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Lebensmittelnot: Weltweit hungert jeder sechste Mensch

Die Finanzkrise macht sich auf dramatische Weise bemerkbar: Laut der Welternährungsorganisation FAO steigt die Zahl der Hungernden erstmals auf über eine Milliarde. Das sind elf Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr - damit ist jeder sechste Mensch nicht ausreichend versorgt.

Rom - Es ist ein Spitzenwert - aber im negativen Sinne: In diesem Jahr wird die Zahl der Menschen, die weltweit unter Hunger leiden, erstmals über eine Milliarde steigen. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO sorgen globale Wirtschaftskrise und hohe Lebensmittelpreise dafür, dass rund elf Prozent Menschen mehr als noch im Vorjahr unter Hunger leiden. Damit sind insgesamt 1,02 Milliarden Menschen unterversorgt - das ist jeder sechste Erdenbewohner.

Hungerndes Kind in Indien: Allein in Asien leiden 640 Millionen Menschen an Hunger Zur Großansicht
AP

Hungerndes Kind in Indien: Allein in Asien leiden 640 Millionen Menschen an Hunger

"Die gefährliche Mischung aus wirtschaftlichem Abschwung und anhaltend hohen Lebensmittelpreisen hat im Vergleich zum Vorjahr rund hundert Millionen Menschen zusätzlich in Armut und Hunger gestürzt", sagte FAO-Chef Jacques Diouf am Freitag in Rom. Die stille Hungerkrise bedeute eine ernsthafte Gefahr für Frieden und Sicherheit auf der Welt. "Wir brauchen dringend einen Konsens, den Hunger in der Welt schnell und vollständig abzuschaffen und die dafür notwendigen Maßnahmen zu ergreifen."

Nachlassende Exporte und fehlende Transferzahlungen

Tatsächlich sind die neuesten Schätzungen, die die Welternährungsorganisation vorgelegt hat, dramatisch: Danach wird die Zahl der Hungernden in diesem Jahr um elf Prozent steigen. Betroffen sind hauptsächlich Entwicklungsländer. Nach FAO-Angaben leiden in Asien rund 640 Millionen Menschen an Hunger, in Afrika sind es 265 Millionen, in Lateinamerika 53 Millionen und im Nahen Osten und Nordafrika 42 Millionen Menschen. Aber auch in den industrialisierten Ländern haben 15 Millionen Menschen zu wenig zu essen.

Die wegen der Wirtschaftskrise nachlassenden Exporte und ausländischen Direktinvestitionen treffen vor allem die städtische Bevölkerung in Entwicklungsländern. Die Ernährungsexperten erwarten deshalb, dass Millionen von Stadtbewohnern wieder zurück in die Provinzen ziehen und damit die dortige Situation verschlimmern werden.

Gleichzeitig haben die Entwicklungsländer damit zu kämpfen, dass die Transferzahlungen von Verwandten im Ausland in diesem Jahr drastisch zurückgegangen sind. "Das führt zu einem Verlust von Devisen und Haushaltseinkommen", heißt es in dem Bericht der FAO. Anders als bei vorherigen Krisen seien die Länder nicht in der Lage, diesen Ausfall auszugleichen, weil der Abschwung quasi die ganze Welt gleichzeitig treffe.

Lebensmittel 24 Prozent teurer

Das Fatale daran: Die Wirtschaftskrise kommt unmittelbar nach der Lebensmittel- und Ölkrise in den Jahren 2006 bis 2008. Zwar seien die Lebensmittelpreise in den vergangenen Monaten weltweit wieder gefallen, auf den heimischen Märkten der Entwicklungsländer blieben sie aber verhältnismäßig hoch. Laut FAO waren sie Ende 2008 im Schnitt 24 Prozent höher als 2006. "Für arme Konsumenten, die bis zu 60 Prozent ihres Einkommens für die tägliche Versorgung brauchen, bedeutet das eine deutliche Einschränkung ihrer Kaufkraft", schreiben die Experten.

Sie fordern deshalb verstärkte Investitionen in die Landwirtschaft: "Die internationale Gemeinschaft muss vor allem Kleinbauern unterstützen, damit diese nicht nur Zugang zu Saatgut und Dünger, sondern auch zu den passenden Technologien, Infrastruktur und Krediten haben", heißt es bei der FAO. Für die meisten Entwicklungsländer gelte, dass solche Investitionen die Versorgung nachhaltig sichern - gerade in globalen Krisen.

sam

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