Mit sechs ging Thomas Schmahl zum ersten Mal mit seiner Mutter aufs Amt. Seitdem ist er nie aus der Armut herausgekommen. Jetzt ist er 51 und fragt sich: Wie kann man aufsteigen, wenn man sein Leben lang unten war?

Seit 15 Jahren lebt Thomas Schmahl in einem abrissreifen Haus, jetzt sieht er die Chance auf ein besseres Leben. Er streicht sich noch einmal den Bart glatt, atmet tief durch und drückt auf die Klingel: "Immobilienverwaltung Kroll". Eine blonde Frau öffnet. Er kennt sie über Bekannte, deswegen erhofft er sich eine Chance.

"Arbeitest du, oder bist du Rentner?", fragt die Frau.

"Ich beziehe Hartz IV", sagt Schmahl leise.

"Haustiere?"

"Mein Hund Beule ist vor zwei Wochen gestorben."

"Hast du Möbel?"

"Die sind verseucht von Kakerlaken."

"Also was Möbliertes."

Schmahl füllt eine Selbstauskunft aus.

"Ich bin seit acht Jahren trocken", sagt er zögerlich. "Wäre schön, wenn ich mir keine Küche mit Trinkern teilen muss."

Die Frau schiebt ihm einen Zettel hin - ein Wohnungsangebot. "Musst du gucken, ob das Amt das übernimmt", sagt sie.

Schmahl fasst das Papier mit beiden Händen. Das Angebot klingt wie ein neues, geregeltes Leben - eines, was er so noch nie hatte.

Schmahl ist 51, und seit er denken kann, hat er nur selten Erfolgserlebnisse gehabt.

Mit sechs Jahren ging er zum ersten Mal mit seiner Mutter zum Sozialamt, mit zehn kam er ins Heim, mit 18 ging er auf den Strich und lebte auf der Straße, mit 20 war er Alkoholiker. "Danach", sagt Schmahl heute, "war eigentlich alles gelaufen."

Heute ist er einer von 764.000 offiziell Langzeitarbeitslosen - einer Gruppe von Menschen, die seit mindestens einem Jahr keinen Job haben.

Die Gründe, warum sie nicht arbeiten: Ihnen geht es oft psychisch nicht gut. Sie haben Gesundheitsbeschwerden. Einige haben keine Abschlüsse oder sprechen schlecht Deutsch. Andere pflegen Angehörige. Je älter jemand ist, desto seltener kommt ein Mensch aus der Situation heraus. Wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, wird es noch schwieriger. Die Arbeitsagenturen sprechen dann von "multiplen Vermittlungshemmnissen".

Für Schmahl ist es laut Statistik äußerst unwahrscheinlich, dass er nochmal arbeitet: Er hat keine Berufsausbildung, ist über 50 und trockener Alkoholiker. Er hatte fast nie einen Job. Arbeitsmarktforscher nennen Menschen wie ihn "chronisch arbeitslos". "Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht, ich hatte bloß selten eine Chance", sagt er. "Aber ich habe auch Fehler gemacht."

Bis vor Kurzem lief er jeden Tag mit Beule Gassi, seinem Hund, der vor Kurzem gestorben ist. Jetzt verbringt er seine Tage vor dem Computer, spielt, bearbeitet Bilder.

Wie kam es dazu, dass Schmahl nie aus der Armut herausfand?

In einer frühen Kindheitserinnerung hockt er unter einem Kneipentisch, streichelt einen Schäferhundwelpen; oben sitzt die Mutter und säuft.

Sonst kannte er sie vor allem auf der Couch liegend, mit Wodkaflasche in der Hand. Seinen Vater, einen Kranführer, sah er selten. Er und seine drei älteren Geschwister mussten allein klarkommen. Keine Regeln, keine Struktur. Sie duschten nicht regelmäßig. In der Schule riefen die anderen ihn "Stinki", verprügelten ihn.

Eines Tages, er war zehn, holte ein Herr vom Jugendamt ihn aus der Religionsstunde weg, ins Kinderheim.

Irgendwann in dieser Zeit muss der Trotz gewachsen sein, der ihm später fast jede Chance verbaute, die vor ihm lag.

Einmal, so erinnert er sich, stand er vor einer zersplitterten Fensterscheibe, die er im Kinderheim kaputt gemacht hatte. Er fürchtete sich vor dem Ärger. "Dann machte es 'Klack' in meinem Kopf", erzählt Schmahl. "Ich dachte: Na und, dann regen die sich halt zwei Tage auf." Die Angst verflog, sein Trotz wurde sein Schutzwall. Seitdem, sagt er, konnte man ihn nicht mehr angreifen. Misserfolg perlte an ihm ab.

Er machte dann gern das Gegenteil von dem, was ihm Leute sagten.

Eine Vorbereitung für eine Ausbildung zum Tischler brach er Monate vor Abschluss ab.

Ebenso die Realschule.

Kurz nach seinem 18. Geburtstag haute er aus einem Schwererziehbaren-Heim ab - obwohl er dort noch hätte bleiben können.

Stattdessen ging er auf den Strich am Bahnhof Zoo in Berlin, pro Freier 50 Mark. Er pennte auf Dachböden oder mal ein paar Wochen bei einem Freier. Er war in fast jedem Bezirk mal gemeldet, sagt er, lernte die Sozialämter Berlins kennen.

Vorm Schlafengehen machte er immer noch ein Bier auf, damit er morgens Grund hatte, es auszutrinken.

Ein Freier nahm ihn mit nach Hamburg. Dort schob er Frühschichten in einer Schwulenkneipe namens "Butterfly". Mit dem Wirt einer anderen Kneipe lebte er lange in einem winzigen Zimmer.

Die Kneipe ging pleite, sein Freund halste ihm 50.000 Euro Schulden auf: Er hatte Schmahl als Geschäftsführer eingetragen.

Schmahl zahlte nie einen Cent ab. Er blieb bei dem Wirt, bis er Matze kennenlernte.

Thomas Schmahls wertvollster Gegenstand Bei einem Acryl-Malkurs lernte Thomas Schmahl Matze kennen. Dabei entstand das Comic-Gemälde, das er aus einem Heft abgemalt hat. Für Schmahl ist es der wertvollste Gegenstand, den er in seiner Wohnung besitzt.

Dezember 2018: Schmahl und Matze sitzen in der Wohnung vor vollen Aschenbechern, Kakerlaken krabbeln über den Esstisch. Vor zehn Jahren trennten sie sich, mittlerweile sind sie beste Freunde. Sie sprechen über alte Zeiten.

"Die Ämter haben uns eine Weile ziemlich getriezt", sagt Schmahl.

Zu der Zeit, in der Gerhard Schröder die Hartz-Reformen umsetzte, waren er und Matze verliebt, tranken sich die Welt schön. Die Debatten in den Talkshows, ob Arbeitslose "Sozialschmarotzer" seien, zogen an ihnen vorbei. Ab und zu arbeiteten sie in Ein-Euro-Jobs: Statuen putzen. Auf der Einkaufsstraße Touristen helfen. Beim "Park & Ride" Autos einweisen.

"Das hat man halt eine Zeit lang gemacht, damit das Amt Ruhe gibt", sagt Schmahl. "Perspektive hat uns das nicht gegeben." Schmahl und seine Freunde kämpften mit zu vielen Problemen: Ihnen fehlte nicht nur Geld, es mangelte ihnen an Struktur, an Gesundheit, an Hoffnung. An Kontakten außerhalb der Trinkerszene.

Und es mangelte ihnen an Erfolgserlebnissen. Fragt man Schmahl, an welches er sich erinnert, überlegt er lange. Dann sagt er, dass er einmal in der Schule einen Fehler in einem Diktat gefunden habe, unten rechts auf einer Seite. Der Lehrer lobte ihn. Aus den darauffolgenden 40 Jahren fällt ihm nichts ein.

Die 416 Euro, die das Amt Schmahl überweist, reichen nur bis Mitte des Monats. Danach lässt er anschreiben: Beim Kiosk um die Ecke, bei seinen Freunden - für Milch, Cola, Tabak, seine größten Ausgaben. "Mit Geld konnte ich nie umgehen", sagt er. Vor Kurzem hat er sich für 35 Euro pro Monat ein Smartphone mit Vertrag angeschafft.

Diesen Monat musste er sich entscheiden: die Tierarztrechnung für seinen verstorbenen Hund abstottern oder die monatliche Handyrate bezahlen?

Er erinnert sich an eine Szene aus seiner Kinderheimzeit, die für ihn deutlich macht, was schieflief: Er saß im Zimmer eines Heimmitbewohners, Rollläden runter, eine rote Lampe an und kiffte. So ging das fast jeden Tag. Die Erzieher bekamen es mit. Niemand interessierte sich dafür. "Die haben nur geschimpft, wenn sie durch uns Probleme bekommen konnten", sagt Schmahl. "Ansonsten waren das fremde Leute, die sich nicht wirklich für uns interessiert haben."

Auch das Jobcenter hat er später so wahrgenommen: als Institution, die nicht fragte, was er braucht, sondern ihn verwaltete.

Die Ein-Euro-Jobs, die Schmahl gemacht hat, haben ihn nicht motiviert: "Das ist reine Beschäftigungstherapie", sagt er.

Er hätte so früh wie möglich jemanden gebraucht, der an ihn glaubt. Doch welches Sozialsystem kann leisten, dass die Leute sich wertvoll fühlen?

Das, was seine Eltern, Erzieher und Sachbearbeiterinnen ihm nicht geben konnten, suchte er im Alkohol. Im Jahr 2000 schrieb der Arzt ihn deswegen krank.

"Herr Schmahl, das ändert alles", habe die Frau vom Sozialamt gesagt. "Sie hätten uns doch sagen können, dass Sie alkoholkrank sind." Sie gab ihm Flyer für Entzugskliniken, ließ ihn ab da in Ruhe. Eine erste Therapie scheiterte.

"Irgendwann hast du Blut gespuckt", sagt sein bester Freund Matze bei dem Gespräch auf der Couch.

Schmahl nickt. Er hatte da bereits eine Leberzirrhose.

"Ich wollte noch zum Spülbecken, da ging das in einem Schwall, die ganze Wand war rot."

Der Arzt habe ihm gesagt: "Zwei Möglichkeiten. Weiterleben oder weitersaufen." Seitdem, sagt Schmahl, gilt sein Trotz dem Tod.

Beule, sein Hund, war dabei, als Schmahl mit dem Trinken aufhörte. Danach gab er ihm Struktur: Gassi gehen, Hundefutter kaufen. "Er fehlt mir an allen Ecken und Enden", sagt er.

Doch so seltsam das ist: Beules Tod bringt ihm auch Gutes. Den Termin bei der Immobilienfirma bekam er nur, weil eine Freundin aus Mitleid den Kontakt vermittelte. Vier Tage später erfährt er: Er bekommt die Wohnung. Das Amt übernimmt die Kosten. Zum ersten Mal seit 15 Jahren wird er ohne Kakerlaken wohnen. "Diese Aussicht beflügelt mich richtig", sagt er.

Er will jetzt Dinge angehen, die lange liegen geblieben sind, als er den Hund nicht allein lassen wollte: zum Beispiel seine kaputten Trommelfelle flicken lassen. Oder sein Gebiss operieren lassen. Seine Zähne hat er vor Jahren verloren.

Wenn er eine Million Euro hätte, scherzt er, würde er sich so operieren lassen, dass er die Zähne wechseln kann, etwa zu Fasching Vampirzähne einsetzen: "Mal in eine andere Rolle schlüpfen, sich bis auf die Zähne verändern." Es ist ein Witz, aber er lacht nicht.

Er bleibt Thomas Schmahl, vom Geld träumt er nur.

Einmal will ihm jemand im Traum fünf Euro andrehen, und er sagt "Nein, Nein, behalte deine Knete. Womit hab ich das verdient?".

Aber jedes Mal, wenn er ablehnt, erhöht der Schenkende die Summe. Erst das ganze Portemonnaie. Dann ein ganzer Koffer. Es macht ihm Angst, Geld zu besitzen. So viel Verantwortung.

Irgendwann wird er es nicht mehr los, zu Hause zählt er den Berg, Schein für Schein: drei Milliarden Euro.

Gerade überlegt er, was er damit machen kann, dann wacht er auf und hat nicht mal mehr Tabak zu Hause.