Ladenhüter-Immobilie Münchner versteigert Doppelhaushälfte per Quiz

Volker Stiny findet in der Wirtschaftsflaute keinen Käufer für seine Immobilie, deshalb will er sie per Gewinnspiel loswerden. Doch die Behörden sind dagegen. Jetzt hat der Münchner eine neue Idee: ein Wissensquiz um die Doppelhaushälfte. Die Fragen sind gar nicht so schwer.

Von Esther Wiemann


Berlin - Beim Thema Glücksspiel macht Volker Stiny so leicht keiner etwas vor. Er hat sich mit Anwälten besprochen, Gesetzeskommentare studiert, und verfolgt akribisch die aktuelle Rechtsprechung. Das ist wichtig, denn Stiny möchte auf keinen Fall ein Glückspiel veranstalten.

"Nichts darf bei dem Quiz dem Zufall überlassen bleiben", sagt der 53-Jährige mit bayerischem Akzent. "Das Quiz", das ist Stinys Gewinnspiel im Internet. Der Jackpot: Eine Doppelhaushälfte im beschaulichen Baldham am Stadtrand von München, 156 Quadratmeter, weiß verputzt, plus Garten und Garage.

Seitdem das Quiz läuft, hat der gebürtige Münchner viel zu tun. Gerade sitzt er vor seinem Laptop und versucht, einige E-Mail-Adressen zu rekonstruieren, die Mitspieler versehentlich falsch eingegeben haben. Das Quiz ist ein Vollzeitjob. "Meine Lebenspartnerin und ich machen seit sechs Monaten nichts anderes mehr", erzählt er.

Ursprünglich wollte Stiny das Haus verlosen. Das ist in Deutschland aber nicht erlaubt. Per Wissensquiz wollte er deswegen eine Vorauswahl treffen - nur am Ende sollte es eine Mini-Verlosung geben.

Die Idee für das Gewinnspiel wurde eigentlich aus der Not geboren: Jahrelang hatten seine Eltern darin gewohnt - seit dem Tod von Stinys Vater ist es zu groß für seine 87-Jährige Mutter. Stiny selbst wohnt mittlerweile in Berlin. Doch infolge der Finanzkrise rutschten die Immobilienpreise in den Keller. Für den Preis, den Stiny sich vorstellte, wollte keiner das Haus kaufen. Eine Versteigerung im Internet kam für den Münchener hingegen nicht in Frage - zu groß wäre das Risiko gewesen, das Haus am Ende weit unter Preis loszuwerden. Ein Gewinnspiel hingegen, so das Kalkül, könnte bei sorgfältiger Planung sogar noch einen Zuschlag einbringen.

Schließlich sah die Formel so aus: Maximal 48.000 Mitspieler bezahlen jeweils 19 Euro, um an dem Spiel teilzunehmen. Abzüglich Anwalts- und Notarkosten, Ausgaben für weitere Sachpreise und einer Spende in Höhe von 20.000 Euro für die Organisation "Kinder in Afrika", bleiben unter dem Strich im günstigsten Fall 700.000 Euro für Stiny - 100.000 Euro mehr als der berechnete Wert des Hauses.

Stiny konsultierte einen Anwalt, einen Experten für Glücksspielrecht: Erst Quiz, dann Mini-Verlosung - das ist kein Glücksspiel, versicherte der Jurist. Die Regierung in Mittelfranken sah das allerdings anders: Die zuständige Behörde untersagte das "verbotene Glücksspiel" - doch da hatten sich schon mehr als 20.000 Mitspieler angemeldet und ihre Anmeldegebühr bezahlt.

Jetzt wurde es brenzlig, denn auch ein Eilantrag vor Gericht scheiterte. Einen Moment lang überlegte Stiny, ob er das Verfahren durchfechten sollte, doch die hohen Kosten und vor allem die drängelnden Gewinnspiel-Teilnehmer hielten ihn davon ab. Stiny entschloss sich kurzer Hand, die kleine Verlosung am Ende zu streichen.

Sackhüpfen oder Kirschkernweitspucken

Das Quiz funktioniert jetzt ähnlich wie die Fernsehsendung "Wer wird Millionär?": Eine Frage, vier Antworten, nur eine davon ist korrekt. Wer einen Fehler macht, fliegt raus. Wer am Ende übrig bleibt, gewinnt das Haus.

Diesmal geht Stiny auf Nummer sicher: Von Behörden in Mittelfranken und Düsseldorf lässt er sich bestätigen, dass sein Quiz kein Glückspiel ist. "Wir könnten auch Sackhüpfen veranstalten oder Kirschkernweitspucken", sagt Stiny. Hauptsache kein Glücksspiel.

Vor rund zwei Wochen startete die zweite, nun legale Runde. Die Resonanz auf Stinys Gewinnspiel ist überwältigend. Seine Geschichte geht durch die Presse, er gibt Interviews im Fernsehen, über ihn wird in Blogs diskutiert. "Aus 144 Ländern spielen Menschen mit - von Costa Rica bis Monaco", sagt Stiny stolz. Mitspieler müssen sich im Internet registrieren, Geld überweisen, bekommen dann einen Zugangscode.

Tausende leisten ihren Spieleinsatz, aktuell sind es genau 21.432 Mitspieler. Ein Haus für 19 Euro ist verlockend. Wenn sich 48.000 Menschen angemeldet haben, ist Schluss. Wer rausfliegt, kann es noch mal probieren - wenn er noch mal zahlt.

In der ersten Runde passiert das kaum. Die Fragen sind leicht. "Ich will den Leuten nicht schon am Anfang den Spaß verderben", sagt Stiny. Auf dem Laptop blinkt jetzt ein Meer von Fragen und Antworten aus verschiedenen Themengebieten auf, die er bei einem Verlag gekauft hat. Für jede Runde wählt er mit seiner Lebensgefährtin 100 Fragen aus - 15 werden daraus pro Spiel per Zufallsgenerator ermittelt.

Verruchtes Ambiente

Vier bis fünf Durchgänge plant Stiny im Internet - bis von 48.000 Leuten noch 120 übrig sind. Die werden zum großen Finale eingeladen. Rund 40.000 Euro soll das Event kosten. "Geld, das ich investieren muss, weil die Behörde die Verlosung verboten hat", ärgert sich Stiny.

Doch der Investition trauert er nicht wirklich nach. Man merkt ihm die Freude an, wenn er von seinen Plänen für das große Finalspiel spricht: "Vielleicht wird es in München stattfinden, weil da die meisten Mitspieler herkommen." Die Fragen werden dann wahrscheinlich über große Bildschirme eingeblendet.

"Ich stelle mir ein Ambiente wie bei einer Pokerrunde vor. Mit gedämpftem Licht und Nebel - alles etwas verrucht", träumt Stiny. "Vielleicht werden sogar Fernsehkameras dabei sein."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.