Laufschuhe Made in Mecklenburg "Das kriegen die Chinesen nicht auf die Reihe"

Nike & Co. produzieren in Asien - die Hamburger Sportschuhhändler Lars und Ulf Lunge bauen lieber eine Fabrik in Mecklenburg-Vorpommern auf. Die höheren Löhne in Deutschland schrecken sie nicht. Denn sie haben genug von mieser Qualität aus Fernost.

Von Tim Höfinghoff


Düssin – Mario Renk steht immer noch ein wenig ungläubig vor dem Schild, das sie auf der Wiese vor seinem Haus in den Boden gepflanzt haben. "Umbau und Umnutzung eines Kuhstalles als Laufschuhfabrik" steht darauf. Renk kann sich noch gut an die Stimmung im Ort erinnern, als das Schild plötzlich da war. "Jeder dachte: Das ist ungewöhnlich. Schuhe kommen doch aus Asien."

Inzwischen ist in Düssin die Überraschung der Vorfreude gewichen. In dem Dorf im Südwesten von Mecklenburg-Vorpommern wird "der ehemals größte Kuhstall in Deutschland" aufgemöbelt. In dem Klinkerbau sollen ab 2007 mindestens 15.000 Laufschuhe pro Jahr entstehen. Erst mal in einer kleinen Serie - aber Made in Mecklenburg.

Lars Lunge, 40, kann es selbst noch nicht richtig fassen, was er hier mit seinem Bruder Ulf, 45, gestartet hat. "Man braucht noch Phantasie, um zu sehen, dass hier eine Schuhfabrik entsteht", sagt er, "das wird die Produktionshalle": mit Zwick- und Nähmaschinen und den großen Tischen, an denen Mitarbeiter neue Laufschuhe zusammensetzen werden. Ende des Jahres soll alles fertig sein. Oben im ersten Stock, wo Lars Lunge sein Büro bauen will, stehen noch die alten Futtermaschinen.

Joggingschuhe aus der ostdeutschen Provinz: Das ist nicht nur für die Anwohner gewöhnungsbedürftig. Im globalisierten Wirtschaftskreislauf haben die Asiaten das Rennen gemacht, wenn es um die Produktion von Laufschuhen geht. Egal ob zum Joggen, Fußballspielen oder Walken: Fast alle Schuhfabriken von Nike, Asics, Puma & Co. stehen in Ländern wie China, Vietnam und Indonesien. Und keinesfalls im teuren Deutschland. Einzig Adidas produziert hier noch einige Fußballschuhe.

Die Lunge-Brüder sind überzeugt, dass die Zeit reif ist für ihre Fabrik. Sechs Sportschuhläden in Hamburg und Berlin besitzen sie, dort wollen sie weiter auch Laufschuhe anderer Marken verkaufen. Ulf Lunge hat die Kette vor 27 Jahren gegründet, inzwischen hat sie 30 Mitarbeiter und macht drei Millionen Euro Umsatz, aber "eine eigene Produktion - das war immer unser Traum".

"Das will ich nicht mehr"

Denn bisher konnte den Lunges niemand Ware liefern, die sie richtig glücklich macht. "Als ich wieder mal einen Container aufgemacht habe, habe ich gedacht: Das will ich nicht mehr", erzählt Lars Lunge. Die Qualität der Schuhe aus Südkorea war miserabel, und seit die Lunges in Asien entwickeln und produzieren ließen, gab es Ärger wegen Ideenklaus. "Das ist fürchterlich", sagt Lars Lunge. Immer öfter seien ihre Ideen bei asiatischen Konkurrenten aufgetaucht.

Das Engagement der Lunges ist im Jahr 17 der deutschen Einheit auch Teil des Aufbau Ost: Zehn neue Arbeitplätze wollen sie schaffen, später sollen es 30 werden. Wenn es richtig gut läuft, vielleicht auch 100.

6000 Quadratmeter hat das dreistöckige Gebäude. In der Mitte ragt ein kleiner Turm hervor, dem Hamburger Michel nachempfunden. Der denkmalgeschützte Kuhstall ist ein mächtiger Blickfang in Düssin - gleich hinter der Bahnlinie, wo der ICE von Berlin nach Hamburg vorbeirauscht. Solch ein Gebäude in einer Stadt wie Hamburg zu kaufen, wäre unerschwinglich gewesen, sagt Ulf Lunge. In Mecklenburg-Vorpommern hingegen gibt es Fördergelder und Behörden, die sich für die beiden Unternehmer ins Zeug legten. "Es gibt eine vorbildliche Unterstützung", sagt Ulf Lunge.

Alle Grundmaterialien aus Deutschland

Die Brüder setzen voll auf deutsche Wertarbeit: Leder, Nylon - alle Grundmaterialen für die Lunge-Laufschuhe sollen aus dem Inland kommen. "Die deutsche Qualität ist deutlich besser", sagt Lars Lunge. "Das kriegen die Chinesen nicht auf die Reihe."

Die hohen Arbeitslöhne in Deutschland schrecken sie nicht. Sie wollen als Nischenanbieter erfolgreich werden. Mit asiatischer Massenware können sie sowieso nicht konkurrieren, das wissen die Lunges. "Unsere Produkte werden preislich höher sein", sagt Ulf Lunge - aber dafür mit weniger Abrieb, besserer Hautverträglichkeit. Im Durchschnitt würden Jogger hierzulande 120 Euro für einen Schuh ausgeben. Die Lunge-Schuhe sollen etwa 180 kosten. "Unsere Schuhe werden aber 2000 bis 3000 Kilometer halten und nicht nur 1000."

Die Lunges vertrauen auf das Ende der Geiz-ist-geil-Euphorie, jedenfalls was Laufschuhe angeht. Drei Millionen Laufschuhe gingen hierzulande pro Jahr über den Ladentisch, rechnen die Unternehmer vor. In ihrer Preisklasse sei es etwa eine Million Schuhe. In diesem Markt wollen sie eine lukrative Nische besetzen.

Großen Marketingaufwand wie bei Nike, Adidas und Puma haben die Lunges nicht betrieben. Sie setzen auf eine kleine Kollektion ohne Mindestmengen für die Händler. Das ermögliche auch kleine Schuh-Serien und flottes Reagieren: Von der Idee für einen Schuh bis zum ersten Muster soll höchstens eine Woche vergehen. Bis zur Auslieferung soll es nur einen Monat dauern. "So wollen wir die anderen schlagen."

Anwohner wie Mario Renk hoffen, dass die Idee der Lunges Erfolg hat. Im Ort gibt es schließlich noch genug zu renovieren: Wenn sie mit dem Kuhstall fertig sind, könnten sie "danach gleich mit dem alten Wasserturm weitermachen", sagt er.



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