Von Hasnain Kazim
Hamburg - Am Freitag soll gestreikt werden. Am Freitag wollen die Lokführer ihrem Ärger Luft machen. Am Freitag soll Bahn-Chef Mehdorn sehen, dass sie es ernst meinen mit ihren Forderungen nach einem eigenen Tarifvertrag und bis zu 31 Prozent mehr Gehalt.

ICE: Die Gewerkschaft GDL verzeichnet einen Mitgliederzuwachs
Die harte Haltung der Gewerkschaftsführung hat zwei gute Gründe: In der GDBA sind vor allem verbeamtete Bahn-Mitarbeiter organisiert. Und im Juli dieses Jahres hatten Transnet und GDBA bereits ein Einkommensplus von 4,5 Prozent und eine Einmalzahlung in Höhe von 600 Euro für das Gros der Bahn-Mitarbeiter ausgehandelt. Die GDL hatte sich der Tarifgemeinschaft nicht angeschlossen. Bei der GDBA heißt es: "Hier sind Tarif-Brecher am Werk."
Das ist allerdings nur die amtliche Version. Denn an der Basis von Transnet und GDBA wächst die Zustimmung für die Lokführer.
Beigetragen hat dazu auch die Bahn-Führung selbst, weil sie Anfang August einen Lokführerstreik per Gerichtsbeschluss untersagen ließ. Jetzt will der Konzern den für Freitag angekündigten Arbeitskampf erneut auf juristischem Wege verbieten lassen. Das ist selbst vielen Transnet- und GDBA-Mitgliedern zu viel.
Verärgerung über Streikverbot per Gericht
"Zum Kotzen" sei das, was die Bahn mache, sagt ein Lokführer, der Transnet-Mitglied ist. Das Streikrecht sei ein hohes Gut, das nicht einfach per Gerichtsbeschluss gekappt werden dürfe. "Inzwischen stehe ich in der Auseinandersetzung auf der Seite der GDL." Mehrere seiner Kollegen würden genauso denken.
Die GDL vertritt nach eigenen Angaben etwa 15.000 der insgesamt 20.000 Lokführer der Deutschen Bahn. Die Auseinandersetzungen in diesem Jahr haben der Gewerkschaft nach eigenen Angaben bislang einen Zuwachs im Saldo von rund 300 Mitgliedern gebracht - auf Kosten der anderen beiden Bahngewerkschaften.
Nur wenige GDL-Mitglieder verließen die Gewerkschaft in Richtung Transnet, weil ihnen das Auftreten von GDL-Chef Manfred Schell zu forsch und die Forderungen zu radikal waren. Schell wolle sich vor seinem Ruhestand doch nur ein Denkmal setzen, sagt ein Transnet-Neumitglied.
Auch Lokführer von privaten Eisenbahngesellschaften unterstützen die GDL, obwohl ihre Forderungen nur die angestellten Kollegen von der Deutschen Bahn betreffen. "Es ist schade, dass die GDL sich bei privaten Bahnunternehmen mit 4,5 Prozent Gehaltsplus zufrieden gegeben hat und jetzt nur noch für die Deutsche-Bahn-Lokführer verhandelt", sagt ein Mitarbeiter der NordWestBahn. Allerdings setze man darauf, dass die Bezahlung in den privaten Unternehmen nach einer Tarifeinigung angeglichen werde.
Verbeamtete Lokführer wollen keine Streikbrecher sein
Für Berufseinsteiger fordert die GDL 2500 Euro statt bisher 1970 Euro Einstiegsgehalt - brutto. Die Bahn arbeitet dagegen mit anderen Zahlen. Nach ihren Angaben beträgt die Bezahlung für Berufsanfänger schon jetzt einschließlich Zulangen und Sonderzahlungen monatlich mehr als 2600 Euro.
"Bei privaten Bahngesellschaften gibt es aber oft keinerlei Zulagen", sagt der NordWestBahn-Mann. Im Schnitt werde dort ähnlich wenig verdient wie bei der Deutschen Bahn. "Ich gehe mit rund 27.000 Euro brutto im Jahr nach Hause und arbeite 39 Stunden in der Woche. In Großbritannien erhält ein Kollege bis zu 60.000 Euro für eine 35-Stunden-Woche. Wie die Bahngesellschaften in Deutschland mit diesen Konditionen ihren Personalmangel bei Lokführern in den Griff bekommen wollen, ist mir ein Rätsel." Alles in allem habe er daher Verständnis für die Forderungen der Kollegen von der Deutschen Bahn.
"Ich gebe mich nicht als Streikbrecher her"
Auch bei den verbeamteten Lokführern, für die die GDL nicht verhandelt, wächst der Unmut über die Bahn-Führung. "Offensichtlich verlangt man von uns, dass wir Streikbrecher spielen", sagt ein Lokführer. "Dazu werde ich mich aber nicht hergeben. Ich werde meine im Dienstplan vorgesehenen Fahrten machen, nicht weniger, aber auch nicht mehr", erklärt er und verweist auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2001, wonach Beamte nicht gezwungen werden können, die Arbeit von streikenden Angestellten zu übernehmen.
Lokführer im Beamtenstatus verdienen im Schnitt monatlich 700 Euro mehr als die angestellten, haben weniger Abzüge vom Bruttolohn und eine bessere Altersvorsorge. Etwa 40 Prozent der Lokführer bei der Deutschen Bahn sind Beamte. "Eigentlich sollte der Grundsatz gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelten", sagt ein Lokführer von der GDBA. "Insofern kann ich die Kollegen in der GDL gut verstehen."
Zukunftsängste von Zugbegleitern und Technikern
Ein Lokführer aus der GDL, der für ein privates Bahnunternehmen fährt, weist auf die hohe Arbeitsbelastung hin. "Klar müssen wir keine Kohlen mehr schippen. Aber während der Fahrt wird alles permanent computerüberwacht, alles wird registriert - und wenn wir einen Fehler machen, gibt es Ärger", sagt er. "Vorschriften und Technik werden immer komplizierter, wir tragen Verantwortung für Fahrzeuge im Millionenwert und für bis zu 800 Personen. Jeder Lokführer erlebt statistisch gesehen knapp drei Selbstmorde im Laufe seines Berufslebens - das ist eine enorme psychische Belastung. Da ist es an der Zeit, dass wir angemessen bezahlt werden."
Dem stimmen auch Fahrdienstleiter, Zugbegleiter, Techniker und Service-Kräfte zu. Allerdings machen sie sich Sorgen um ihre eigene Zukunft. "Sollen die Lokführer ruhig mehr kriegen", sagt ein Schaffner. "Aber das Problem ist: Wenn eine Berufsgruppe mehr Geld bekommt, kriegt eine andere weniger. Irgendwo sparen die Manager das ja ein. Ich fürchte, dass es am Ende uns trifft."
Ein Techniker sagt, er möchte einmal sehen, was aus der Bahn werde, wenn die Techniker ihre Arbeit nicht machten. "Wir sind für den Betrieb genauso unerlässlich wie die Lokführer. Was also soll dieses Getue um einen eigenen Tarifvertrag?"
Eine Zugbegleiterin sagt, dass die Lokführer durch den Personalmangel in diesem Bereich eine bessere Verhandlungsposition hätten als andere Berufsgruppen. "Uns kürzt man das Gehalt und entlässt uns im Zweifel auch, weil man schnell jemand Neues findet, der unsere Arbeit macht. Aber bei mehr als 1000 offenen Lokführerstellen bei der Deutschen Bahn geht man mit denen viel vorsichtiger um."
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