Lego für Manager Knallbunte Gruppentherapie

Die Kinderzimmer sind Lego zu klein geworden. Mit "Serious Play" für Manager erobert der dänische Spielwarenhersteller die Konferenzräume von Firmen wie Nokia und E.ON.

Von , New York


Lego Serious Play: Selbsfindung mit Spielzeug-Männchen
LEGO SERIOUS PLAY

Lego Serious Play: Selbsfindung mit Spielzeug-Männchen

New York - Am Anfang steht das Warmspielen. Nach Jahrzehnten der Lego-Abstinenz brauchen gestandene Manager rund zwei Stunden, um sich wieder an die achtnoppigen Kunststoffsteine zu gewöhnen. Dann kann es losgehen: Ist Eure Firma eher ein Rennwagen oder eine Festung? Ist der Hauptwettbewerber ein Wolf oder ein Rhinozeros? All das lässt sich wunderbar mit Lego-Steinen darstellen. Während des "Real Time Strategy"-Workshops verwandeln sich trockene Krawattenträger für zwei Tage in ambitionierte Lego-Architekten, die sich um die besten Steine streiten. Am Ende haben sie zusammen ein knallbuntes 3-D-Modell ihrer Geschäftsumgebung entwickelt.

Die Edition "Serious Play" aus dem Hause Lego ist das neueste Spielzeug für Unternehmensberater. Mit dem Lego-Koffer in der Hand tauchen die Berater bei ihren Kunden auf und schicken Gruppen von bis zu zehn Managern in ihre Kindheit zurück. Jedes "Strategy"-Set enthält 6500 Steine, auch die Kleinkind-Reihe Duplo und LegoTechnik sind dabei. Vertrieben werden die Sets von der Firma Executive Discovery in sieben Ländern, darunter auch Deutschland. Die Lego-Holding hält eine Kontroll-Mehrheit an Executive Discovery.

Lego Strategy: Erst baut jeder sein eigenes Modell...
LEGO SERIOUS PLAY

Lego Strategy: Erst baut jeder sein eigenes Modell...

Die Idee hinter "Serious Play" ist so simpel wie alles von Lego. "Spielerisch lernt der Mensch am schnellsten", sagt Robert Rasmussen, Präsident von Executive Discovery. "Und er bekommt ein besseres Bild von der Realität, wenn er seine Hände benutzt." Bisher werde die aktuelle Lage einer Firma nur durch Zahlenkolonnen und Worte repräsentiert. Ab sofort könne man sie auch nachbauen. Das gemeinsame Konstruieren der "Geschäftslandschaft" hat laut Rasmussen zwei Vorteile: Zum einen präge sich das Bild der Firma allen Teilnehmern nachhaltiger ein, zum anderen könnten sich die Manager bei dem Gemeinschaftserlebnis über etwaige Unterschiede verständigen und Szenarien durchspielen.

Der Begriff "lebenslanges Lernen" ist inzwischen so alt, dass man schon kaum mehr von einem Modewort reden kann. Umso verwunderlicher ist es, dass das Unternehmen, das Generationen von Kleinkindern ihren ersten Lernerfolg beschert hat, nicht viel eher auf den Gedanken gekommen ist, auch andere Altersgruppen anzusprechen. Lego für Manager - die Verzückung der Unternehmensberater ist leicht vorzustellen. Die hochbezahlten Wanderprediger werben schließlich seit Jahren für mehr Dynamik und Kreativität in den Vorstandsetagen.

Aber was denken 60-jährige Firmenbosse und Abteilungsleiter, wenn sie das Wort Lego hören? Rasmussen räumt ein, dass es unter ihnen etliche Spielverderber gebe. Doch anfängliche Skepsis schlage meist in Begeisterung um. Die ersten, die "Strategy" ausprobierten, waren junge Internetfirmen. Doch auch europäische Riesen wie Nokia, Orange und Alcatel haben bereits ein Lego-Modell ihrer Firma gebaut. Zuletzt hat das deutsche Energieunternehmen E.ON großes Interesse gezeigt.

...dann muss das Ganze zusammengestöpselt werden.
LEGO executive discovery

...dann muss das Ganze zusammengestöpselt werden.

Das Lego-System ist bis ins Detail ausgetüftelt, der Moderator (in der Regel der Unternehmensberater) muss extra für seine Rolle trainiert werden. "Es reicht nicht, einfach einen Eimer Lego-Steine auf den Tisch zu schütten", sagt Rasmussen. Fünf Jahre Forschung stecken in "Serious Play", es gibt Regeln wie bei jeder Gruppentherapie. Für die ersten zwei Stunden des "Strategy"-Workshops etwa bekommen die Teilnehmer ein "Starter-Kit" mit 250 Steinen. Daraus muss jeder einzelne den idealen Mitarbeiter konstruieren. Dabei muss er erklären, warum dies der ideale Mitarbeiter ist.

Im zweiten Schritt geht es darum, den Kern der Firma zu bauen. Dafür bringt der Moderator 2000 zusätzliche Steine ins Spiel. Die Steine sind so ausgewählt, dass sie Assoziationen auslösen. Durchsichtige Klötzchen etwa stehen für Transparenz, Gummibänder können Flexibilität symbolisieren. Auch viele Tiere sind dabei. "Tiere sind hervorragend für Assoziationen geeignet", sagt Rasmussen. Für den zweiten Schritt hat jeder Teilnehmer 45 Minuten Zeit. Danach müssen die verschiedenen Modelle in ein Konsens-Modell zusammengefügt werden. Dieses ist rund einen Quadratmeter groß und sieht laut Rasmussen meist "sehr kreativ" aus. Ein Teilnehmer muss - ohne zu lachen - erklären, warum dieses Fantasie-Gebilde die Firma darstellt.

Was ist, wenn die Manager sich nicht auf ein Modell einigen können? "Dann hat die Firma ein fundamentales Problem, was wir nicht lösen können", sagt Rasmussen. Auch das sei bereits vorgekommen. Selbst in diesen Fällen seien die Manager jedoch für die Erfahrung dankbar gewesen. In den restlichen Stunden des Workshops werden noch externe Faktoren wie Aktienmärkte, Ölpreise und die Medien in das Modell eingebaut. Am Ende schließlich spielen die Teilnehmer "Krise": Wie verändert sich das Modell, wenn Ereignis A eintritt? Was würden wir tun? Das fertige Lego-Modell bleibe dann oft im Konferenzraum oder der Eingangshalle stehen, sagt Rasmussen.

Die Initiative zu dem Manager-Lego ging von zwei Professoren aus: Bart Victor von der Vanderbilt University in Nashville/Tennessee und Johan Roos vom Imagination Lab, einer Non-Profit-Organisation im schweizerischen Lausanne. Mitte der 90er wurden die beiden als Berater in die Strategieplanung von Lego miteinbezogen. Dabei ist die Idee entstanden, Prozesse nicht nur zu denken, sondern zu bauen.

Vor zwei Jahren kam dann Rasmussen mit an Bord, die Gruppe der Entwickler war inzwischen auf zehn gewachsen. Als das Produkt Ende 2001 marktreif war, wurde Executive Discovery gegründet. Das Unternehmen hat sieben Mitarbeiter. "Real Time Strategy" ist das erste Produkt. Executive Discovery verkauft die Lego-Sets nicht direkt an Unternehmen, sondern an ausgewählte Unternehmensberater, die dann die Workshops durchführen. Der Preis ist geheim.

Die Nachfrage nach "Strategy" sei trotz der derzeitigen Sparwelle bei Unternehmen groß, sagt Rasmussen. "Zwei Tage mit Lego spielen ist sehr effizient", sagt er. "Denken Sie nur daran, wie lange es dauert, einen kompletten Strategiebericht zu schreiben und ihn dann zehn Leuten verständlich zu machen." Executive Discovery plant weitere Spezial-Kästen für Manager. Der nächste wird voraussichtlich "Beast" heißen. "Beast meint das Problem, das nie weggeht", sagt Rasmussen. Auch ein Kasten "Leadership" sei in Planung.

Einen Makel hat das Lego-Erlebnis allerdings: Wer spielt schon am Tisch? Das habe man zunächst auch gedacht, sagt Rasmussen, sich dann aber gegen das Original, den Fußboden, entschieden. "Schließlich ist es für die meisten Erwachsenen schon mehr als genug, mit Bauklötzen zu spielen."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.