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Lebensmittel-Horror in China: "Gehen Sie niemals in ein Restaurant"

Von Jochen Schönmann

Antibiotika im Fleisch, Insektenspray als Konservierungsmittel, Quecksilber im Trinkwasser – in emsiger Detailarbeit hat der chinesische Autor Zhou Qing recherchiert, wie Chinas Lebensmittelindustrie das Land vergiftet und Profitgier das Leben der Menschen zerstört.

Heidelberg - Das Thema enthält politischen Zündstoff, auch wenn es vordergründig nur Lebensmittel betrifft. Zwei Jahre lang hat sich der chinesische Journalist und Regimekritiker Zhou Qing auf die Suche gemacht, mit Lebensmittelhändlern und Restaurantbesitzern gesprochen, Fischfarmer, Bauern und Manager von Lebensmittelfabriken interviewt. Eine riskante Arbeit: "Es war gefährlicher, als Drogenhändler zu jagen", erinnert sich Zhou.

Für seine Reportage wurde er 2006 mit dem "Lettres Ulysses Award" ausgezeichnet, der von der Aventis-Foundation und vom Goethe-Institut unterstützt wird und mit insgesamt 100.000 Dollar dotiert ist. Jakob Köllhofer, der Chef des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Heidelberg, zollte dem Schriftsteller höchstes Lob: "Es ist wichtig, solche Stimmen zu hören, wenn man sonst nur gesteuerte Nachrichten erhält."

Was der Journalist herausfand, eignet sich womöglich, eine Revolution auszulösen. Denn seine detaillierte Beschreibung der Zustände in der chinesischen Lebensmittelindustrie deckt wahre Abgründe auf. In seinem Buch zeichnet der Autor ein düsteres Bild einer gnadenlosen Mafia, die vor nichts zurückschreckt: Es geht um Verhütungsmittel für beschleunigtes Fischwachstum, das hochgradig toxische Insektengift DDT, mit dem Gurken haltbar gemacht werden, Hormone als Nahrungsmittelzusätze, vergiftetes Salz und absurde Mengen von Antibiotika im Fleisch.

Untergerührt werde alles, sagt Zhou, entscheidend sei allein, dass es zur Senkung der Produktionskosten beitrage - im Vergleich dazu erscheinen selbst die deutschen Gammelfleisch-Fabrikanten wie eine Bio-Produktionsgenossenschaft.

Entfesselte Profitgier

Ausgerechnet im Reich der Mitte, wo das Essen seit Jahrtausenden zentraler Bestandteil der Genuss- und Lebenskultur ist, habe die unkontrolliert entfesselte Profitgier eine Lebensmittelkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes verursacht, erklärt Zhou in seinem Vortrag anlässlich der Ehrung. "Ich kann Ihnen nur raten: Gehen Sie niemals in ein Restaurant." Die Gefahr, bei solchen Machenschaften erwischt zu werden, sei denkbar gering, erklärt Zhou: "Alles versandet gezielt in Chinas unendlicher Bürokratie."

Doch so übertrieben die Schilderungen zunächst klingen - sie sind es nicht. Selbst die staatlich gelenkte chinesische Presse prangert immer offensiver heimische Lebensmittelskandale an. Anfang Dezember verhängten die Stadtväter von Shanghai ein Exportverbot für Produkte der Shanghai Meilin Food Company, nachdem krebserregende Stoffe in deren Schweinefleisch-Konserven entdeckt worden waren. Bereits im Juli dieses Jahres wurde Zheng Xiaoyu hingerichtet. Der ehemalige Direktor der staatlichen Lebens- und Arzneimittelaufsicht soll gegen Schmiergeld Lizenzen für gefälschte Arzneimittel erteilt haben, die teilweise tödliche Nebenwirkungen hatten.

Am meisten, erzählt Zhou, litten die Kinder: Bei den Mädchen setze die Geschlechtsreife vier Jahre früher ein als normal, viele Jungen hingegen seien unfruchtbar. Vergiftete Babynahrung sorge für Missbildungen und massive Erkrankungen. Zwischen 200.000 und 400.000 Menschen, schreibt Zhou, würden jährlich Opfer vergifteter Lebensmittel. Ein Drittel der Krebserkrankungen, die in zweistelligen Raten zunähmen, sei auf vergiftete Nahrung zurückzuführen.

Zhou setzt auf die Revolution

Es ist nicht das erste Mal, dass Zhou durch Systemkritik auffällt. Bei den Protestbewegungen des 4. Mai, die 1989 zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens führten, gehörte er zu den Aktivisten, was ihm einen zwei Jahre dauernden Gefängnisaufenthalt einbrachte, 52 Tage davon nach eigenen Angaben in einer isolierten Dunkelzelle.

Nach seiner Freilassung gründete Zhou eine Zeitung, die er aber nach einiger Zeit auf Druck der Behörden wieder einstellen musste. Seither ist er als Autor tätig. Dabei greift er immer wieder Themen auf, die gegen das Regime zielen, etwa die Verletzung von Menschenrechten oder die Entstehung der Epidemie SARS.

Mit Bedacht hat er auch den Titel seines Buches gewählt: "What kind of God?" - Was für ein Gott ist das? "Das traditionelle chinesische Sprichwort 'Das Essen ist der Himmel der Menschen' zeigt, wie wichtig Essen im Alltagsleben ist. Heute sitzen die Menschen vor dem Computer und man muss nur den Begriff 'Essen' in eine chinesische Suchmaschine eingeben, um festzustellen, dass vor allem Wörter wie 'Sicherheit' und 'vergiftet' auftauchen. In einem Land, das stets stolz auf seine gute Küche war, ist das pure Ironie", sagt Zhou.

"Die einfachen Leute wissen nichts davon", fügt der Autor hinzu. "Wenn die Menschen es wüssten, gäbe es eine Revolution. Der Zorn des Volkes wäre nicht mehr aufzuhalten." Jahrtausende lang sei die Macht der Herrschenden in China davon abhängig gewesen, ob sie in der Lage waren, das Volk gut zu ernähren. "Revolutionen", sagt Zhou, "entstehen nicht durch politische Differenzen - sie entstehen durch den Mangel an Brot."

Zhou kann allerdings nur hoffen, dass sich seine Erkenntnisse auch in China herumsprechen. Sein Buch wurde direkt nach der Veröffentlichung verboten.

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