Lebenshaltungskosten: Billiger Osten - Paradies für Rentner und Studenten

Von

Brot, Miete, Kneipe - im Osten ist das Leben günstiger als im Westen. Viele Bürger in den neuen Bundesländern stehen dadurch sogar besser da als in den alten. Das belegt eine Studie, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Rentner und Studenten machen bereits in den Osten rüber.

Hamburg - Ein lauter Aufschrei ging durch die Republik. Sage und schreibe 21 Prozent - so groß sei das Lohngefälle zwischen Ost und West, teilte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung Mitte Juni mit. Dies habe zumindest eine Umfrage im Internet ergeben.

Semperoper in Dresden: Im Verhältnis zum Westen wird das Leben in den neuen Bundesländern immer günstiger
DDP

Semperoper in Dresden: Im Verhältnis zum Westen wird das Leben in den neuen Bundesländern immer günstiger

Besonders krass soll die Differenz bei Webdesignern sein: Das Durchschnittsgehalt West liege bei 2300 Euro im Monat, im Osten seien es nur 1359 Euro. "Nicht zu rechtfertigen", kommentierte Ingrid Sehrbrock, die Vizechefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Was die Arbeiter-Funktionäre gerne übersehen: Ein Euro im Westen ist weit weniger wert als ein Euro im Osten. Denn auch bei den Lebenshaltungskosten gibt es enorme Differenzen zwischen neuen und alten Bundesländern. Der reale Einkommensunterschied wird dadurch erheblich geringer, in einigen Fällen stehen Ostbürger sogar besser da als Westbürger.

Was Ost-West-Reisende bisher nur ahnten, belegt jetzt eine aktuelle Studie der Universität Kassel, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Demnach ist der Verbraucherpreisindex im Westen 6,5 Prozent höher als im Osten. Zwischen der teuersten Region (München) und der günstigsten (Mittlerer Erzgebirgskreis) beträgt der Unterschied sogar 37,5 Prozent.

Deutschland einig Vaterland - Fehlanzeige. Auch 17 Jahre nach der Wende kann von einer Anpassung der Lebensverhältnisse keine Rede sein.

Da neuere Daten nicht vorliegen, beziehen sich die Zahlen der Uni Kassel auf das Jahr 2004. Dennoch sind sie höchst brisant. Denn von offizieller Seite werden die Verbraucherpreise in Ost und West schon lange nicht mehr getrennt ermittelt. Die letzte Untersuchung des Statistischen Bundesamts stammt aus Mitte der neunziger Jahre. Seitdem beschränkt sich die Behörde auf zeitliche Vergleiche wie die monatliche Inflation. Das Preisniveau der verschiedenen Regionen erfasst sie dagegen nicht.

Genau das hat der Kasseler Ökonom Reinhold Kosfeld nun getan. 439 sogenannte NUTS-3-Regionen hat er untersucht - in der Regel entsprechen sie den Landkreisen und kreisfreien Städten. "Die zehn Gebiete mit dem höchsten Verbraucherpreisindex liegen - mit Ausnahme von Hamburg - im Süden, im Rhein-Main-Gebiet oder am Niederrhein", schreiben er und seine Mitautoren. "Im Gegensatz dazu befinden sich alle zehn Regionen mit dem niedrigsten Verbraucherpreisindex in Ostdeutschland."

Dabei hat Kosfeld einen bundesweit einheitlichen Warenkorb zu Grunde gelegt. Tatsächlich dürften die Verbraucher im Osten aber oft günstigere lokale Produkte bevorzugen - zum Beispiel heimisches Bier statt überregionaler Sorten wie Beck's. "Vermutlich sind die Unterschiede dadurch noch größer", sagt Kosfeld.

Und die Schere geht weiter auseinander: 1995 unterschied sich das Preisniveau zwischen Ost und West nur um 4,6 Prozent - statt der 6,5 Prozent im Jahr 2004. Mit anderen Worten: Das Leben in den neuen Ländern wird in Relation zu den alten immer günstiger.

Studenten wissen das zu schätzen. Geräumige Altbauzimmer in Uni-Nähe - im Westen wäre das unbezahlbar. In Berlin oder Dresden können sich dagegen selbst 20-Jährige Wohnungen leisten, von denen ihre Eltern in Hamburg oder München nur träumen.

Auch Rentner zieht es nach Mecklenburg, Sachsen oder Thüringen. So wirbt die Leipziger Wohnungsbau Gesellschaft (LWB) offen für Neubürger: "Leipzig - gegen Mangel im Alter", lautet der Werbeslogan. Hunderte West-Rentner stellten bereits einen Aufnahmeantrag.

Den Ärmsten der Armen geht es im Osten sogar besser als im Westen. Seit Juli 2006 gilt deutschlandweit der gleiche Hartz-IV-Regelsatz: 345 Euro im Monat. In den neuen Ländern kann man sich von dieser Summe jedoch mehr kaufen als in den alten.

Hauptgrund für das geringe Preisniveau sind die niedrigen Löhne im Osten. "Der Markt gibt einfach nicht mehr her", erklärt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Wegen der geringen Einkommen "sind die Kunden nicht bereit, mehr zu zahlen". Das gelte insbesondere für Branchen, die die Nachfrage vor Ort bedienen - wie zum Beispiel das Friseurhandwerk. "Geringe Preise sind ein Ausdruck wirtschaftlicher Schwäche", sagt Brenke.

In gewisser Weise beißt sich die Katze dabei in den Schwanz: Wegen der niedrigen Preise sehen die Unternehmen keine Veranlassung, höhere Löhne zu zahlen - und wegen der niedrigen Löhne bleiben auch die Preise auf niedrigem Niveau.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Ost und West im Vergleich: Miete und Realeinkommen