Lebensmittelhandel Warum Aldi die Preise hochtreibt

Der Discounter Aldi hat seine Preise erhöht - und damit die Notbremse gezogen. Denn seit Jahren liefern sich die deutschen Lebensmittelhändler einen ruinösen Preiskampf. Von dem haben die Verbraucher bislang profitiert - das ist jetzt vorbei.

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Hamburg - Der Lebensmitteldiscounter Aldi hat Vorbildfunktion - das weiß niemand besser als er selbst: "Die Preise von Aldi waren auch immer eine Orientierung für den Wettbewerb und garantierten so dem Verbraucher gleichermaßen günstige Einkaufsbedingungen im gesamten deutschen Lebensmitteleinzelhandel", heißt es bei Aldi Süd. Doch was dem Kunden jahrelang billigste Preise gesichert hat, verkehrt sich jetzt ins Gegenteil: Aldi erhöht seine Preise - und alle anderen Anbieter ziehen mit.

Einkaufswagen mit Lebensmitteln: Nirgends geben Kunden so wenig aus wie in Deutschland
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Einkaufswagen mit Lebensmitteln: Nirgends geben Kunden so wenig aus wie in Deutschland

Bereits in dieser Woche hat der Lebensmitteldiscounter bei 25 Produkten seine Preise angehoben und heute weitere Preiserhöhungen für die nächsten Monate angekündigt. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen begründete der Billiganbieter die Verteuerung mit Ernteausfällen bei Getreide und Obst, Nachfragesteigerungen auf dem Milchmarkt sowie stark gestiegenen Energiepreisen, die für erhebliche Kostensteigerungen bei Lieferanten gesorgt hätten. Aldi selbst, so die Zusicherung, verdiene an der Preiserhöhung nicht.

Diese Begründung aber stimmt nur zum Teil. Zwar haben die Milch- und Getreidepreise auf den Weltmärkten in den letzten Monaten tatsächlich angezogen - sie treffen aber in Deutschland auf einen extrem angespannten Markt.

Denn die günstigen Preise, die den deutschen Kunden seit Jahren zu Gute kommen, waren das Ergebnis eines fast ruinösen Preiskampfes: "Die Lebensmittelpreise sind in den letzten zehn bis 15 Jahren immer günstiger geworden, weil der Handel sich dauernd gegenseitig unterboten hat", sagt Wolfgang Twardawa, Marktforscher bei der Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK) in Nürnberg. In keinem Land in der EU seien Lebensmittel so billig, nirgends würden die Verbraucher so wenig für Lebensmittel ausgeben. "Im Schnitt gibt jeder Haushalt elf Prozent seines Gesamteinkommens für Nahrungsmittel aus, im europäischen Schnitt sind es 18 Prozent", sagt Twardawa.

"Es gibt wohl kaum eine Branche in Deutschland, die sich in den vergangenen Jahren einen so heftigen Wettbewerb geliefert hat wie der Lebensmittelhandel", bestätigt auch Sabine Eichner Lisboa von der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Die Folge: Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel hat es seit Jahren keine Preiserhöhungen gegeben, Nahrungsmittel sind zum Teil sogar billiger geworden. Durch die große Marktmacht der Discounter - sie decken 42 Prozent des Umsatzes ab - sahen sich immer mehr Vollsortimentanbieter gezwungen, ihre Preise zu senken und billigere Produktlinien einzuführen.

Preisdruck holt Handel ein

Das hat auch dazu geführt, dass sich der Gesamtumsatz des Lebensmittelhandels immer mehr auf die wenigen großen Anbieter konzentriert: Teilten sich 1990 Edeka, Metro, Rewe, Aldi und Tengelmann noch 45 Prozent des Gesamtumsatzes, waren es 2005 schon 69 Prozent, Tendenz steigend. "Der Druck auf die Industrie von Seiten des Handels, die Preise nicht zu erhöhen, war deshalb enorm hoch", sagt Industrie-Expertin Eichner Lisboa. Angesichts der aktuellen Preissteigerungen habe sich aber auch Aldi dem Preisdruck nicht mehr verschließen können. Den Handel holt damit sein eigener Preisdruck ein, den er seit Jahren aufgebaut hat.

"Diese Preiserhöhungen waren unvermeidbar, um sich dem aktuellen Kostenniveau anzupassen", sagt auch Constanze Freienstein von der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Aldi habe deshalb die günstige Gelegenheit genutzt - und die anderen Lebensmittelhändler richteten sich danach. "Aldi ist, was die Preise angeht, die absolute Benchmark - an dem Discounter orientieren sich die anderen Anbieter."

Dabei sind die Preiserhöhungen alles andere als risikolos für Aldi. "Der Discounter zieht seine gesamte Legitimation daraus, der billigste Anbieter zu sein. Sollte er diesen Status verlieren, hat er ein Problem", sagt Expertin Freienstein. Das erklärt auch, warum Aldi seine Preiserhöhungen in großformatigen Anzeigen angekündigt und begründet hat. "Das ist höchst ungewöhnlich und zeigt, dass es dem Unternehmen wichtig war, seinen Schritt zu erklären", sagt Eichner Lisboa vom BVE.

Den Marktforscher Twardawa hat dieses Vorgehen nicht sonderlich überrascht. "Aldi will den Vorwurf vermeiden, die Preise würden heimlich erhöht." Das sei richtig - auch wenn der Billiganbieter damit für kurze Zeit zum Buhmann werden könne. "Aber alle anderen Lebensmittelhändler haben auf diesen Schritt gewartet und werden über kurz oder lang nachziehen."

Von 99 Cent auf 1,20 Euro - 20 Prozent mehr

Tatsächlich erwartet Twardawa zum Teil deutliche Preiserhöhungen - und das langfristig. "Der Verbraucher akzeptiert nur bestimmte Preisschwellen - etwa Preise, die auf 99 Cent enden." Es gelte als unmöglich einen Liter Milch von 99 Cent auf 1,03 Euro anzuheben. Wahrscheinlicher sei hier gleich ein Preisruck auf 1,19 Euro - was 20 Prozent entspräche. Bei anderen Preisen fiele der Anstieg von etwa 2,99 Euro auf 3,29 Euro prozentual geringer aus.

Treffen wird der Preisanstieg nach Ansicht von Marktforscher Twardawa vor allem die Produkte im unteren Preisbereich - und damit Menschen mit niedrigem Einkommen. "Die geben prozentual einen höheren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel aus und werden Preiserhöhungen dann auch eher spüren."

Momentan versucht der Handel jedoch, die Panik vor langfristig steigenden Preisen zu dämpfen. Natürlich habe der Schritt von Aldi große Auswirkungen auf die gesamte Lebensmittelbranche, sagt Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. "Alle müssen die gestiegenen Einkaufspreise verkraften." Insgesamt würden die Preise jedoch nur um rund zwei Prozent steigen, langfristig könnten sie sogar wieder sinken.

Mal sehen, ob das der Verbraucher glaubt.



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