Lebensmittelindustrie: Top-Beamter in doppelter Mission

Von Nils Klawitter

Ein Mann, zwei Gesichter: Deutschlands wichtigster staatlicher Ernährungsforscher berät nebenbei und ehrenamtlich eine industriefreundliche Lobbyorganisation - zu den Geldgebern zählen Konzerne wie Coca-Cola und McDonald's  

McDonlds-Menu: Der Konzern zählt zu den Financiers einer umstrittenen Lobbyorganisation Zur Großansicht
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McDonlds-Menu: Der Konzern zählt zu den Financiers einer umstrittenen Lobbyorganisation

Der Lebensmittelpapst und die Lobbyisten: Gerhard Rechkemmer ist der oberste staatliche Ernährungsforscher in Deutschland. Er leitet das Max-Rubner-Insitut in Karlsruhe, das als Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel zuständig ist. Doch nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit arbeitet der deutsche Top-Beamte seit rund einem Jahr parallel für die Industrievereinigung ILSI. Rechkemmer sitzt dort im Direktionsteam, wo er auch über Gelder und Forschungsschwerpunkte entscheidet - ehrenamtlich wie er betont.

Die Abkürzung ILSI steht für International Life Science Institute. Zwar gibt sich die Vereinigung gemeinnützig, unterhalten wird sie jedoch großteils von Unternehmen wie Coca-Cola, Mars, McDonald's und Monsanto. Seit bekannt wurde, dass einige für das ILSI tätige Wissenschaftler auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit beraten, gilt die Vereinigung als umstritten. Die Weltgesundheitsorganisation zum Beispiel schloss das ILSI als Beratungsinstitut bei der Festlegung bestimmter Normen aus.

Die vermeintlichen Life-Science-Spezialisten stehen dennoch im Verdacht, Richtlinien über Grenzwerte für Zusatzstoffe im Sinne der eigenen Klientel zu beeinflussen - ein Gebiet, auf dem der deutsche Spitzenbeamte eigentlich ganz unabhängig und überparteilich entscheiden soll. Rechkemmers Doppelrolle sei etwa so, als wäre einer der obersten Atomaufseher Funktionär bei der Atomlobby, kritisiert der Ernährungsexperte Hans-Ulrich Grimm. Rechkemmer sieht das ILSI dagegen nicht als Lobbygruppe, sondern als "wissenschaftliche Plattform", die den Austausch von Forschern ermögliche.

Wie gut dieser Austausch offenbar funktoniert, zeigt die deutsche Reaktion auf eine EU-Richtlinie, die von jedem Land die Erfassung von Zusatzstoffen wie etwa Zitronensäure fordert, deren Anhäufung in den verschiedenen Lebensmitteln vor allem für Kinder ein Problem darstellen kann. Das Max-Rubner-Institut hat eine solche Erhebung bei seinen Verzehrstudien bisher ausgeblendet. Die Industrie, so Rechkemmer, könne schließlich nicht gezwungen werden, ihre Rezepturen preiszugeben.

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1.
Neurovore 02.03.2012
*"Was können Sie als Präsident tun, um allzu enge Kontakte Ihrer Mitarbeiter zu Lobbyisten zu unterbinden?"* "Ich hinterfrage alle Vorgänge, die mir über Dienstreiseanträge oder Anträge auf Ausübung von Nebentätigkeiten bekannt werden...[]...mir geht es darum, dass gar nicht erst der Anschein einer Abhängigkeit aufkommt. Ich versuche strikt der Linie zu folgen, dass alles, was Institutsinhalte und aktuelle Arbeiten am Institut betrifft, der beruflichen Tätigkeit zuzurechnen ist..." (kontext (http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2011/08/lobbyismus-in-der-forschung/))
2. yyy
Dumpfmuff3000 02.03.2012
Zitat von Neurovore*"Was können Sie als Präsident tun, um allzu enge Kontakte Ihrer Mitarbeiter zu Lobbyisten zu unterbinden?"* "Ich hinterfrage alle Vorgänge, die mir über Dienstreiseanträge oder Anträge auf Ausübung von Nebentätigkeiten bekannt werden...[]...mir geht es darum, dass gar nicht erst der Anschein einer Abhängigkeit aufkommt. Ich versuche strikt der Linie zu folgen, dass alles, was Institutsinhalte und aktuelle Arbeiten am Institut betrifft, der beruflichen Tätigkeit zuzurechnen ist..." (kontext (http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2011/08/lobbyismus-in-der-forschung/))
Jo klar ich kann mir bildlich vorstellen wie der Herr geradezu um sich schlägt, um all die Lobbyisten von seinem Institut fernzuhalten. Er meint, man dürfe nicht mal den Anschein erwecken? Na ja bumm isser da der anschein. Und jetzt? Aus dem Artikel: nee klar wo kämen wir denn da hin, wenn die Lebensmittelindustrie staatlichen Kontrollorganen Rechenschaft darüber ablegen müsste, welch potenziell hochschädliche Chemie-Cocktails sie in ihren Produkten verarbeitet. Wer würde denn dann noch Süßigkeiten, Softdrinks und Fertiggerichte kaufen. Was da beschrieben wird in dem Artikel, liefe in einem Rechtsstaat unter Korruption. Gott sei Dank ist Deutschalnd kein Rechtsstaat, da geht sowas problemlos. Der Herr Spitzenbeamte. Nachts zerreißt es ihn förmlich, der Interessenkonflikt, das Dilemma, die Verantwortung.
3. schon wieder ein bock als gaertner
superaquilin 02.03.2012
Zitat von Neurovore*"Was können Sie als Präsident tun, um allzu enge Kontakte Ihrer Mitarbeiter zu Lobbyisten zu unterbinden?"* "Ich hinterfrage alle Vorgänge, die mir über Dienstreiseanträge oder Anträge auf Ausübung von Nebentätigkeiten bekannt werden...[]...mir geht es darum, dass gar nicht erst der Anschein einer Abhängigkeit aufkommt. Ich versuche strikt der Linie zu folgen, dass alles, was Institutsinhalte und aktuelle Arbeiten am Institut betrifft, der beruflichen Tätigkeit zuzurechnen ist..." (kontext (http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2011/08/lobbyismus-in-der-forschung/))
wir in bayern hatten einmal einen vergleichbaren filz,das sog.amigo-system.schicken wir doch den herrn mit einem ehrensold nach hause;es gibt genuegend anstaendige ernaehrungswissenschaftler in deutschland. das kommt auf die dauer gewiss die allgemeinheit billiger.
4. Jobangebote
edvjojo 03.03.2012
Zitat von sysopEin Mann, zwei Gesichter: Deutschlands wichtigster staatlicher Ernährungsforscher berät nebenbei und ehrenamtlich eine industriefreundliche Lobbyorganisation - zu den Geldgebern zählen Konzerne wie Coca-Cola und McDonald's Lebensmittelindustrie: Top-Beamter in doppelter Mission - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,818974,00.html)
Diese ehrenwerte Gesellschaft wird ihm bestimmt irgendwann ein Angebot machen, dass er nicht ablehnen kann. Don Corleone läßt grüßen.
5. Prima
hermann_huber 03.03.2012
Zitat von sysopEin Mann, zwei Gesichter: Deutschlands wichtigster staatlicher Ernährungsforscher berät nebenbei und ehrenamtlich eine industriefreundliche Lobbyorganisation - zu den Geldgebern zählen Konzerne wie Coca-Cola und McDonald's Lebensmittelindustrie: Top-Beamter in doppelter Mission - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,818974,00.html)
Wo arbeite Rürup noch mal im Vorstand? Stimmt bei einer Viersicherung die mit Rürupp-Renten eine goldene Nase verdient. Manoman Aber der kleine Beamte und Postbote darf keine Tafel Schokolade annehmen, wegen Vorteilname und Bestechlichkeit... Wir stellen fest: Wulf war nur die Spitze des Eisberges. Hoffentlich kommen weitere Sauereien mal ins Rampenlicht. Das würde "putzen"
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Ampelkennzeichnung: Was wirklich in Lebensmitteln drin ist

Hintergrund
Die amtliche Lebensmittelüberwachung
Die Lebensmittelüberwachung ist in Deutschland Ländersache. In den Landesministerien für Verbraucherschutz beziehungsweise Ernährung werden Untersuchungsprogramme entwickelt, die die Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämter in den Städten und Landkreisen verwirklichen.

Die Behörden kontrollieren die Lebensmittelbetriebe dabei nicht nach Zufallsprinzip, sondern nach Höhe des Risikos. Die Kontrolleure dürfen, wenn nötig, Proben entnehmen. Insgesamt werden jedes Jahr von den Laboren der Bundesländer rund 400.000 Proben untersucht. Wenn die Gesundheit der Verbraucher gefährdet ist, müssen die Lebensmittel aus dem Handel entfernt werden.
Die Eigenkontrollen der Wirtschaft
Alle Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, die Qualität ihrer Lebensmittel zu kontrollieren und dokumentieren. Außerdem müssen alle Betriebe darüber Buch führen, von wem sie Lebensmittel gekauft und an wen sie diese wieder verkauft haben. Nur so kann im Ernstfall herausgefunden werden, wer das Lebensmittel verunreinigt hat.
Tipps für Verbraucher
Finden Sie Metallteilchen oder sonstige Dinge in Lebensmitteln, sollten Sie die örtliche Lebensmittelüberwachung informieren. Ebenso sollten Sie dies mit verdorbenen Lebensmittel tun, die eigentlich noch haltbar sein müssten. Weil die Lebensmittelüberwachung keinen einheitlichen Namen hat, rät das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, die zuständigen Stellen bei Stadt- oder Gemeindeverwaltung zu erfragen. In kleineren Gemeinden wird diese Aufgabe oft von der Kreisverwaltung wahrgenommen.

Neben Meldungen in Tageszeitungen oder Online-Medien wie SPIEGEL ONLINE können Sie sich über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel oder auf Seiten von Verbrauchern für Verbraucher wie www.produktrueckrufe.de über Rückrufe informieren.
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Negativ-Preis: Der Goldene Windbeutel

Nährwertkennzeichnung
Zwischen Industrie, Politik, Gesundheitsexperten und Verbraucherschützern wird seit langem erbittert über die Nährwertkennzeichnung gestritten: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Die aber sind laut Kritikern so willkürlich gewählt, dass sie den Vergleich schwierig machen. Außerdem geht das GDA-System von unrealistischen Portionsgrößen aus: So empfehlen sie etwa eine halbe Tiefkühlpizza oder eine winzige Handvoll von 25 Gramm bei Erdnüssen. Im Juni 2010 hat das EU-Parlament die Einführung einer europaweiten Ampelkennzeichnung abgelehnt.