"The Magician" titelte die Zeitschrift The Economist am 8. Oktober 2011. Eine tiefe Verbeugung vor einem der einflussreichsten Menschen unserer Zeit: Steve Jobs (1955-2011) veränderte unsere Welt, unsere Gewohnheiten, unsere Ansprüche an Produkte. Das Paradoxe: er selbst sah sich als Revolutionär gegen die großen Unternehmen, wurde aber seinerseits von vielen Konzernlenkern als einer der größten Unternehmer unserer Zeit gepriesen. Er war ein verschlossener Mensch, gab praktisch nie Interviews über Persönliches. Wenn es allerdings darum ging, eines der neuen Apple-Produkte zu präsentieren, lieferte er immer eine fulminante Show. Seine Produkteinführungen, bei denen er alleine im schwarzen Rollkragenpulli auf einer abgedunkelten Bühne das nächste "unglaubliche" Apple-Produkt inszenierte, waren Meisterleistungen eines echten Showman.
Doch nicht nur Steve Jobs' Produkteinführungen haben Kultstatus erlangt. Im Sommer 2005 hielt Jobs an der Stanford University eine legendäre Ansprache. Er erzählte den Studenten, dass er als junger Mann einmal ein Zitat gelesen habe: "Wenn du jeden Tag lebst, als sei er dein letzter, wirst du irgendwann recht haben." Jobs fuhr fort, dass er sich seit jenem Tag frage, ob er das tue, was er wirklich tun wolle, wenn heute sein letzter Tag wäre. Falls die Antwort "nein" laute, ändere er seinen Plan. "Eure Zeit ist begrenzt. Vergeudet sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lasst euch nicht von Dogmen einengen - dem Resultat des Denkens anderer," gab er den Studenten mit auf den Weg. Und er schloss mit einem Leitspruch, der sein gesamtes Leben geprägt hat: "Stay hungry, stay foolish." Übersetzt etwa: bleib hungrig, bleib ein Narr!
Steve Jobs hat die Welt durch Innovationen geprägt und dafür sein Privatleben oft vernachlässigt. Doch auch in Steve Jobs regte sich augenscheinlich der Wunsch, mehr zu hinterlassen als eine Kultmarke - vor allen Dingen für seine Familie, die oft außen vor geblieben war. Der an sich verschlossene Steve Jobs bat im Frühsommer 2004 Walter Isaacson, einen der namhaftesten Biografen der Vereinigten Staaten, um ein persönliches Gespräch. Der Unternehmer wollte wissen, ob Isaacson Jobs Biografie schreiben wolle. Damals war der Apple-Gründer gerade einmal Ende 40. Isaacson fühlte sich zwar geehrt, erwiderte Jobs aber, dass man das Projekt in ein oder zwei Jahrzehnten angehen könne. Zu diesem Zeitpunkt wusste Isaacson nicht, dass Jobs schwer krank war.
Als einige Jahre später Jobs Kampf gegen die Krebserkrankung offensichtlich wurde, entschloss sich Isaacson zum Verfassen der Biografie. Die beiden arbeiteten über zwei Jahre miteinander, in über 50 Gesprächen trug Isaacson Steve Jobs Leben und Lebenswerk zusammen. Das letzte Interview fand wenige Wochen vor seinem Tod statt. Erst in diesem letzten Gespräch traute sich Isaacson, Jobs die eine Frage zu stellen, die ihm die ganze Zeit über auf den Lippen gelegen hatte: Die Frage nach dem Grund, warum sich der sonst so verschlossene Mann für dieses Buch geöffnet habe. "Ich wollte, dass meine Kinder mich kennen", lautete die Antwort. "Ich war nicht immer für sie da, und ich wollte, dass sie die Gründe erfahren und verstehen, was ich getan habe."
Stay hungry, stay foolish? Ja, streben Sie ruhig nach Ihren hochgesteckten Zielen, vielleicht verändern Sie sogar die Welt. Aber sorgen Sie auch für eine ausgewogene Balance zwischen Ihrem Berufs- und Privatleben. Sonst bereuen Sie es vielleicht in der Stunde Ihres Todes.
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