Lohn-Studie Deutsche Frauen verdienen 22 Prozent weniger als Männer

Deutschland hat in puncto Gleichberechtigung großen Nachholbedarf: Im EU-Vergleich werden Frauen hierzulande viel schlechter bezahlt als Männer. Familienministerin von der Leyen fordert ein Umdenken - lehnt eine Quote in Aufsichtsräten aber ab.


Nürnberg - Die Studie räumt mit einem Vorurteil auf: Die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen hat sich in Deutschland keineswegs verkleinert - im Gegenteil: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat Ergebnisse veröffentlicht, wonach die Löhne heute mehr auseinanderklaffen als in den neunziger Jahren.

Auszubildende im Maschinenbau: Lohngefälle in Deutschland gestiegen
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Auszubildende im Maschinenbau: Lohngefälle in Deutschland gestiegen

"Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind in Deutschland stärker verfestigt als in anderen Ländern", sagt IAB-Forscher Hermann Gartner. Es sei das einzige Land in Europa, das bereits vor zehn Jahren eine überdurchschnittliche Lohnungleichheit aufwies und diese Differenz seither noch vergrößerte.

Während im EU-Durchschnitt das Gefälle der Stundenlöhne von Männern und Frauen von 1996 bis 2006 von 17 auf 15 Prozent gesunken sei, habe es in Deutschland von 21 auf 22 Prozent zugenommen. Bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter und gleichem Beruf erhielten Frauen im Schnitt zwölf Prozent weniger Lohn als männlichen Kollegen.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) appellierte an die Arbeitgeber, Frauen genauso zu bezahlen wie Männer. "Wir wollen die Sensibilität von Arbeitgebern für dieses Thema schärfen", sagte sie der "Financial Times Deutschland". Die von der SPD vorgeschlagene Frauenquote in Aufsichtsräten, lehnte von der Leyen jedoch ab. Dies zu regeln liege allein in der Verantwortung der Unternehmer und der Gewerkschaften. Ein entsprechendes Gesetz hatte SPD-Chef Franz Müntefering angeregt.

Gründe für das schlechte Abschneiden Deutschlands seien vor allem der wachsende Niedriglohnsektor und eine generelle Zunahme der Lohnungleichheit, erklärte Gartner. Da Frauen überdurchschnittlich häufig zu Niedriglöhnen arbeiteten, wirke sich die steigende Ungleichheit bei ihnen besonders deutlich aus.

Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen
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Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen

So sei beispielsweise der Lohn von vollzeitbeschäftigten Frauen in den alten Bundesländern im Jahr 2006 rund 24 Prozent niedriger gewesen als der Lohn von Männern (siehe Grafik). Dabei spiele die unterschiedliche Berufswahl eine geringere Rolle als angenommen: Auch innerhalb des gleichen Berufs würden Frauen immer noch rund 21 Prozent weniger verdienen als ein Mann bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter und gleichem Beruf. Selbst im gleichen Betrieb betrage der Lohnunterschied noch zwölf Prozent.

Ein Grund hierfür ist laut Gartner, dass Männer häufiger als Frauen Überstunden machen und damit die längere tatsächliche Arbeitszeit einen Teil der Lohndifferenz erklärt. Ein weiterer Faktor sind Hierarchien innerhalb der Berufe: Männer würden häufiger Gruppen- oder Teamleiter und in der Folge dann auch besser bezahlt.

Insbesondere wirke sich negativ auf den Verdienst von Frauen aus, dass diese für die Kindererziehung längere Erwerbsunterbrechungen und Phasen der Teilzeitbeschäftigung in Kauf nähmen. "Um die Lohnunterschiede wirkungsvoll abzubauen müssten sich die Erwerbsunterbrechungen gleichmäßiger auf Frauen und Männer verteilen", sagte Gartner. Möglich wäre dies mit einer Aufteilung des gesetzlichen Anspruchs auf Erziehungsurlaub.

cte/AP/dpa



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