Logitech-Gründer Borel im Interview "China ist brutal - aber es hat uns gerettet"

Zwei Mal stand er kurz vor Pleite, in diesem Jahr aber wird der Mäuse-Macher Logitech 25 - und schafft einen Rekordprofit nach dem anderen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Schweizer Gründer Daniel Borel über Billigstandorte, Know-how-Klau - und die Talente europäischer Ingenieure.


SPIEGEL ONLINE: Monsieur Borel, wann warn Sie das letzte Mal in China?

Borel: Zu den chinesischen Neujahrsfeiern. Ich bemühe mich, die nie zu verpassen. Außerdem reise ich pro Jahr noch ein, zwei weitere Male nach China.

Logitech-Gründer Borel: "Wenn ein talentierter Uni-Absolvent sein Leben lang hier bleibt, kommt nichts Optimales dabei raus"
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Logitech-Gründer Borel: "Wenn ein talentierter Uni-Absolvent sein Leben lang hier bleibt, kommt nichts Optimales dabei raus"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Firma Logitech Chart zeigen erledigt Verwaltung und Design in den USA und der Schweiz - aber produziert ausschließlich in China. Warum?

Borel: Wir haben es mit immensen Produktionsmengen zu tun. In den letzten zwölf Monaten haben wir 140 Millionen Mäuse, Tastaturen, Lautsprecher-Paare und andere Produkte hergestellt - das sind 15 jede Sekunde. Wir bauen aber nicht alles selbst, sondern bestellen Kabel oder Silizium-Chips bei Partnern. Die beliefern unsere Fabriken vier, fünf Mal pro Tag - wir sind umzingelt von Zulieferern!

Dieses ideale Umfeld haben wir im Moment eine Autostunde von Shanghai entfernt, in der Region Suzhou. Aber wir bleiben flexibel: Wenn Morgen Vietnam angesagt ist oder Thailand, könnten wir dahin outsourcen.

SPIEGEL ONLINE: Logitech hat seine Fabriken früher als andere europäische Firmen nach Asien verlagert. Sie sind 1986 erst nach Taiwan gegangen, dann 1993 in die Volksrepublik.

Borel: Deswegen sind wir keine europäische oder US-Firma mehr - aber eine asiatische auch nicht, sondern eine wirklich internationale. Das war ein mühsamer Prozess. Es hat gedauert, bis wir begriffen haben, wie viele Kompetenzen es in China gibt. Wir sorgen heute dafür, dass unsere Mitarbeiter viel reisen. Nach Asien zu gehen, das war die beste Entscheidung in der Geschichte von Logitech. China ist brutal, es ist gefährlich - aber es hat uns gerettet.

SPIEGEL ONLINE: Ohne billigere Fertigung in China wären Sie pleite?

Borel: Es gäbe uns nicht mehr. Die Krise in der Computer-Industrie 1992/3 hat uns fast umgebracht. Durch Windows 3.11 wurde die Maus über Nacht ein Massenprodukt, die Preise fielen in sich zusammen. Für uns war das wie ein Elektroschock - da konnten wir die Fabriken in Amerika und Europa nicht halten. Manche Leute finden es seltsam, dass wir jetzt "nur" noch 260 Mitarbeiter in der Schweiz haben und 6000 in China. Aber ohne diese 6000 hätten auch die 260 Ingenieure, Finanz- und Marketingleute keinen Job.

SPIEGEL ONLINE: Warum finden sie China dann "brutal"?

Borel: Es bewegt sich so verdammt schnell, es ist eine blutige Welt. Ich fahre seit Jahren dorthin - aber als Ausländer verstehen Sie nie ganz, was abgeht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie eine Hassliebe.

Borel: Sie müssen lernen, damit klarzukommen, sich anpassen. Unser Know-how und Design wird ja noch immer kopiert. Offiziell haben unsere Mäuse in China einen Marktanteil von 50 Prozent. Tatsächlich sind es nur 30 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Weil die anderen 20 Prozent Fälschungen sind?

Borel: Ja. Das ist schlimm, und wir hören nicht auf, uns dagegen zu wehren. Die chinesischen Autoritäten geben inzwischen ihr Bestes. Aber ganz abstellen werden wir das nie.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann Europa punkten, wenn die Massenproduktion in Asien so viel billiger ist?

Borel: Es ist ein Standort für Know-how. Die Schweizer Hochschulausbildung zum Beispiel, zumindest für Ingenieure, ist ja noch immer sehr gut. Es hapert nur mit dem Umfeld, der Atmosphäre. Wenn ein talentierter Uni-Absolvent sein Leben lang hier bleibt, kommt nichts Optimales dabei raus. Wenn Sie ihn aber für fünf Jahre in die USA schicken, lernt er das Beste aus beiden Welten.

SPIEGEL ONLINE: Und Europäer, die nicht im Ausland gelebt haben …

Borel: ... neigen oft dazu, zu übertreiben. Sie sind zu vorsichtig. Erfahrung in den USA lehrt sie, die Dinge gut zu erledigen - aber eben auch schnell. Wenn wir in Europa ein Gebäude bauen, dauert das Ewigkeiten. In China ziehen wir eine schicke 50.000-Quadratmeter-Fabrik für 20 Millionen Dollar in zehn Monaten hoch. In Europa braucht ein Standort für 260 Leute zweieinhalb Jahre und ist auch noch teurer. Warum?

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn das größte Problem, das Europa im Wettbewerb bremst?

Borel: Es gibt viele, viele. Wenn Sie eine Firma gründen, die nicht funktioniert - dann kostet es Sie in den meisten Ländern Europas ein Vermögen, sie wieder zu schließen. Die Leute sagen: Du bist gescheitert, und das hört man hier nicht gerne. Als ich in Stanford studierte, sah ich Massen von Leuten, die eigene Firmen aufgemacht haben. Die Zeitungen schreiben dort über eBay und Google. Sexy Geschichten, die Träume wecken. Hier liest man nur von Entlassungen, denkt zuerst an die Risiken.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben in London. Würden Sie trotzdem sagen, dass Sie ein Schweizer Patriot sind?

Borel: Kein blinder Patriot. Aber meine Wurzeln sind hier. Sogar meine Tochter, die jetzt 18 ist und fünf Jahre in den USA und acht in London gelebt hat, spricht lieber Französisch und fühlt sich als Schweizerin. Deswegen versuche ich auch, Schweizer Universitäten zu fördern und als Business-Angel jungen Unternehmern zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Und das machen Sie nur in der Schweiz?

Borel: Ja, und vor allem für Technologie-Firmen, das verstehe ich am besten. Ich habe eine Audio-Firma beraten, die nicht funktioniert hat, eine andere, die sich auf RFID-Chips spezialisiert hat - und viele, viele andere. Für mich ist das ein Weg, etwas zurückzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es möglich, dass Logitech sich irgendwann ganz aus der Schweiz zurückzieht, solange Sie Verwaltungsratschef sind?

Borel: Ich hoffe nicht. Bisher haben wir es immer geschafft. Aber 1989, als wir nach Taiwan gingen, stand ich kurz davor, auch die Entwicklung zu verlagern. "In zwei Jahren wird es keine Design-Arbeit mehr in der Schweiz geben", habe ich den Ingenieuren gesagt. Da haben die sich selbst neu erfunden! Sie haben den optischen Trackball entwickelt und die Technologie für drahtlose Mäuse und Tastaturen, die wir noch heute benutzen. Die Bedingung für unseren Erfolg ist, dass wir erfinderisch bleiben. Und ohne Druck geht das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wird es auch in weiteren 25 Jahren noch Europa-basierte Firmen für Konsumelektronik geben - so wie Nokia oder Logitech?

Borel: Ich will das glauben. Wenn wir wirklich nach Nischen und neuen Produkten suchen - dann werden wir sie finden.

Das Interview führte Matthias Streitz

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