Lebensversicherung: "Wir müssen alle bescheidener sein"

In Deutschland gibt es mehr Lebensversicherungen als Einwohner - und Millionen Kunden leiden unter der schrumpfenden Verzinsung der Policen. Maximilian Zimmerer, Vorstand beim Marktführer Allianz, spricht im Interview über das Ende üppiger Renditen und versteckte Kosten in den Verträgen.

Allianz: Keine tollen Aussichten für Lebensversicherungen Zur Großansicht
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Allianz: Keine tollen Aussichten für Lebensversicherungen

SPIEGEL ONLINE: Herr Zimmerer, 44 von 69 Lebensversicherern werden die laufende Verzinsung der Kundenbeiträge in diesem Jahr erneut senken. Viele sind schon bei unter vier Prozent angelangt. Warum sollten Kunden jetzt überhaupt noch eine Lebensversicherung abschließen?

Maximilian Zimmerer: Ganz einfach: Weil die Renditen immer noch sehr viel höher sind als bei anderen Sparprodukten. Die Menschen glauben immer die Verkaufssprüche, dass man angeblich mit Aktien zehn Prozent Rendite schafft oder mit festverzinslichen Papieren sieben Prozent. Fakt ist: Solche Traumquoten gelten schon lange nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem schrumpft die Lebensversicherung immer weiter zusammen. Ein Beispiel: Ein 50-Jähriger zahlt seit dem Jahr 2000 für 20 Jahre bei einem Durchschnittsversicherer monatlich 100 Euro ein. Bei Vertragsabschluss konnte er früher mit einer Auszahlung in Höhe von 48.391 Euro rechnen. Heute sind es nur noch 33.031 Euro. Was sagen Sie solchen Kunden?

Zimmerer: Bei Vertragsabschluss wurde die aktuelle Verzinsung hochgerechnet, genauso bei dem Zwischenstand heute. Solche Hochrechnungen sind Momentaufnahmen. Wenn die Zinsen wieder steigen, kann die Ablaufleistung auch wieder höher ausfallen. Und natürlich ist ein Mindestprozentsatz durch den gesetzlich vorgegebenen Garantiezins immer gesichert.

SPIEGEL ONLINE: Die Hochrechnungen können wieder steigen, richtig - womöglich tun sie es aber auch nicht.

Zimmerer: Fakt ist: im Durchschnitt haben Lebensversicherungen nach Abzug der Kosten bei zwölfjähriger Laufzeit zuletzt 4,1 Prozent Rendite erwirtschaftet. Das ist eine gute Anlage in heutigen Zeiten, wir müssen alle wieder etwas bescheidener sein.

SPIEGEL ONLINE: Das können Sie leicht behaupten, nachvollziehen kann das der Kunde kaum. Die Ausschüttungen, die der Versicherte am Ende bekommt, hängen von einem halben Dutzend Variablen ab. Schon die Kosten, die die Unternehmen ihren Kunden in Rechnung stellen, lassen sich kaum nachvollziehen.

Zimmerer: Das stimmt so nicht. Es hat sich viel verbessert. Die Lebensversicherung basiert auf einer gemeinsamen Anlage aller Beiträge der Kunden. Stetige Ein- und Auszahlungen tragen zur Glättung der Erträge bei, so dass die jährlichen Schwankungen am Kapitalmarkt beim Kunden kaum sichtbar werden. Dies ist eine Stärke der Lebensversicherung, bedeutet aber auch, dass Transparenz im Sinne einer direkten Zuordnung von einzelnen Kapitalanlagen zu Beiträgen der Kunden nicht möglich ist...

SPIEGEL ONLINE: ...und dass der Kunde nicht weiß, wie viel Geld in die Taschen der Vermittler und Versicherungsvertreter fließt.

Zimmerer: Doch, das weiß er. Die Kosten, die wir kalkulieren, sind vertraglich festgelegt und dürfen während der Laufzeit der Verträge nicht mehr verändert werden. Die absolute Höhe benennen wir seit 2008 vor dem Abschluss einer Lebensversicherung in Euro. Und um einen Vergleich mit anderen Produkten oder Anlageformen zu ermöglichen, wollen wir in Zukunft auch die Auswirkung der berechneten Kosten auf die Rendite als sogenannte Gesamtkostenquote angeben.

SPIEGEL ONLINE: Was soll die aussagen?

Zimmerer: Sie gibt die Möglichkeit, die tatsächliche Rendite auf die gezahlten Beiträge zu berechnen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Zimmerer: Ein Rentenversicherungsvertrag mit 30 Jahren Laufzeit erhält vor Kosten eine Gesamtverzinsung von etwa 4,9 Prozent im Jahr. Bei solchen Verträgen liegt die Gesamtkostenquote, die wir angeben, bei gut 1 Prozent. Das heißt: Bezogen auf den Beitrag des Kunden beträgt seine jährliche Rendite rund 3,9 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sich das so einfach machen lässt, warum gibt es das nicht schon längst?

Zimmerer: Tatsächlich ist die Berechnung wegen des unterschiedlichen zeitlichen Anfalls der Kosten und der notwendigen Berücksichtigung der vielen verschiedenen Verträge und Laufzeiten ziemlich kompliziert. Bei kürzer laufenden Verträgen ist die Gesamtkostenquote zum Beispiel höher. Aber wir hoffen, dass andere Unternehmen trotz des technischen Aufwands nachziehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre schöne neue Rechnung geht aber nur auf, wenn Kunden tatsächlich die gesamte Laufzeit durchhalten. Bei 30-jährigen Verträgen steigt aber mehr als die Hälfte aller Kunden aus. Warum?

Zimmerer: Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Oft werden Beitragszahlungen nur ausgesetzt. Oder die Kunden steigen erst zum Ende der Laufzeit aus. Ich ärgere mich, wenn das pauschal als Beleg genommen wird, dass das Modell Lebens- und Rentenversicherung nicht funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Aber Kunden verlieren oft Geld, wenn Sie aussteigen. Und die Idee von fixen Beitragszahlungen, die jahrzehntelang unter allen Umständen geleistet werden müssen, klingt eben überholt. Was passiert, wenn Kunden arbeitslos werden oder nach einem Stellenwechsel plötzlich weniger verdienen?

Zimmerer: Wir haben längst Angebote für solche Fälle. Viele Kunden wissen das leider nicht. Aber natürlich ist eine Lebensversicherung kein Sparbuch, an das man ständig herangehen sollte. Unsere Policen sind langfristige Anlagen. Ein ständiges Rein- und Rauswollen schadet, weil wir die Kundengelder schließlich auch langfristig anlegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie erwirtschaften allerdings mit diesen Geldern immer weniger. Sind Ihre Anlagestrategen schlechter geworden?

Zimmerer: Nein, natürlich nicht. Das Problem ist: Wir haben einen Großteil in festverzinslichen Wertpapieren angelegt, etwa deutsche Staatsanleihen oder Schuldverschreibungen von Unternehmen. Die Renditen bei solchen Papieren sind derzeit extrem niedrig. Das liegt vor allem daran, dass die Notenbanken weltweit die Zinsen künstlich niedrig halten. Die Europäische Zentralbank hat sogar angefangen, Staatsanleihen an den Märkten aufzukaufen, um Preisexplosionen bei Problemstaaten zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: So wie derzeit die Lage beispielsweise in Portugal ist, wird sich daran wohl kaum etwas ändern.

Zimmerer: Es wäre nur gefährlich, wenn die Notenbanken diese Strategie noch lange fortführen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Kurzfristig war die Strategie die richtige Medizin, aber auf die Dauer wird jede Medizin zur Droge. Der Ankauf von EU-Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank in großem Stil war der Sündenfall. Das muss so bald wie möglich gestoppt werden.

Das Interview führte Anne Seith

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1. Wir müssen alle bescheidener sein
scsimodo 12.01.2011
Zitat: "Wir müssen alle bescheidener sein" Darf ich dann davon ausgehen, dass "wir" diesen Herrn mit einschliesst und er auf einen Teil seiner sicherlich üppigen Bonuszahlungen verzichtet? OK, die Antwort ist klar, aber man wird doch mal fragen dürfen...
2. aha
Kranken-pfleger 12.01.2011
Banker werben für Bescheidenheit, dies kommt aber bei den Gehältern dieser Gattung aber garnicht zu geltung.
3. nö
kupidon, 12.01.2011
Wenn eine Versicherung verkauft wird, dann wird meisten mit maximal möglichen Zins berechntet und nun reicht das Geld nur für Vorstände. Die haben bestimmt kein Problem mit der Zuwachsrate ihrer Gehälter und Boni. Das Wort Bescheidenheit fehlt in derren Vokabular.
4. Da geht einigen der A..... auf Grundeis.
sic tacuisses 12.01.2011
Zitat von sysopIn*Deutschland gibt es mehr Lebensversicherungen als Einwohner - und Millionen Kunden leiden unter der schrumpfenden*Verzinsung*der Policen. Maximilian Zimmerer,*Vorstand beim Marktführer*Allianz, spricht im Interview über das Ende*üppiger Renditen und versteckte Kosten in den Verträgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,739090,00.html
Haben die Angst dass der Kunde merkt wer eigentlich die phantastischen Renditen einstreicht ????? Man lese die Bilanzen der Allianz.
5. Also sind die privaten Versicherungen dochnicht so gut
notebook20000 12.01.2011
Wäre also die gesetzliche Rente genauso , wenn nicht besser, gewesen? Unglaublich, diese Verdummung
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Zur Person
Allianz
Maximilian Zimmerer ist Chef der Sparte Lebensversicherung der Allianz und Vorstandsmitglied der Allianz Deutschland. Der 52-jährige Jurist ist seit mehr als 20 Jahren bei dem Münchner Versicherungskonzern tätig.