sind recht kurzfristige Geschäfte", sagt Finanzexperte Burghof. Ihr Druck dürfte nicht mehr allzu lange auf den VW-Werten lasten. "Laufen allerdings viele Short Sales am selben Tag aus, beispielsweise, da ein Hedgefonds eine große Anzahl an VW-Leerverkäufen getätigt hat, dürfte der Dax deutlich verlieren."

Allerdings, sagt ein Analyst, der nicht namentlich genannt werden will, sei das aktuelle Preishoch nicht unbedingt nur auf Leerverkäufer zurückzuführen. "Es gibt mehrere Aktienfonds, die an den Dax gekoppelt sind oder die Autowerte abbilden", sagt der Experte. "Wenn die Einlagen solcher Fonds steigen, sind sie gezwungen, neue VW-Aktien zu kaufen." Da es aber am freien Markt kaum noch solche Aktien gibt, halte ihre Nachfrage den Preis weiter künstlich hoch.

Was, wenn VW aus dem Dax fällt?

Ein anderes Szenario ist daher, dass der VW-Wert den Dax bis zum dritten Dezember weiter künstlich aufbläht - und ihn dann mit sich in die Tiefe reißt. Denn am 3. Dezember ist an der Deutschen Börse ein sogenannter Verkettungstermin vorgesehen: Viermal pro Jahr trifft sich der Arbeitskreis Aktienindizes der Deutschen Börse, um die einzelnen Unternehmen im Index neu zu gewichten.

Die vorgesehene Obergrenze einer Aktie liegt aber bei zehn Prozent. Finanzexperte Wolfgang Gerke fordert die Deutsche Börse deshalb auf, jetzt zu handeln, zumindest den Wert der VW-Aktie jetzt schon auf die vorgesehene Obergrenze zu beschneiden. "Es kann nicht angehen, dass eine einzige Aktie den Deutschen Aktienindex so stark bestimmt, wie das derzeit der Fall ist", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Ein weiteres Szenario, ist, dass es einen sogenannten "fast exit" der VW-Aktie gibt. Nach Börsengesetz müssen mindestens fünf Prozent der Papiere in Streubesitz sein. Ansonsten muss der Wert binnen zwei Tagen ausgetauscht werden. Gerke vermutet, dass schon jetzt weniger als fünf Prozent der Aktien in Streubesitz sind.

In diesem Fall aber müsste VW die Börse benachrichtigen. Die müsste die Aktie gegen eine andere austauschen und die Gewichtung der 30 Dax-Werte anpassen. Die Börsenblase würde platzen - und der Dax in den Keller sausen. "Angesichts des ohnehin gespannten Umfelds ist ein neues Börsenbeben dann nicht ausgeschlossen", sagt Burghof.

Wer sind die großen Verlierer?

Kritisch ist an der Konstellation auch, dass sich viele Marktteilnehmer inzwischen fragen, welche Investoren sich bei den Wetten auf einen sinkenden VW-Kurs verspekuliert haben - und ob auch Banken darunter sind.

An den Börsen in Europa und den USA sind zahlreiche Aktien von Geldinstituten wegen der Explosion der VW-Aktie unter Druck. In Frankreich stürzten die Aktien der Société Générale wegen VW-Spekulationen zeitweise um mehr als 17 Prozent ab. An der Wall Street fielen die Titel der ehemaligen Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs zeitweise um mehr als zehn Prozent. Société Générale war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar; Morgan Stanley erklärte sich nicht betroffen; Goldman erlitt nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters keine beträchtlichen Verluste im Zusammenhang mit VW.

Ein Fondsmanager in Paris sagte: "Wer mit viel geliehenem Geld auf fallende Volkswagen-Kurse gesetzt hat, steht vor kolossalen Verlusten."

Schon die "Financial Times" hatte am Dienstagmorgen von 15 Milliarden Euro Verlust bei Zockereien mit der VW-Aktie berichtet - nach neuen Informationen des "Handelsblatts" aus Bankkreisen hat nun allein der Londoner Hedgefonds Marshall Wace mehr als fünf Milliarden Euro verloren. Auch der von der Wall-Street-Legende Richard Perry geführte New Yorker Fonds Perry Capital habe sich in gigantischem Ausmaß verspekuliert - und außerdem der Investor Greenlight Capital ebenfalls aus New York.

Mehrere Hedgefonds und Banken erlebten gerade einen Alptraum, schreibt die Zeitung. Alle drei genannten Hedge-Fonds ließen Fragen zum Stand ihrer VW-Investitionen auf Nachfrage der Zeitung unbeantwortet. Der elf Milliarden Dollar schwere Perry Fonds musste in den vergangenen Tagen bereits Entlassungen bekanntgeben. Aktuell sei der Fonds wie viele andere in der Verlustzone.

Mit Material von Reuters

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