Liechtensteiner Kontodaten Deutsche Steuersünder müssen neue Ermittlungen fürchten

Neue Daten, neue Bank, das gleiche Spiel: Auch in Rostock ermitteln Staatsanwälte wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung. Dort sitzt ein Erpresser in Haft, der Informationen über deutsche Kunden der Liechtensteinischen Landesbank besitzen soll - und über den jetzt Details bekannt werden.

Von Ulrich Jaeger und


Hamburg - Es ist ein ähnliches Verfahren - aber bislang blieb es von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt. Und das, obwohl es im Kern um die gleichen Straftatbestände geht, wie sie die Staatsanwaltschaft in Bochum derzeit verfolgt: Steuerhinterziehung im großen Stil, mit Hilfe von Konten in Liechtenstein.

Die Liechtensteinische Landesbank: Ehemaliger Angestellter kopierte rund 2500 Namen und Kontendetails
AP

Die Liechtensteinische Landesbank: Ehemaliger Angestellter kopierte rund 2500 Namen und Kontendetails

Aber auch die Rostocker Staatsanwälte haben Hunderte Deutsche im Visier - dort läuft seit Monaten ein ähnliches Ermittlungsverfahren. Ausgelöst wurde es von einem Angestellten der Liechtensteinischen Landesbank (LLB): Roland L., 60, hatte seinem Unternehmen ein Vierteljahrhundert lang die Treue gehalten. Dann aber legte der damals 55-Jährige die Lunte an die älteste der Liechtensteiner Großbanken.

L. kopierte die Namen und Kontendetails von rund 2500 deutschen Kunden. Mit der Drohung, deutsche Steuerbehörden zu unterrichten, erpresste er im März 2003 die LLB um 18 Millionen Schweizer Franken. Das Geld sah der über Jahrzehnte biedere Ehemann und Familienvater allerdings nicht: Alles, was seine bemerkenswerte Leistung, Tausende von Kundendaten an internen Sicherungen der Bank vorbei zu kopieren, erbrachte, ist eine Haftstrafe. Und aus der, heißt es in Liechtenstein, werde er wohl nie mehr entlassen.

Ermittler übersahen entscheidendes Detail

Allerdings übersahen die Liechtensteiner Behörden ein entscheidendes Detail, als sie den Einzeltäter kalt stellten: Wie der SPIEGEL schon Anfang Februar berichtete, kursieren seine Listen nämlich in der Halbwelt, und sie enthalten Daten, die - unabhängig von den Ermittlungen der Bochumer Staatsanwaltschaft - für Unruhe unter Deutschlands Steuersündern sorgen dürften.

Grafik: So funktionieren Stiftungen in Liechtenstein
SPIEGEL ONLINE

Grafik: So funktionieren Stiftungen in Liechtenstein

Auch wenn es in beiden Fällen um Liechtenstein und um Listen mit mutmaßlichen Schwarzgeldkonten von Bundesbürgern geht: Die Ermittlungen der Rostocker Staatsanwälte und die ihrer Bochumer Kollegen unterscheiden sich grundlegend - noch. "Wir ermitteln nicht wegen Steuerhinterziehung, sondern wegen des Verdachts der gewerbs- und bandenmäßigen Erpressung", betont der Rostocker Oberstaatsanwalt Peter Lückemann, "mit dem in Bochum anhängigen Verfahren gibt es keinerlei Schnittstellen oder Berührungspunkte".

Ob das so bleibt, ist fraglich. Denn einer, der die LBB-Liste haben soll, ist Michael Freitag. Der 48-Jährige sitzt seit Ende vergangenen Jahres in Bützow bei Rostock in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm einen "besonders schweren Fall der gewerbsmäßigen Erpressung" vor. Bei Ermittlern und im Milieu gilt der Rostocker Bankräuber, Entführer und Gewalttäter als harter Hund. Ihn fürchten die LLB-Manager und ihre bislang noch unerkannten deutschen Kunden.

Die Angst der Liechtensteiner Banker reichte aus, Freitag zu neun Millionen Euro zu verhelfen. Dabei wurde jeweils der August zum Wonnemonat des Rostockers: Im August 2005 und im August 2007 übergaben die Liechtensteiner ihrem Erpresser fünf Millionen und dann noch einmal vier Millionen Euro.

Als Gegenleistung für die erste Zahlung rückte Freitag 700 Datensätze raus. Bei der zweiten Tranche von vier Millionen Euro übergab er 900 LLB-Kundendaten.

1,4 Millionen Euro in bar

Weitere fünf Millionen, das wissen Ermittler, waren für die Überlassung der restlichen rund 900 Daten im August 2009 verabredet. Zusammen also umgerechnet rund 24 Millionen Schweizer Franken. Die letzte Rate von fünf Millionen verspielte Freitag durch die Dummheit, bei der Rostocker Commerzbank 1,4 Millionen Euro in bar einzuzahlen. Dieser Betrag löste umgehend Fahndungen aus, die auf die Spur von Freitags Liechtensteiner Bankgeschäften führten.

Als Erpresser sieht sich der Rostocker gleichwohl nicht. Er habe, so betonen seine Hamburger Anwältinnen Leonore Gottschalk-Solger und Astrid Denecke, vielmehr eine "Art Vertrag mit der LLB gehabt" - nichts Schriftliches, versteht sich.

Vielmehr sieht sich Freitag offenbar in der Rolle eines Vermittlers, der die Liste gegen ein Entgelt beschafft hat. Etwa wie ein Agent, der ein gestohlenes Kunstwerk zurückhält und dafür die von der Versicherung ausgelobte Belohnung verlangt. Dass die Inhaber der 1600 Konten, deren Daten Freitag und seine Helfer der Liechtensteinischen Landesbank bereits verkauften, sowie die restlichen 900 Kunden, deren Daten nicht übergeben wurden, jetzt bald schon Besuch von Steuerfahndern ins Haus steht, ist trotzdem eher unwahrscheinlich.

Denn was immer die Rostocker Ermittler im Rahmen der internationalen Rechtshilfe an Informationen aus dem Alpen-Zwergstaat erhalten, unterliegt dem Rechtsgrundsatz der Spezialität. "Material, dass wir von liechtensteinischen Behörden bekommen, darf nicht dazu verwendet werden, Taten aufzuklären, die in Liechtenstein nicht strafbewehrt sind - dazu zählen insbesondere Steuerstraftaten", sagt Lückemann.

Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Es sei denn wir finden diese Liste im Rahmen unserer Ermittlungen hier in Deutschland. Dann sind die Steuerfahnder dabei." Eine mögliche Fundstelle könnte Freitag kennen, der offenbar über die Daten verfügt. Eine weitere Chance für die Fahnder bietet ein Krimineller aus Österreich. Noch immer liegt im Dunkeln, wie genau Freitag an die Liste des Liechtensteiner Bankers gelangte - womöglich über den Österreicher. Der Liechtensteiner Banker saß eine zeitlang in Salzburg in Haft, ehe er zurück nach Liechtenstein gebracht wurde. In dieser Zeit soll ihm der Österreicher eine Kopie der Liste abgepresst haben. Der Mann sitzt noch heute in österreichischer Haft und dürfte, wie Freitag, über die komplette Liste verfügen.

Kein gutes Omen für die deutschen Kunden der LLB. Es gibt zwei inhaftierte Gangster, zwei Listen - und somit haben die deutschen Fahnder gute Möglichkeiten, doch noch an die Dokumente zu kommen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.