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Liechtenstein-Affäre: Das Dagobert-Duck-Prinzip

In der größten deutschen Steueraffäre hat die Bochumer Staatsanwaltschaft eine neue Durchsuchungswelle gestartet. Manche Kunden der LGT Treuhand in Liechtenstein sind fast dankbar, dass sie auffliegen. Sie leiden seit Jahren unter dem Versteckspiel.

Dieses Mal kamen die Ermittler diskret. Keine Kameras, kein Blitzlichtgewitter, keine Liveschaltungen vom Tatort. Die spektakulären Szenen, die sich bei der Hausdurchsuchung von Postchef Klaus Zumwinkel im Februar im Kölner Stadtteil Marienburg abgespielt hatten, sollten sich nicht wiederholen.

In der vergangenen Woche wurden keine Straßen im Morgengrauen abgeriegelt, es gab kein Blaulicht, keine Uniformierten. Stattdessen fuhr ein gutes Dutzend Damen und Herren in unauffälligen Limousinen vor, klingelte zu zivilen Bürozeiten und verschwand in mehreren Münchner Villen und Geschäftshäusern, ohne dass die Nachbarn geahnt hätten, wer zu Besuch gekommen war.

Mit ihrer neuen Durchsuchungswelle haben die Bochumer Staatsanwälte und ihre Kollegen von der Steuerfahndung nun eine Handvoll Münchner Millionäre ins Visier genommen. Der Vorwurf: Sie hätten ähnlich wie Zumwinkel ihr Geld am deutschen Fiskus vorbei illegal bei Stiftungen der LGT Treuhand in Liechtenstein geparkt.

Der Verdacht der Ermittler stützt sich auf die Daten jener DVDs, die der ehemalige LGT-Mitarbeiter Heinrich Kieber dem Bundesnachrichtendienst Mitte 2007 für 4,6 Millionen Euro verkauft hatte. (SPIEGEL 09/2008). Die brisante Sammlung enthält bis zu 900 Dateien über das verborgene Vermögen deutscher Anleger.

Inklusive der Münchner Funde gab es fast 200 Verfahren bei LGT-Kunden, die auf den Kieber-DVDs vermerkt sind. Mehr als 200 Steuerhinterzieher haben sich selbst angezeigt, dazu kommen noch einmal 330 Selbstanzeigen von Menschen, die sich irrtümlich auf der Liste wähnten. Für den Staat war der Kauf der DVDs ein lohnendes Investment. Bis zu 250 Millionen Euro hat der Fiskus an Vorauszahlungen kassiert.

Mit ihrer Münchner Aktion hatten es die Fahnder auf einige "besonders harte Brocken" abgesehen. Die Namen auf der Liste gehören nicht dem Bussi-Jetset der bayerischen Landeshauptstadt an, sondern eher dem gediegenen, unauffälligen Geldadel. Ihnen drohen harte Strafen bis hin zu Gefängnis, wenn sie nicht kooperieren und gestehen. Die Staatsanwaltschaft will hart durchgreifen.

Einige der Verdächtigen versuchten in letzter Minute, das Unheil abzuwenden. So soll sich ein schwerreicher Münchner selbst angezeigt haben. Er soll gut eine Million Euro in einer Stiftung der LGT versteckt haben.

Doch der Mann hatte wohl Pech. Die Selbstanzeige des Familienvaters soll genau vier Minuten zu spät beim Finanzamt eingegangen sein. Exakt zu der Uhrzeit, die das Behördenfax festgehalten hat, sollen die Fahnder schon in seiner Münchner Villa gewesen sein.

Beim einem Hamburger Erben, der ebenfalls eine millionenschwere Stiftung in Liechtenstein unterhalten soll, kam offenbar die Selbstanzeige noch rechtzeitig. Vom fernen Mallorca, wo er standesgemäß residiert, kann er nun einigermaßen gelassen dem Treiben der deutschen Ermittler zusehen.

Auch der Inhaber eines Luxushotels in einer der schönsten Urlaubsgegenden Bayerns zeigte sich reuig. Fristgerecht beichtete der Mann, dass er Millionen seines Vermögens in Liechtenstein vor dem deutschen Fiskus in Sicherheit gebracht habe.

Mit einem längeren Ermittlungsverfahren muss dagegen der bayerische Landesdatenschutzbeauftragte Karl Michael Betzl rechnen. Betzl, einer der angesehensten Spitzenbeamten des Freistaats, soll bei der LGT Treuhand eine Familienstiftung mit rund 700 000 Euro Vermögen besessen haben. Die Bochumer Staatsanwaltschaft musste das Verfahren inzwischen nach München abgeben. Denn Betzl, der zwar seinen Dienst versieht, das Amt des obersten Datenschützers aber ruhen lässt, wird auch Beihilfe zum Sozialversicherungsbetrug vorgeworfen.

Bei der Durchsuchung fand man etliche Briefumschläge mit jeweils 300 bis 500 Euro in Cash. Der Beamte soll erklärt haben, er bewahre das Geld für eine junge Frau auf, die von der Sozialhilfe lebe. Die Dame wohne jedoch bei einem wohlhabenden Bekannten, benötige also das Geld zurzeit nicht. Seinem Vorgesetzten, dem bayerischen Landtagspräsidenten Alois Glück, versicherte Betzl seine Unschuld. Er werde alle Vorwürfe ausräumen. Die angeblichen 700 000 Euro will er gar nicht mehr besitzen.

Für die Ermittler aus Nordrhein-Westfalen ergeben die Geschichten der Beschuldigten ein merkwürdiges Sittengemälde der wohlhabenden Deutschen. Die kleinsten Fische unter ihnen haben "nur" 150 000 Euro über die Grenze geschafft, bei einigen Superreichen hingegen geht es um bis zu 35 Millionen Euro. Der dickste Fisch ist nach den bisherigen Ermittlungen ein Textilunternehmer aus Norddeutschland, der dem Fiskus angeblich 800 Millionen Euro schulden soll. Um auf diese Summe zu kommen, müsste er mehrere Milliarden Euro nach Liechtenstein geschafft haben.

Viele LGT-Kunden scheinen geradezu erleichtert zu sein, dass das Versteckspiel ein Ende hat. Der Gedanke an ihre illegalen Millionen hat sie Tag und Nacht verfolgt. So berichtet der Münchner Rechtsanwalt Klaus Höchstetter von Mandanten, die wegen des düsteren Familiengeheimnisses bereits unter Schlaflosigkeit und Herz-Rhythmus-Störungen litten.

Die ständige Angst, entdeckt zu werden, liegt wie ein dunkler Schatten über ihrem Leben. Die teuren Autos, die Luxusurlaube und die Villa am See können sie nicht genießen. Etliche wähnen sich in einer derart ausweglosen Lage, dass sie das Vermögen, das oft schon der Großvater in einer Liechtensteiner Stiftung geparkt hat, seit Jahrzehnten nicht angerührt haben. "Viele wissen gar nicht, wie viel jetzt auf den Konten ist. Die sagen sich: sollen sich meine Kinder damit rumplagen", sagt Höchstetter.

Bei einigen Steuersündern ist die Erleichterung so groß, dass sie die Fahnder geradezu willkommen heißen. Ein reicher Münchner, der etwa eine Million Euro bei der LGT versteckt hat, servierte der Bochumer Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen im März Kaffee und Sahnetorte, bevor er die Aktenschränke öffnete. "Es ist eine Ehre für mich, dass sie persönlich zu mir kommen", gestand der Mann, "nun kann ich wieder ruhig schlafen."

Das schlechte Gewissen der Schuldner kommt für die Ermittler ähnlich überraschend wie ihr unersättlicher Geiz. Der Münchner Steuerexperte Jan Olaf Leisner traf im Verlauf der LGT-Ermittlungen Mandanten, die Kontoauszüge ihrer Liechtenstein-Millionen in Aldi-Tüten in seine Kanzlei trugen. Eine Aktenmappe war ihnen zu teuer. Andere wohnen seit Jahren in tristen Mietskasernen am Stadtrand, stellen sich Plastikmöbel auf den Balkon und eine durchgewetzte Coachgarnitur in die enge, muffige Stube. Einer bezieht Hartz IV und soll mehrere Millionen Euro in Vaduz gebunkert haben.

Auch der inzwischen zurückgetretene Postchef fiel den Fahndern durch seine Sparsamkeit auf. Multimillionär Zumwinkel lebt zwar in einer großen Villa, doch die Tapeten waren bei der Durchsuchung kaputt, die Schränke wacklig und der Pool verlottert. Der Bonner Rechtsanwalt Karsten Randt gehört zu dem exklusiven Juristenzirkel, der Mandanten im LGT-Fall vertritt. Er nennt es das Dagobert-Duck-Prinzip: "Zu wissen, dass man reich ist, ist die größte Freude."

Ein Vergnügen, das man nicht gern teilt - auch nicht mit der eigenen Familie. Randt beriet einen sparsamen Beamten aus dem mittleren Dienst, der eines Tages mit Wertpapieren von über einer halben Million Euro in seiner Kanzlei erschien. Ihn plagte das schlechte Gewissen, er wollte Selbstanzeige erstatten, traute sich aber nicht mehr allein nach Hause. Die ahnungslose Ehefrau hatte sich jahrelang mit einer kleinen Mietwohnung im Rheinland begnügen müssen, selbst Geld für einen Billigurlaub war nie da. Der Anwalt musste Beistand leisten und der Gattin das geheime Vermögen beichten. "Zur befürchteten Scheidung", sagt Randt, sei es aber doch nicht gekommen.

Aus Angst um sein Vermögen steckte ein 80 Jahre alter Mann aus Bayern nach den Kieber-Enthüllungen seine Millionen bündelweise in seine Socken und schaffte sie so auf unzähligen Reisen von Liechtenstein wieder nach Deutschland.

Die Panik der Steuersünder treibt die Honorare der entsprechenden Anwälte in die Höhe. Jede Summe könne man derzeit verlangen, sagt einer von ihnen, wenn man den Menschen nur den Ärger mit dem Fiskus erspare. Nach den ersten Durchsuchungen der Bochumer Ermittler stieg die Zahl der Mandanten in renommierten Steuerkanzleien von Woche zu Woche: "Wir leben davon, dass die Leute immer dachten, sie werden nie erwischt", so ein Anwalt.

Die Panik ist berechtigt. Denn für alle, die mit den Fahndern nicht kooperieren, gilt die Faustregel: Eine Million hinterzogene Steuern bedeutet ein Jahr Haft. Doch auch ohne Gefängnisstrafe droht manchen der Ruin. Die Steuerschulden werden der Einfachheit halber nach einer Tabelle berechnet, die die Ermittler erstellt haben. Für jede Million hinterzogener Steuern sind zwei Millionen Geldauflage fällig, dazu kommt noch einmal die eigentliche Nachzahlung, so dass es unterm Strich drei Millionen sind. Bei Selbstanzeigen und umfassenden Geständnissen gibt es einen Nachlass. Oft ist ein Drittel oder mehr des geparkten Vermögens weg.

Einige Steuerhinterzieher, die auf den Kieber-DVDs genannt werden, sind nicht mehr in der Lage, derartige Summen aufzubringen. Sie haben in ein sehr spezielles Produkt investiert, das die LGT Treuhand angeboten hat: in schwarze Fonds, die so heißen, weil sie keine Bilanzen veröffentlichen. Den Kunden wurde suggeriert, sie hätten es mit einer besonders sicheren Anlage zu tun. Die Gebühren waren entsprechend hoch.

Doch nach deutschem Recht sind derartige Fonds mit besonders hohen Strafsteuern belegt, die bis zu 90 Prozent des eingesetzen Kapitals ausmachen können. Fast alle nun bekannten LGT-Kunden haben schwarze Fonds gezeichnet und wissen jetzt nicht, wo sie neben 90 Prozent Steuern auch noch den doppelten Betrag für die Strafe hernehmen sollen.

Je mehr Details bekannt werden, desto erstaunter registrieren Experten, wie dilettantisch das Vermögen in den Liechtensteiner Stiftungen verwahrt wurde. "Hauptsache, das Geld ist sicher vor dem Finanzamt, alles andere spielt keine Rolle", sagt Rechtsanwalt Randt. Was die Bank mit dem Vermögen gemacht habe, sei für Anleger nicht mehr wichtig gewesen.

Nur gelegentlich meldeten sich die Steuerhinterzieher in Liechtenstein und nannten ihr Codewort - etwa "Alpenglühen" oder "Miezekatze". Aus Angst, ihr Passwort zu vergessen, trugen es die meisten Stiftungseigner sauber in ihr Adressverzeichnis ein - zur Freude der Fahnder.

Einer besonders ängstlichen bayerischen Rentnerin brachte die Sorgfalt wenig. Aus Furcht aufzufliegen, ließ sie ihr Konto in Liechtenstein auf den Namen einer Freundin eintragen. Anschließend kümmerte sie sich nicht mehr um ihr Vermögen. Doch als sie sich nun selbst anzeigen wollte, kam sie weder an die Kontodaten noch an ihr Erspartes. Die Freundin weigerte sich, den Fiskus zu informieren. Schließlich handle es sich um ihr Geld. Das Gegenteil wird ihr kaum nachzuweisen sein.

Für unverdächtig hielt sich eine wohlhabende Apothekerin aus München. Die 65-Jährige hatte vor einigen Jahren rund 2,75 Millionen Euro von ihrem Mann geerbt und im Ausland aufbewahrt. Benötigte sie Geld, fuhr sie mit dem Zug zur Bank, hob die Summe ab und versteckte die Scheine in ihrer Unterwäsche. Zollfahnder aus dem Allgäu wurden dennoch stutzig. Im Eurocity 93 zwischen Lindau und Memmingen musste die Frau alles ablegen, was sie am Leibe trug - auch die geschmuggelten 150 000 Euro.

Obwohl sich die Bochumer Ermittlungen längst zur größten deutschen Steueraffäre ausgeweitet haben, ist der Kreis derer, die etwas zu befürchten haben, offenbar sehr viel größer als gedacht. "Die Wirtschaft rüstet auf", sagt die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter. Manche Unternehmen lassen "Razzia" spielen, damit ihre Mitarbeiter auf den Besuch der Steuerfahnder vorbereitet sind.

So kann man den "Mock dawn raid", den Scheinangriff im Morgengrauen, bei der Düsseldorfer Edel-Kanzlei Linklaters buchen. "Aufgeregte Mitarbeiter begehen schnell Fehler", berichtet die Rechtsanwältin Anne Federle, darum gebe es ein zunehmendes Interesse an professioneller Vorbereitung für den Fall, das die Staatsmacht vor der Tür steht.

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Anmerkung der Redaktion: In der Berichterstattung des SPIEGEL (26/2008) und von SPIEGEL ONLINE über Ermittlungen gegen deutsche Kunden der LGT-Treuhand in Liechtenstein ist es zu einer bedauerlichen Namensverwechslung gekommen.

Wir hatten berichtet, der Münchner Unternehmer Peter Frey habe sich selbst angezeigt. Die Selbstanzeige sei vier Minuten zu spät beim Finanzamt eingegangen. Exakt zu der Uhrzeit, die das Behördenfax festgehalten hat, seien die Fahnder schon in seiner Münchner Villa gewesen. Dies stand auch in der Vorabmeldung, die sich an dieser Stelle des SPIEGEL-ONLINE-Angebots befand.

Den Vorgang selbst hat es zwar so gegeben - allerdings nicht in Verbindung mit Peter Frey. Der SPIEGEL bedauert die Verwechslung und hat deshalb diesen korrigierten Text veröffentlicht.

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