Lehrstellenlücke: Union will Azubigehälter flexibilisieren

Die Parteien suchen nach Auswegen aus der Lehrstellenmisere: CDU-Arbeitsmarktexperte Ronald Pofalla fordert flexiblere Lehrlingsgehälter. Die FDP macht sich für betriebliche Ausbildungsbündnisse stark. Wirtschaft und Gewerkschaften suchen vor allem nach den Schuldigen für das Problem.

Tischlerlehrling bei der Gesellenprüfung: 170.000 Ausbildungsplätze fehlen noch
DDP

Tischlerlehrling bei der Gesellenprüfung: 170.000 Ausbildungsplätze fehlen noch

Berlin - Ausbildung müsse sich wieder lohnen, sagte Pofalla der Tageszeitung "Die Welt". Trotzdem könne der Staat Lehrlingsgehälter nicht gesetzlich regulieren: "Das ist eine Kernaufgabe der Tarifparteien." Damit erteilte die Union Forderungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) nach einem Mindestlohn für Lehrlinge eine klare Absage. DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun hatte am Wochenende bemängelt, die Ausbildunsgehälter seien zu hoch und sich für eine Basisvergütung von 270 Euro ausgesprochen.

CDU-Berufsbildungsexperte Uwe Schummer zeigte sich im "Handelsblatt" verwundert, dass eine Forderung "nach sozialistischen Einheitslöhnen" gerade von der Wirtschaft komme. Schummer versprach jedoch, eine Unions-geführte Bundesregierung werde die Lehrlingsgehälter weiter flexibilisieren. Derzeit dürften Betriebe Azubis in bestimmten Fällen bis zu 20 Prozent unter Tarif bezahlen. Die Union wolle diese Spanne auf ein Drittel ausweiten.

Auch FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sprach sich in der "Rheinischen Post" gegen staatlich festgelegte Basislöhne aus. Gewerkschaften und Arbeitgeber sollten sich stattdessen auf einen Korridor festlegen, den die Betriebe dann in internen Bündnissen genau ausgestalten sollten. So könnte "die besonderen Situationen von Regionen, Branchen und einzelnen Betrieben mitberücksichtigt werden".

"Die Situation verschärft sich von Tag zu Tag"

Wirtschaft und Arbeitnehmer streiten sich unterdessen weiter über die derzeit rund 170.000 fehlenden Ausbildungsplätze. DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock warf den Arbeitgebern im Gespräch mit der "Neuen Presse" vor, ihr Versprechen, jedem Jugendlichen ein Ausbildungsangebot zu machen, gebrochen zu haben. "Im Vergleich zum Vorjahresmonat gibt es 9,3 Prozent weniger betriebliche Ausbildungsstellen." Die Kluft zwischen Jugendlichen ohne Stelle und gemeldeten Lehrstellen sei nicht nur eine rechnerische Lücke. "Die Situation derjenigen Jugendlichen, die letztes Jahr keinen Ausbildungsplatz ergattern konnten, verschärft sich von Tag zu Tag."

Das Handwerk weist indes die Verantwortung für die Misere auf dem Lehrstellenmarkt von sich und wies stattdessen der Bundesregierung die Schuld zu. "Die mit der Handwerksreform verbundene Aufhebung des Meister-Zwangs in etlichen Berufsgruppen hat dort zu einem drastischen Einbruch in der Berufsaubildung geführt", sagte Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) der "Berliner Zeitung". Unter- und Geringqualifizierte hätten so zahlreiche Kleinst- und Kleinfirmen gegründet, die meist nicht willens und in der Lage zur Ausbildung seien.

Der durch die Osterweiterung der Europäischen Union ausgelöste ruinöse Wettbewerb dämpfe die Bereitschaft der Betriebe, Lehrstellen zu schaffen, zusätzlich. Die Ausbildungsvergütung abzusenken, wie von DIHK-Präsident Braun gefordert, hält Kentzler jedoch nicht für eine gute Lösung. "Wer wirklich gut ausbildet, für den zahlt sich der Lehrling schon in kurzer Zeit aus."

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