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Lohndumping: Russische Gewerkschaft will Nestlé aus dem Land treiben

Von Ulrich Heyden, Moskau

Harsche Vorwürfe gegen Nestlé in Russland: Der Lebensmittelgigant soll seinen Arbeitern jegliche Lohnverhandlung verweigern. Die Gewerkschaft droht jetzt mit Streik - der Konzern habe in dem Land nichts verloren.

Moskau - Vor der Nestlé-Zentrale in Moskau läuft eine zwei Meter große Rattenfigur mit blauem Plüschfell auf und ab. Sie hält ein grünes Nestlé-Emblem, auf dem nur ein Wort steht "Shameless" - schamlos. Mit dieser Aktion protestieren Arbeiter des Schweizer Konzerns, die aus dem Zweigwerk der Ural-Stadt Perm nach Moskau gereist sind. Es geht um die Weigerung der Werksleitung, Verhandlungen über eine Reallohnerhöhung durchzuführen. Die Arbeiter halten Schilder mit der Aufschrift "Keine Scham - kein Gewissen" oder "Wir geben dem Land Kitkat, aber bekommen keinen würdigen Lohn".

Der Streit in Perm ist mittlerweile in ganz Russland ein Thema. Doch trotz der öffentlichen Proteste geht Nestlé nicht auf die Forderung der Arbeiter ein. Der Schweizer Konzern will in der russischen Provinz offenbar ein Exempel statuieren.

Das Grundgehalt in Perm liegt nach Angaben der Gewerkschaft bei 160 Euro. Gefertigt werden hier Schokoriegel, Bonbons und Pralinen. Mit Prämien komme eine Arbeiterin - bei Nestlé arbeiten vor allem Frauen - auf maximal 350 Euro, selbst wenn sie in der Nachtschicht arbeite. Für Arbeiter unstreitig?

Die Unternehmensleitung macht eine andere Rechnung auf. Die Nestlé-Löhne lägen "über dem branchenüblichen Durchschnittslohn in der Stadt", sagt Unternehmenssprecherin Marina Zibareva. Demnach liegt der Durchschnittslohn bei 460 Euro. Dabei sind allerdings die hohen Gehälter der leitenden Angestellten mit einberechnet.

Nestlé hat in Russland 13 Fabriken mit insgesamt 10.000 Mitarbeitern. Aber nur in vier Fabriken gibt es Gewerkschaften. Die Arbeiterinnen in Perm sind besonders aktiv. Zwei Drittel der 1000-köpfigen Belegschaft sind gewerkschaftlich organisiert. An den Protestaktionen haben sich Hunderte beteiligt.

Eklat auf der Betriebsversammlung

Nestlé hat die Löhne in Perm in den letzten 12 Monaten dreimal erhöht - um neun, zehn und 15 Prozent. Doch diese Steigerungen reichen nicht, um die hohe Inflationsrate im Gebiet Perm - offiziell liegt sie bei 16,5 Prozent - auszugleichen, erklärt Gewerkschaftssekretärin Larisa Selivanova. Eine Reallohnerhöhung habe es seit Jahren nicht mehr gegeben - zumal die wirkliche Inflationsrate höher sei als offiziell angegeben. Viele Arbeiterinnen gingen schon zum Blutspenden, um ihr Einkommen aufzubessern. Fleisch komme zuhause fast gar nicht mehr auf den Tisch, erzählt Selivanova.

Im Dezember forderte die Gewerkschaft deshalb eine Lohnerhöhung von 40 Prozent. Die Betriebsleitung stellte daraufhin die Verhandlungen mit der Betriebsgewerkschaft ein. Doch auch als die Gewerkschaft ihre Forderung auf 21,5 Prozent verringerte, kehrte die Unternehmensleitung nicht an den Verhandlungstisch zurück. Das Ansinnen der Gewerkschaft sei "wirtschaftlich nicht begründet".

Zum Eklat kam es vor wenigen Tagen. Nachdem die Betriebsgewerkschaft eine Versammlung in der Fabrik angemeldet hatte, erklärte die Unternehmensleitung überraschend, ein Großteil der eingeladenen Gewerkschaftsmitglieder sei unabkömmlich und müsse am Arbeitsplatz erscheinen. Statt der erwarteten 200 Teilnehmer kamen nur 50 Arbeiter zu der Versammlung. In einer Presseerklärung teilte die Unternehmensleitung mit, es sei "nicht möglich gewesen, alle Gewerkschaftsmitglieder von der Arbeit freizustellen."

Betriebsumfrage zur politischen Einstellung

Die Schuld für die verfahrene Situation sehen die Arbeiter vor allem bei einem: Nestlé-Fabrikdirektor Martin Ruepp. Er lehnt kategorisch die Forderung der Gewerkschaft ab, einen verbindlichen Mechanismus für Lohnerhöhungen einzuführen. Der Manager aus der Schweiz erklärt, das Unternehmen werde die Lohnerhöhungen wie bisher nach eigenem Ermessen festlegen.

Der 35-jährige Ruepp hat im Nestlé-Konzern Karriere gemacht. Bevor er nach Perm kam, leitete er eine Fabrik im englischen York. Dort habe er ebenfalls einen harten Kurs gegen die Gewerkschaft geführt, erzählt man sich in Perm.

Auch in Russland seien die Arbeitnehmer nun starkem Druck von Seiten des Unternehmens ausgesetzt, berichtet Gewerkschaftssekretärin Selivanova. So wurde in der Fabrik eine Befragung durchgeführt, bei der die politische Meinung der Arbeiter und ihre Bereitschaft zu Protesten ermittelt wurden. Das Unternehmen erklärt, es habe sich um eine "soziologische Umfrage" gehandelt, die auf Anordnung der Gebietsverwaltung in mehreren Betrieben durchgeführt wurde.

Unterstützung aus Deutschland

Persönlich hat Selivanova ebenfalls die Macht des Konzerns zu spüren bekomme. Nachdem sie über das betriebliche Intranet zu einer Kundgebung in der Stadt aufgerufen hatte, wurde ihr der Zugang zum Netz gesperrt. Eine Unternehmenssprecherin rechtfertigt dies damit, dass Selivanova Karrikaturen verbreitet habe, die das Unternehmen "verleumden".

Der Protest in Perm hat nun auch den russischen Gewerkschaftsdachverband FNPR mobilisiert. Auf einer Pressekonferenz in Moskau attackierte der Vorsitzende Michail Schmakow das Unternehmen scharf. Für einen "arbeiterfeindlichen" Konzern wie Nestlé gäbe es keinen Platz in Russland. Während Nestlé die Dividende für Aktionäre um 17,5 Prozent erhöht habe, gingen die Arbeiter leer aus. Schmakow kündigte eine Klage bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris an und erklärte, notfalls werde man auch streiken.

Auch über Russland hinaus erfahren die Arbeiter Unterstützung - so zum Beispiel durch die deutsche Gewerkschaft NGG und die Internationale Nahrungsindustrie-Gewerkschaft. Für die internationalen Organisationen ist die Auseinandersetzung eine Grundsatzfrage: Sie fürchten, dass Nestlé Teile seiner Produktion nach Russland auslagern könnte, wenn sich die Fabrikleitung in Perm mit ihrer Billiglohn-Politik durchsetzen sollte.

Kämpfen wollen aber vor allem die Arbeiterinnen vor Ort. So wie Larisa Selivanova. Sie gehört dem Schweizer Unternehmen seit sieben Jahren an. Zunächst stand die Universitätsabsolventin am Band, jetzt ist sie freigestellte Gewerkschaftssekretärin. Die Unternehmensleitung hielt anfangs große Stücke auf sie, berichtet Selivanova. "Sie dachten, dass ich mich unterordne." Doch daraus wurde nichts: Dank Selivanovas Aktivitäten hat sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder mittlerweile verdoppelt.

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