Negativzinsen, Finanzspritzen, Anleihekäufe Die letzten Waffen der EZB

Die Europäische Zentralbank will die Kreditvergabe in Südeuropa ankurbeln. Mit konventionellen Methoden hat sie bisher kaum Erfolg. An diesem Donnerstag diskutieren die Währungshüter deshalb wohl auch über geldpolitische Waffen, deren Einsatz bisher als Tabu galt.

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Eurotower in Frankfurt: Hier entscheidet der EZB-Rat
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Eurotower in Frankfurt: Hier entscheidet der EZB-Rat


Hamburg - Aus der Sicht von Mario Draghi ist die Euro-Zone längst gespalten. Wenn der Chef der mächtigen Europäischen Zentralbank auf die Kreditmärkte der Währungsunion schaut, sieht er zwei Welten. In der einen, zu der vor allem Deutschland gehört, kommen Firmen und Verbraucher so leicht und billig an Geld wie selten zuvor. In der anderen, vor allem südeuropäischen Welt ist es vor allem für kleine und mittlere Unternehmen sehr schwer, günstige Kredite zu erhalten - zu groß ist die Angst der Banken vor dem Ausfall des Schuldners.

Draghi und viele seiner Kollegen im EZB-Rat ist diese Zweiteilung ein Graus. Sie wollen mit aller Macht dafür sorgen, dass auch die Firmen in den Krisenländern an günstige Kredite kommen - und so den siechenden Volkswirtschaften dort zu neuem Wachstum verhelfen.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist die EZB bereits sehr weit gegangen: Sie versorgt die Banken mit quasi unbegrenzt hohen Krediten, sie hat die Anforderungen an die Sicherheiten, die die Institute dafür hinterlegen müssen, deutlich gesenkt. Und sie hat den Leitzins auf ein historisch niedriges Niveau gedrückt: Seit Anfang November müssen die Finanzinstitute lediglich noch 0,25 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie sich Geld bei der Zentralbank leihen. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 lag der Satz bei mehr als vier Prozent.

Das Problem ist nur, dass all die Niedrigzinsen bisher kaum etwas genutzt haben. Noch immer ist die Entwicklung der Kreditvergabe an die Wirtschaft in der Euro-Zone insgesamt rückläufig. Im Oktober etwa reichten die Institute 2,1 Prozent weniger Darlehen an Unternehmen und Haushalte aus als ein Jahr zuvor.

Um gegen den Negativtrend anzukämpfen, erwägen die Notenbanker neben einer weiteren Zinssenkung auf null Prozent mittlerweile auch neue, drastischere Maßnahmen. Einige davon dürften heiß diskutiert werden, wenn sich der EZB-Rat an diesem Donnerstag in Frankfurt trifft.

Welche Mittel gibt es noch, was könnten sie bringen?

Negativzinsen

Ein Szenario, das allen Sparern einen Schrecken einjagt, sind die sogenannten Negativzinsen. Dabei würden die Banken für das Geld, das sie bisher zinslos bei der EZB parken, eine Art Strafzins zahlen. So sollen sie dazu verleitet werden, überschüssiges Geld lieber an andere Banken zu verleihen, zum Beispiel in Südeuropa. Diese, so die Hoffnung, würden dann auch die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher wieder ausweiten.

Schon bei der letzten EZB-Ratssitzung Anfang November war der Strafzins ein Thema. "Wir haben Negativzinsen diskutiert, technisch und juristisch durchgespielt", sagte jüngst Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré. "Die EZB ist also bereit."

Ob der Negativzins tatsächlich kommt, ist allerdings fraglich. Volkswirte bezweifeln die Wirkung. "Die Frage ist, ob die Banken dann nicht einfach weniger Geld bei der EZB aufnehmen", sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an die Universität Hohenheim. Damit wäre das Problem der mangelnden Kreditvergabe nicht gelöst.

Auch die Erfahrungen mit Negativzinsen sind bisher eher schlecht. Dänemark hat es im Jahr 2012 mit einem Minuszins von 0,1 Prozent für Bankeinlagen bei der Notenbank versucht. Das Ergebnis: Viele Banken leiteten die höheren Kosten einfach an die Verbraucher weiter.

Neue Finanzspritzen für die Banken

Schon einmal hat die EZB den Banken mit langfristigen Billigkrediten geholfen: Damals, Ende 2011 und Anfang 2012, liehen sich die Institute insgesamt eine Billion Euro für einen ungewöhnlichen langen Zeitraum von drei Jahren - ein bisher einmaliges Manöver. Notenbank-Chef Draghi sprach im Kampf gegen die Krise damals von der "Dicken Bertha" - in Anlehnung an ein Geschütz im Ersten Weltkrieg.

Der Erfolg der Geldwaffe war gemischt: Viele Institute aus Südeuropa nutzen das billige Geld vor allem, um deutlich höhere verzinste Anleihen ihrer Heimatstaaten zu kaufen. Für die Banken und die Staaten war das ein lohnendes Geschäft, beabsichtigt war diese Nebenwirkung aber nicht.

Mittlerweile hat sich die Lage entspannt, viele Banken haben das geliehene Geld sogar vorzeitig zurückgezahlt. Trotzdem wird nun über eine neue Variante der Langfristkredite nachgedacht. Diesmal aber, so die Überlegung, sollen sie nur über ein Jahr laufen und vor allem: sie sollen zweckgebunden sein. Billige Kredite soll nur noch die Bank bekommen, die sich verpflichtet, das geliehene Geld an Unternehmen weiterzureichen. "Die EZB würde damit zur größten Förderbank Europas", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank.

Die bisherigen Erfahrungen mit solchen Instrumenten sind allerdings nicht sonderlich ermutigend: In Großbritannien hat die Bank of England bereits ein ähnliches Programm mit dem Namen "Funding for Lending" aufgelegt. Der Erfolg war verhalten. Viele Banken lehnten das Angebot ab.

Ökonomen kritisieren zudem den planwirtschaftlichen Charakter der Idee: "Banken sollten Kredite eigentlich nur dann vergeben, wenn sie sich sicher sind, dass das eine gute Entscheidung ist", sagt Bankenprofessor Burghof. "Wenn man von außen in diesen Prozess eingreift und die Kreditvergabe steuern will, endet das meist in einer Katastrophe."

Anleihekäufe

Als ultimatives Mittel, um die Zinsen am Markt niedrig zu halten, könnte die EZB auch im großen Stil Anleihen von Investoren aufkaufen. Andere große Notenbanken wie die Fed in den USA, die Bank of England oder die japanische Zentralbank nutzen dieses Instrument bereits mehr oder weniger erfolgreich. Die Idee hinter dieser "quantitativen Lockerung" ist folgende: Wenn die Notenbank Staatsanleihen oder Unternehmenspapiere am Markt aufkauft, drückt sie die Zinsen.

Im Unterschied zu den bisherigen Anleihekaufprogrammen der EZB ginge es nicht darum, die Finanzierung einzelner Staaten zu erleichtern. Dennoch dürften die Anleihekäufe kaum durchzusetzen sein. Zu groß ist der Widerstand, vor allem aus Deutschland. Viele deutsche Ökonomen sehen im Kauf von Staatsanleihen eine verdeckte Staatsfinanzierung mit der Notenpresse. Auch das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich kritisch dem Thema.

Der Kauf von Unternehmensanleihen oder verpackten Firmenkrediten hingegen hätte Experten zufolge nur eine geringe Wirkung auf die Zinsen. Anders als etwa in den USA ist der Markt dafür in der Euro-Zone einfach zu klein.



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insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
braman 05.12.2013
1. Finanzspritzen
Bei solchen Beiträgen bleibt doch immer die Frage: Warum sollte ein Unternehmer investieren wenn er seine Produkte mangels Kaufkraft der Kunden nicht verkaufen kann? Von daher kann ich die ganzen Bemühungen der EZB und der Politiker nicht so richtig nach vollziehen sogenannte Investitionsanreize in Form von niedrigen Zinsen und anderen 'Erleichterungen' wie Senkung von Unternehmenssteuern usw. an zu bieten. Wenn keine Nachfrage nach einem Produkt da ist mangels Kaufkraft wird auch etwas mehr Export (falls überhaupt exportfähig) des Produktes keine Investitionsboom aus lösen. Keine Kunden (mit Kaufkraft) --> keine Nachfrage --> keine Investitionen. MfG: M.B.
thunderblade 05.12.2013
2. Kredite muss man zurückzahlen!
Kredite muss man zurückzahlen! Und wer fürchtet dies nicht zu können, nimmt auch keine Kredite auf. Die Zinsen sind da völlig sekundär!
Artgarfunkel 05.12.2013
3.
Alle diese Maßnahmen werden nutzlos verhallen, so lange korrupte Mafiabanken mit den EZB-Milliarden lieber Zinssätze, Devisenkurse und die Preise an den Rohstoffbörsen manipulieren, anstatt das Geld billig weiter an die Firmen und Verbraucher zu reichen. Und so lange diese korrupten Herren ungeschoren davon kommen (die jüngst verhängten EU-Strafen sind für die doch die sprichwörtlichen "Peanuts") und nicht endlich auch die verbrecherischen Manager in den Knast gehen, kann Draghi wie das Rumpelstilzchen tun. Er wird erfolglos bleiben. Banken abwickeln, Trennbankensystem, Firmenhaftung einführen, damit auch die Aktionäre endlich einmal aufwachen, wenn es an deren Geld geht, Bankenaufsicht mit Stürmungsrecht auf die Zentralen und Filialen, Börsenaufsicht, Lizenzentzug, Geschäftstätigkeiten ggfs. sofort einstellen lassen, Haftstrafen. Alles längst überfällig.
Tajee 05.12.2013
4. Sie drückt den Preis und die Zinsen?
Da hat wohl jemand im Grundtsudium nicht aufgepasst: Wenn die Zentralbanken Anleihen kaufen, steigt natürlich der Preis und die Zinsen sinken. Darüber hinaus: Das "Funding for Lending" der Bank of England würde ich nicht als Mißerfolg bezeichnen, schließlich hat sie gerade erst Wohnungsbaukredite aus der Förderung ausgenommen, weil die Kreditvergabe an private Haushalte stark gestiegen ist und schon wieder eine Immobilienblase droht.
coyote38 05.12.2013
5. Irgendwie ...
... MUSS es doch zu schaffen sein, dass uns die ganze Veranstaltung um die Ohren fliegt ... vorzugsweise so, dass Deutschland am Ende der Schuldige ist. Dann haben wir auch gleich noch eine moralische Hypothek für das 21. und 22. Jahrhundert gebastelt ... wie praktisch ...
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