LinkedIn-Gründer: "OpenBC hat den Weg für uns bereitet"

Noch ist der Börsenneuling Xing/OpenBC die klare Nummer eins der Business-Portale in Deutschland - doch längst drängt die Konkurrenz auf den Markt. Im Interview erklärt LinkedIn-Mitgründer Konstantin Guericke, warum er erst später an die Börse will – und zu welchem Preis er Xing kaufen würde.

manager-magazin.de: Herr Guericke, Sie sind zehn Jahre älter als Lars Hinrichs, der Gründer von OpenBC. Im Gegensatz zu Ihnen hat er es jedoch bereits geschafft, sein Unternehmen an die Börse zu bringen. Sind Sie neidisch?

Mitgründer Guericke: "Wenn Xing ein rein deutsches Netzwerk aufbaut, dann wird es langfristig scheitern"

Mitgründer Guericke: "Wenn Xing ein rein deutsches Netzwerk aufbaut, dann wird es langfristig scheitern"

Guericke: Nein. An der Börse gehandelt zu werden, hat Vor- und Nachteile. Es ist jedenfalls wesentlich schwieriger, strategisch zu denken und zu handeln, wenn man eine Menge Kleinanleger an Bord hat. Wir haben bei LinkedIn zwei Investoren, die sehr langfristig denken - darunter der Wagniskapitalgeber Sequoia Capital, der auch Unternehmen wie Google , Apple und Yahoo finanziert hat. Mein Ziel ist es, eine neue und große Internetfirma aufzubauen. Momentan wäre ein Börsengang verfrüht, weil man sich dann zu kurzfristig am Aktienmarkt orientieren müsste.

mm.de: Durch den Börsengang kann sich OpenBC mit frischem Kapital die Kriegskasse auffüllen. Ist das nicht ein großer Wettbewerbsvorteil Ihnen gegenüber?

Guericke: Netzwerke im Internet sind schon immer organisch gewachsen. Das gilt nicht nur für Business-Portale, sondern für alle sozialen Netzwerke - ob Sie sich nun MySpace, Facebook oder LinkedIn anschauen. 97 Prozent unserer Mitglieder sind zu LinkedIn gekommen, weil ein existierendes Mitglied sie geworben hat. Insofern glaube ich nicht, dass es dem Wachstum hilft, wenn man viel Geld ausgibt, beispielsweise für Werbeanzeigen. Wir sind weltweit der klare Marktführer, auch in Asien und Europa. Deshalb brauchen wir einfach nicht so viel Kapital. Wenn wir welches bräuchten, würden wir uns sicher eher an Risikofinanzierer wenden, als an die Börse zu gehen.

mm.de: Sie werden bestimmt eine stattliche Summe brauchen, um das Europageschäft auszuweiten und auch in Deutschland Fuß zu fassen.

Guericke: Nein. Ich denke nicht, dass unsere Expansion viel Geld kosten wird. Wir planen ja keine große Anzeigenkampagne. In Europa - außerhalb von Deutschland - haben wir bereits drei Millionen Mitglieder. Im Vergleich zu Xing, wie OpenBC inzwischen heißt, ist das mehr als das Zehnfache. In Deutschland ist Xing uns noch deutlich voraus. Doch auch hier werden wir organisch wachsen, indem wir stärkere Anreize für die Mitgliederwerbung schaffen und eine deutsche Version auf den Markt bringen.

mm.de: Wie beurteilen Sie die Umbenennung von OpenBC in Xing?

Guericke: Das ist für mich schwer zu beurteilen. Jedenfalls ist ein Markenwechsel immer ein Risiko, weil man die bestehenden Mitglieder irritiert. Coca-Cola oder Siemens würden kaum auf die Idee kommen, sich umzubenennen. Denn man weiß vorher nie genau, ob sich Neukunden dadurch wirklich besser gewinnen lassen. Aber bei OpenBC hat man sich diesen Schritt sicher gut überlegt.

mm.de: Ähnlich wie LinkedIn verfolgt nun auch die neu geschaffene Open Business Club AG, das Unternehmen hinter Xing, eine globale Strategie. Zunächst sollen vor allem die USA anvisiert werden. Haben Sie die Sorge, dass Sie bald nicht mehr Weltmarktführer sind?

Guericke: Außerhalb von Deutschland haben wir sechzehn Mal so viele Mitglieder wie Xing. Wenn es bei einem Fußballspiel 16:1 steht, ist das Aufholen für den Gegner nicht einfach. Große Sorge habe ich bei diesem Vorsprung also nicht. Ich denke, dass es für Xing schwierig wird, über Akquisitionen zu wachsen. Denn es gibt keine anderen, größeren Business-Netzwerke zu kaufen. Auf dem Markt sind nur noch ein paar kleinere Konkurrenten in Frankreich oder der Türkei. Selbst wenn Xing sich mit den 20 nächstgrößten Netzwerken vereinigt, ist das Portal danach noch immer wesentlich kleiner als LinkedIn.

mm.de: Hätte sich Xing also lieber auf den deutschen Heimatmarkt konzentrieren sollen statt eine globalen Strategie einzuschlagen?

Guericke: Nein, ich denke, dass eine Expansion notwendig ist. Wenn Xing ein rein deutsches Netzwerk aufbaut, dann wird es langfristig scheitern. Lars Hinrichs hat selbst in Interviews gesagt: Auf die lange Sicht wird eine einzige Plattform in diesem Markt dominant sein. Jeder beteiligt sich an dem Netzwerk, das die meisten und die besten Kontakte hat. Dazu ist eine globale Strategie notwendig, denn Business ist heutzutage international. Viele Deutsche arbeiten für ausländische Unternehmen, die in Deutschland ansässig sind - oder für deutsche Firmen, die Dependancen, Kunden oder Partner im Ausland haben. Insofern wird sich ein rein deutsches Netzwerk langfristig nicht halten können.

mm.de: Sie haben den Netzwerkeffekt beschrieben - Nutzer schließen sich langfristig der größeren Community an. Wäre es daher nicht viel effizienter, wenn LinkedIn und Xing sich von vorne herein vereinigten?

Guericke: Es kommt darauf an, ob die Notwendigkeit bestehen wird. Bislang haben Netzwerke sich nicht gegenseitig aufgekauft. Ich denke, dass es für uns wesentlich effizienter ist, in Deutschland organisch zu wachsen, als Zukäufe zu machen. Wenn man jedoch sehr schnell in einen Markt eindringen will, macht es Sinn, über eine Akquisition nachdenken. Es hängt letztlich davon ab, wie sich der Preis der Open Business Club AG an der Börse entwickelt.

mm.de: Bei welchem Preis würden Sie zuschlagen?

Guericke: Bei 30 Millionen Euro würde sich ein Kauf auf jeden Fall lohnen.

mm.de: In der Vergangenheit zeigten Sie bereits Interesse an OpenBC. Es gab Gespräche zwischen Lars Hinrichs und Ihnen.

Guericke: Es gab Gespräche, es ging aber nicht speziell um eine Übernahme. Wir haben uns zunächst einmal gegenseitig kennen gelernt.

mm.de: Eine Kooperation - in welcher Form auch immer - schließen sie jedenfalls nicht aus?

Guericke: Ausschließen würde ich grundsätzlich nie etwas. Wir haben schließlich eine Marktsituation, in der der Gewinner letztlich die breite Masse der Nutzer auf sich vereinigen wird - einen "Winner-takes-all"-Markt.

mm.de: Das heißt, nur einer kann überleben?

Guericke: Ganz so einfach ist es nicht. Langfristig wird sicherlich nur ein großer Anbieter existieren, der kleinere kann dann aber zumindest eine Nische besetzen – etwa als Business-Portal für einen bestimmten Industriezweig. Es wird nie einen Markt geben, in dem ein einzelner Anbieter 100 Prozent besitzt. Das gilt auch für andere Branchen. Neben Microsoft existiert auch Apple, neben Ebay gibt es auch Auktionen bei Amazon oder bei Yahoo. Deshalb wird es außer uns auch immer noch andere Business-Netzwerke geben. Der Größenunterschied zum nächstgrößten Wettbewerber, gemessen in Mitgliedern, wird jedoch im Bereich 10:1 liegen.

mm.de: LinkedIn ist also ohnehin der größte Anbieter. Welches Ziel verfolgen Sie dann mit Ihrer Expansion nach Deutschland? Wollen Sie Xing verdrängen?

Guericke: Wir wollen unsere Marktführerschaft ausbauen und in Ländern wie Frankreich oder Deutschland, wo es lokale Konkurrenten gibt, stärker werden. Unser Wachstum wird teilweise sicherlich auf Kosten anderer Netzwerke geschehen. Ein User, der zu uns kommt, wird jedoch nicht unbedingt sein Profil bei Xing löschen. Vielleicht wird er aber künftig auf die Premium-Mitgliedschaft dort verzichten. Ein Großteil des Wachstums wird auch aus anderen Bereichen kommen. Beispielsweise ist LinkedIn bei Frauen wesentlich beliebter. 45 Prozent unserer Mitglieder sind Frauen.

mm.de: LinkedIn schreibt seit März schwarze Zahlen. Können Sie Ihren Gewinn beziffern?

Guericke: Da wir ein privates Unternehmen sind, das noch nicht an der Börse ist, brauchen wir darüber keine Auskunft zu geben. Die Zahlen werden wir dann später einmal verkünden, wie das im Vorfeld eines Börsengangs üblich ist.

mm.de: Wie bitte? Sie wollen also doch an die Börse?

Guericke: Unsere Risikokapitalgeber wollen natürlich irgendwann ihre Investitionen wieder zurückbekommen. Bis zu einem Börsengang werden aber sicherlich ein bis zwei Jahre vergehen. Unser vorrangiges Unternehmensziel ist es, einen Umsatz von 100 Millionen Dollar zu erreichen. Das werden wir voraussichtlich 2008 schaffen. Erst danach werden wir über einen Börsengang nachdenken.

Das Interview führte Simon Hage

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