Leben im Wohnwagen: Neue Heimat Campingplatz

Aus Lohmar berichtet

Die Miete ist günstig, die Gemeinschaft hält zusammen: In Lohmar wohnen Dutzende Menschen fest auf einem Campingplatz. Manche haben schlicht zu wenig Geld für eine richtige Wohnung, andere lieben das Leben in der Natur. Doch jetzt kriegen sie Ärger mit der Stadt.

Lohmar: Wohnen auf dem Campingplatz Fotos
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Thomas Droste ist stolz auf sein Reich, auch wenn es winzig ist. Eine Bettnische, die ein Viertel des Raumes einnimmt, eine Sitzecke mit Wölkchen-Vorhängen, ein Flachbildfernseher, viel mehr gibt es nicht. Am meisten Platz ist im Vorzelt vor dem Wohnwagen, das zur Küche mit Gasherd, Tiefkühlschrank und Mikrowelle umfunktioniert wurde. "Da mache ich sogar Sauerbraten selbst", sagt Droste. Pferdefleisch sei am besten, mehrere Tage eingelegt, bevor es in den Ofen kommt. Droste ist 54, ein schmaler Mann mit stoppeligen grauen Haaren. Früher war er bei der Luftwaffe. Jetzt arbeitet er nur noch gelegentlich, als Hausmeister oder er macht Umzüge. Was so kommt.

Droste ist so etwas wie ein typischer Fall auf dem Campingplatz von Lohmar. Bis vor einigen Jahren lebte er mit Frau und Sohn in einem schicken Haus in Troisdorf. 128 Quadratmeter mit Pool, viel habe er selbst gebaut, sagt Droste. Kaum war das Heim fertig, ging die Ehe in die Brüche. Die zweite schon. So landete Droste auf dem Campingplatz. Ein Glück, sagt er: "Camper sind ein eigenes Völkchen." Man helfe sich hier, "nicht so wie in so einem Mietshaus für mehrere Parteien".

Und es ist billig. Ein 100-Quadratmeter-Stellplatz kostet weniger als 70 Euro im Monat. Von Drostes Pension geht die Versorgungspauschale für zwei Frauen ab.

Beim Camping immer am wohlsten gefühlt

Die günstigen Mieten ziehen gerade in der Wirtschaftskrise viele Menschen an. Etwa 80 Menschen wohnen mittel- oder langfristig auf dem Platz, wie Herbert Scheidt erzählt. Früher lebte der 63-jährige Platzbetreiber von Dauercampern, die das Wochenende im Wohnwagen verbringen, "aber das ist eine aussterbende Spezies". Zwischenzeitlich hatte er über 30 Prozent Leerstand. Dann kam er irgendwann auf die Idee, gezielt das Wohnen auf Zeit zu bewerben und auch einige Wohnwagen zu vermieten, ab 150 Euro im Monat.

Seitdem ist das Treiben auf dem Campingplatz in Lohmar ziemlich bunt. Es kommen Bauarbeiter und Monteure, die nur vorübergehend in der Gegend sind. Scheidungsopfer wie Droste, die schnell eine Bleibe suchen. Ein Stadtrat der Linken wohnt auf dem Platz, dessen Gaststätte pleite ging. Es kommen aber auch Paare wie Jens und Monika Thiel, die nach Texas auswandern wollen und dafür Geld sparen müssen. Oder Familien, die sich beim Campen sowieso immer am wohlsten gefühlt haben.

Die Heinermanns und die Steffens zum Beispiel. Die beiden Ehepaare sind eng befreundet. Auch an diesem Abend hockt Anton Steffens, genannt Toni, wieder bei den Heinermanns in der Küche. Wegen seiner rotblonden Haars nennen sie Toni auf dem Platz den "roten Baron", der mächtige geschwungene Schnauzer hat vielleicht auch etwas mit dem Spitznamen zu tun. Toni ist immer für Spaß zu haben, einmal hat er bei der RTL-2-Sendung "Frauentausch" mitgemacht, bei dem zwei Männer eine Woche lang die Ehepartnerinnen wechseln. Die Szene, wie seine eingetauschte Dame ein Chemieklo ausleeren musste, erzählt er noch heute mit großem Schmunzeln in seinem weichen rheinischen Dialekt.

In der Kneipe wird jeder Geburtstag gefeiert

Wenn jemand über den Campingplatz lästert, wird Steffens allerdings stinkig. Das Gerede von der "letzten Zuflucht" könne er nicht mehr hören, sagt er. Dann schwärmt er von dem Zusammenhalt auf dem Platz. In der Campingplatz-Kneipe "Am Aggerstrand" werde jeder Geburtstag gefeiert, es gebe Sonntagsfrühstück, Weihnachts- und Silvesterfeiern. Und sein Nachbar sei schon älter, "wenn ich den zwei Tage nicht sehe, gehe ich nachgucken und frage: Wat is los?"

Irgend so ein anonymer Wohnblock am Rande der Stadt, das sei vielleicht die "letzte Zuflucht", wettert Steffens und guckt herausfordernd. Die Heinermanns nicken. An der Wand hängt ein Foto von einem gemeinsamen Urlaub. Campingurlaub natürlich. Markus Heinermann sagt, dank der günstigen Miete könne er vier Mal im Jahr mit Frau und Sohn in die Ferien fahren.

Der 52-Jährige ist Baggerfahrer, seine Frau kümmert sich um den Haushalt. Gemeinsam haben sie sich auf dem Platz ein Reich aufgebaut, das mit einer normalen Campingunterkunft nur noch wenig zu tun hat: Im eigentlichen Wohnwagen hat nur der Sohn sein Zimmer. Vor das Plastikgefährt hat Heinermann im Eigenbau eine respektable Holzhütte gezimmert: Mit Küche, Wohn- und Schlafbereich und einem extra Badezimmer. Samt Wanne und Waschmaschine. "80 Quadratmeter", sagt Heinermann stolz.

"Der Platz ist kein Wohngebiet"

Der Stadt Lohmar allerdings passen solche Anbauten gar nicht, die Verwaltung macht Ärger. Dutzende Wohnwagen müssen nun umgebaut werden. Auf dem Platz seien "bestimmte Zustände geschaffen" worden, die nicht akzeptabel seien, begründet Bürgermeister Wolfgang Röger (CDU) das Vorgehen der Beamten.

Die Liste ihrer Vorwürfe ist lang: Brandschutzaspekte würden nicht eingehalten, Rettungswege gebe es nicht genug. Von der Agger, die hinter dem Platz entlangfließt, drohe zudem Hochwassergefahr, auf die der Platz nicht ausreichend vorbereitet sei. Auch sehe die Campingplatzverordnung für Nordrhein-Westfalen das Dauerwohnen nicht vor.

Jahre schwelt dieser Streit schon - seit einem Brand im Winter machen die Beamten allerdings richtig Druck. Denn Anfang des Jahres ging ein Wohnwagen auf dem Campingplatz in Flammen auf. Zwei Menschen starben.

Betreiber Scheidt betont immer wieder, dass die Mieter Spraydosen zu nah an die Heizung gestellt hätten, das habe die Kriminalpolizei ihm schwarz auf weiß gegeben. Die Heizung in dem Gefährt sei gerade vom TÜV abgenommen gewesen.

Viel helfen wird ihm das nicht. Denn wenn man Bürgermeister Röger zuhört, scheint das Schicksal der Dauercamper besiegelt. "Das ist kein Wohngebiet", sagt der CDU-Politiker über den Platz - und fügt dann hinzu: "Wir wollen die Leute auch nicht obdachlos machen." Aber eine Lösung müsse gefunden werden.

"Das ist unsere ganze Existenz hier"

Scheidt hat sich jetzt erst einmal einen Anwalt genommen, und die Bewohner warten bang auf die genauen schriftlichen Anweisungen der Stadt, was an ihren Behausungen zu ändern ist. Camper Steffens ahnt jetzt schon, dass die Briefe Anlass für jede Menge Schwierigkeiten sein werden. "Viele werden das finanziell und vom Alter her bestimmt nicht hinkriegen", sagt er.

Kampflos aufgeben will er aber auf keinen Fall. Im Notfall werde man sich unter den Campern zusammentun "und etwas unternehmen", sagt er. Was, weiß er selbst noch nicht so genau - trotzdem klingt er entschlossen. Schließlich müsste Steffens wie viele andere auch ganz von vorne anfangen, wenn das Wohnen auf dem Campingplatz nicht mehr möglich ist. "Das ist unsere ganze Existenz hier", sagt der 51-Jährige. Er habe ja nicht einmal Möbel für eine richtige Wohnung. Und er will auch gar nicht mehr weg vom Campingplatz, wo jeder jeden kennt. "In einem Mietshaus bin ich doch isoliert."

Auch Thomas Droste kann sich höchstens fürs Alter vorstellen, wieder in eine normale Wohnung zu ziehen. "Aber drei Zimmer, Küche, Bad müssten es dann schon sein", sagt er. Alles andere wäre irgendwie ein Abstieg.

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Forum - Wohnen auf dem Campingplatz - eine gute Alternative?
insgesamt 193 Beiträge
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1.
wudi 30.10.2009
Zitat von sysopDie Miete ist günstig, die Gemeinschaft eng: In Lohmar wohnen rund 80 Menschen fest auf einem Campingplatz. Manche haben schlicht zu wenig Geld für eine richtige Wohnung, andere lieben das Leben in der Natur.Ist das Wohnen auf dem Campingplatz eine echte Alternative? Diskutieren Sie mit!
Ich weiss nicht, ist ein Leben auf dem Campinplatz viel billiger? Es kommen doch sehr viel Nebenkosten dazu. Und man muss auch die einfachen Verhaeltnisse sehen.
2.
descartes101, 30.10.2009
Zitat von sysopDie Miete ist günstig, die Gemeinschaft eng: In Lohmar wohnen rund 80 Menschen fest auf einem Campingplatz. Manche haben schlicht zu wenig Geld für eine richtige Wohnung, andere lieben das Leben in der Natur.Ist das Wohnen auf dem Campingplatz eine echte Alternative? Diskutieren Sie mit!
Klar, dann haben wir endlich auch unsere eigenen Trailerparks, wo das Prekariat unter sich ist und munter kleine Inzuchtsmutanten am laufenden Band produzieren kann. Erst wird die Bildungsqualität noch weiter gesenkt, dann werden denen noch ein paar Propagandasprüche reingedrückt, die billigen Deutschlandflaggen haben sie noch von der WM, und schon haben wir echte Vollpatrioten en masse. Es lebe der American Way of Life! Der feuchte Traum der deutschen bürgerlichen Politik.
3.
Gertrud Stamm-Holz 31.10.2009
Zitat von wudiIch weiss nicht, ist ein Leben auf dem Campinplatz viel billiger? Es kommen doch sehr viel Nebenkosten dazu. Und man muss auch die einfachen Verhaeltnisse sehen.
Camping muss nicht spartanisch sein. Eine Solaranlage und ein paar Gasflaschen, fertig. Die Ausstattung mancher Wohnwagen ist beeindruckend. Wenn es dann auf der Anlage auch noch allgemein zugängliche Sanitäranlagen gibt, dann ist doch alles prima. In einer schwedischen Blockhütte könnte wenigstens ich ohne Probleme leben. Die sind sehr gut eingerichtet. Die Kosten für unseren eigenen Wohnwagen belaufen sich auf 300 Euro Pacht pro Jahr. Das bisschen Gas tut nicht weh. Gut, auf eine Badewanne muss man verzichten, das kann man aber verschmerzen ;-)
4.
Dieter 59 31.10.2009
Zitat von descartes101Klar, dann haben wir endlich auch unsere eigenen Trailerparks, wo das Prekariat unter sich ist und munter kleine Inzuchtsmutanten am laufenden Band produzieren kann. Erst wird die Bildungsqualität noch weiter gesenkt, dann werden denen noch ein paar Propagandasprüche reingedrückt, die billigen Deutschlandflaggen haben sie noch von der WM, und schon haben wir echte Vollpatrioten en masse. Es lebe der American Way of Life! Der feuchte Traum der deutschen bürgerlichen Politik.
Zumindest die Gefahr besteht. Es darf nicht übersehen werden, das ja schon heute eine nicht ganz unbeträchtliche Zahl von "Wanderarbeitern" auf dem Campingplatz lebt. Das betrifft nicht nur das Prekariat. Billiger als die Pension ist es alle mal und keiner mietet sich ein Zimmer mit Kündigungsfrist, wenn er nicht weiß, ob er nächste Woche noch da ist. Eine logische Folge, wenn Löhne sinken und Mieten steigen.
5. also.
sitiwati 31.10.2009
Wohnwagen ist nicxht Wohnwagen, in den üblichen Wohnwagen kann man nur von hausen sprechen, selbst wenn man ein grosses Vorzelt hat, komfortable Wohnwagen , in denen man wirklcih wohnen kann, man Nasszelle und anderen Annehmlichkeiten, das Ding sollte ja bis -30 Grad wetterfest sein usw, kostet ein stolzes Sümmchen, und dann sitzt man sich jeden Abend auf der Pelle, das kann man nur ab 2 promille ertragen!
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