Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Lebensmittel-Kennzeichnung: Seehofer in der Umfrage-Falle

Von

Die Umfrage sollte seine politische Linie stützen, doch sie belegt das Gegenteil: Verbraucherschutzminister Seehofer wollte beweisen, dass freiwillige Nährwertangaben bei Lebensmitteln genügen. Doch die Verbraucher wollen eine klare, farbliche Kennzeichnung.

Hamburg - Mit Umfragen ist das so eine Sache: Nicht nur Statistiker wissen, dass das Ergebnis der Befragung vor allem davon abhängt, wie die Fragen gestellt werden. Hängt von dem Resultat dann auch noch die politische Linie eines Ministeriums ab, wird es richtig spannend - so, wie jetzt bei einer Umfrage, die Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) in Auftrag gegeben hat und die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Nährwert-Angaben nach dem System der GDA: "Übernahme des Industriemodells wider besseren Wissens"
DDP

Nährwert-Angaben nach dem System der GDA: "Übernahme des Industriemodells wider besseren Wissens"

Von Mitte bis Ende März hat der oberste Verbraucherschützer mehr als tausend Bundesbürger danach befragen lassen, welche Nährwertkennzeichnung sie sich wünschen, was sie über den Fett-, Zucker- und Salzgehalt ihrer Lebensmittel wissen und wie sie zu dem Vorschlag stehen, kalorienhaltige Lebensmittel mit der sogenannten Ampelkennzeichnung zu versehen. Mit der Ampel wird die Höhe der jeweiligen Inhaltsstoffe mit grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) ausgewiesen, das System wird vor allem von Verbraucherschützern als einfache und verständliche Nährwertkennzeichnung gefordert.

Das Erstaunliche an der Umfrage ist: Sie hat genau das ergeben, was Seehofer eigentlich nicht hören wollte: Nach dem bisher unveröffentlichten Ergebnis ist eine Mehrheit der Befragten für die farbige Kennzeichnung, um Lebensmittel mit viel Zucker oder viel Fett auf einen Blick erkennen zu können. So geben 55 Prozent der Befragten an, dass die farbliche Gestaltung ihr Einkaufsverhalten beeinflussen würde.

Das aber lehnt Seehofer bislang ab: Das Symbol sei nicht differenziert genug, und der Verbraucher erhalte nicht genügend Anhaltspunkte für eine tatsächlich ausgewogene Ernährung, hieß es noch Anfang März aus seinem Ministerium. Der Hintergrund: Der CSU-Minister favorisiert das System, das die Nahrungsmittelindustrie selbst eingeführt hat - darunter Coca-Cola, Danone, Kellogg, Kraft Foods, Pepsi und Nestlé. Hier - bei dem sogenannten GDA-System - werden Nährwertangaben auf der Basis von Portionsgrößen gemacht.

Erheiterung im Ausschuss

Allerdings hilft es dem Verbraucher offenbar nicht viel, wenn er erfährt, dass eine Portion seiner Cornflakes sechs Prozent seines täglichen Kalorien- und drei Prozent seines Zuckerbedarfs enthält. Auch das zeigt die Studie aus dem Hause Seehofer: Fast die Hälfte der Befragten, nämlich 47 Prozent, sprechen sich deshalb dafür aus, die Nährwertangaben pro Einheit anzugeben - also beispielsweise immer 100 Gramm des jeweiligen Produktes zu Grunde zu legen, was einen direkten Vergleich der Lebensmittel ermöglicht. 19 Prozent der Befragten äußern sich nicht dazu, und nur 33 Prozent halten die Angaben pro Portion für richtig.

Bei den zuständigen Abgeordneten im Verbraucherausschuss hat die Vorstellung der Umfrage für Erheiterung gesorgt - eben weil die Aussagen genau das Gegenteil dessen belegen, was Seehofer bislang will. "Mit seiner Umfrage zur Nährwertkennzeichnung ist Seehofer nun in seine eigene Populismusfalle getappt. Denn der sozialdemokratische Koalitionspartner wird genau dieses Ergebnis als Steilvorlage für die Einführung einer Ampelkennzeichnung werten", kommentierte etwa der ernährungs- und verbraucherpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Michael Goldmann, das Resultat.

Seehofer selbst beeindruckt die Meinung seiner Landsleute allerdings wenig, er will an seinen bisherigen Plänen festhalten. "Wir arbeiten an keinem Farbsystem", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Gerd Müller (CSU). "Wir bleiben bei dem mit der Wirtschaft entwickelten System." Vier Fünftel der Befragten hielten Seehofers Pläne für informativ und verständlich. Er fühle sich deshalb bestätigt.

Nach der Ampelkennzeichnung wurde nicht gefragt

Was Seehofer allerdings nicht sagt: Zu sehen bekamen die Befragten nur das von ihm bevorzugte Modell - nach der Ampelkennzeichnung wurde nicht gefragt. "Eine Umfrage, die nur ein Modell, nämlich das der Nährwerte abfragt, gerät so zur "Dummfrage", sagt FDP-Experte Goldmann. Auch die Vorsitzende des Verbraucherschutzausschusses hält deshalb nicht viel von dem Ansatz der Befragung: "Das war keine Studie, die darauf angelegt war, eine objektive Betrachtung zu erhalten", sagte Ulrike Höfken SPIEGEL ONLINE.

Dass Seehofer sich aber trotz des eindeutigen Ergebnisses weiter stur stellt, empört die Grünen-Politikerin: "Das ist die Übernahme des Industriemodells wider besseren Wissens." Seehofer vertue damit eine Chance, die Verbraucher zu unterstützen - und das, obwohl die genau das dringend nötig haben: Zwar sind laut der ersten "Nationalen Verzehrstudie" zwei Drittel aller Männer und die Hälfte aller Frauen zu dick, gleichzeitig können aber nur zehn Prozent der Deutschen ihren Kalorienbedarf richtig einschätzen.

Das dürfte Seehofer eigentlich nicht unbekannt sein - denn auch diese Studie stammt aus seinem Haus.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: