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25. Oktober 2007, 17:15 Uhr

Lokführer-Ausstand

Bahn meldet zehn Millionen Euro Streik-Schaden

Zwischenbilanz nach 15 Stunden Bahn-Streik: Im Osten Deutschlands geht im Nahverkehr fast nichts mehr - auch im Westen hat die Bahn Probleme, den Notfahrplan aufrecht zu erhalten. Ihr Vorstand klagt über Millionenschäden, die Konkurrenten freuen sich über neue Fahrgäste.

Berlin – Bahn-Vorstand Karl-Friedrich Rausch präsentierte in Berlin eine drastisch klingende Zahl: "Allein an einem Streiktag wie heute verzeichnet die DB AG einen Schaden von zehn Millionen Euro", sagte er, als die Bahn ein erstes Zwischenresümee des Streiktages zog. "Und da sind weitere Verluste, die durch die anhaltende Verunsicherung unserer Kunden entstehen, noch gar nicht eingerechnet", fügte er an.

Fakt ist: Der Bahn entgehen infolge des Lokführerstreiks Millioneneinnahmen, weil die Bundesländer Zahlungen einbehalten. Allein die Länder Berlin und Brandenburg behielten pro Streiktag jeweils rund 500.000 Euro ein, sagte der Sprecher des märkischen Infrastrukturministeriums, Lothar Wiegand. Für nicht erbrachte Leistungen im Regionalverkehr werde auch nicht bezahlt.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) warnte vor hohen Kosten des Streiks - allerdings nicht speziell für die Bahn, sondern für die gesamte Wirtschaft. Der Leiter der Konjunkturabteilung des DIW, Alfred Steinherr, betonte, die Verspätungen der Pendler auf dem Weg zur Arbeit bescherten Unternehmen Verluste in zweistelliger Millionenhöhe.

An dem Streik, der um 2 Uhr begann und morgen um 8 Uhr früh enden soll, beteiligen sich heute rund 1700 Mitglieder der Lokführergewerkschaft GDL. Für Verwirrung sorgte am frühen Abend eine Meldung der "Financial Times Deutschland, wonach die GDL eine Aussetzung ihres Streiks plane. Der Vize-Chef der Gerkschaft, Claus Weselsky, wurde in einer Vorabmeldung des Blattes mit der Aussage zitiert, der Arbeitskampf solle bis einschließlich kommenden Freitag, dem 2. November, ausgesetzt werden. "Wir treffen sonst immer dieselben Kunden, und das wollen wir nicht", sagte Weselsky laut "FTD".

Die GDL-Sprecherin Gerda Seibert dementierte umgehend. Man werde den Streik nur bis Montag aussetzen. Das gebe der Bahn die Möglichkeit, die bisherigen Streikfolgen zu bewerten. Wie die Meldung entstanden sei, wisse sie nicht. "Ich habe mit Herrn Weselsky telefoniert und er sagt, er habe das so nie gesagt."

Nach Mitteilung der Bahn kam es zu erheblichen Beeinträchtigungen im Regional- und S-Bahn-Verkehr - am stärksten betroffen waren wieder die östlichen Bundesländer. Dort sei der Zugverkehr "fast zum Erliegen gekommen", räumte die Bahn ein. In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern fuhren nur etwa zehn Prozent der Regionalzüge. Die S-Bahnen in Leipzig verkehren gar nicht, in Dresden kann nur eine S-Bahn-Linie bedient werden. Zwischen Halle/Saale und Leipzig fahren die Züge alle 60 Minuten. In Rostock ersetzen Busse die S-Bahn-Züge.

Bundesweit fielen bisher 7400 Züge aus. Auch im Westen zeigte der Streik dementsprechend große Wirkung: Bei der S-Bahn München verkehrten die Züge im Stundentakt, zwischen Pasing und Flughafen München alle 20 Minuten. Die S-Bahn Rhein-Ruhr fährt im 30-Minuten-Takt. Die S-Bahn Frankfurt am Main schafft nur einen Stundentakt. In Stuttgart werden nur drei der sechs S-Bahn-Linien bedient.

Bis Freitagmittag werde die Situation "schwierig bleiben", kündigte Rausch an - und wohl erst ab Samstagmorgen könne wieder das volle Programm gefahren werden.

In Hamburg und Schleswig-Holstein ist es nach Angaben einer Bahn-Sprecherin am Donnerstagnachmittag zunehmend schwieriger geworden, den eingeschränkten Zugverkehr überhaupt aufrecht zu erhalten. So wurde die Strecke Lübeck-Neustadt eingestellt. "Busse sollen bis 21 Uhr den Zugverkehr ersetzen", betonte sie.

Die Streiks bei der Bahn zeigen positive Auswirkungen auf Privatbahnen. Auf Strecken, die parallel zur DB betrieben werden, verbuchten sie zusätzliche Fahrgäste, wie einige Unternehmen erklärten.

Der in Norddeutschland aktive Betreiber Metronom konnte eindeutig positive Auswirkungen melden. "Auf der Strecke zwischen Lüneburg und Hamburg haben wir deutlich mehr Fahrgäste", sagte Unternehmenssprecherin Tatjana Festerling. Auch bei der Nord-Ostsee-Bahn, der Ostseelandbahn und der Bayerischen Oberlandbahn seien zu Spitzenzeiten mehr Reisende unterwegs gewesen. Auf diesen Strecken seien zusätzliche Wagen angehängt und weitere Haltestellen eingerichtet worden.

Der bundesweit größte Privatbetreiber Veolia, zu dem nach eigenen Angaben mehr als 40 Linien zählen, ist mit den Aussagen vorsichtiger. "Man kann nicht sagen, dass private Anbieter von dem Streik profitieren", sagte Sprecherin Birgit Stallmann. Zusätzliche Fahrgäste könnten nur dort gewonnen werden, wo Privatbahnen parallel zur Deutschen Bahn fahren. Dies sei beispielsweise auf einer Strecke vom Süden Berlins nach Polen der Fall: "Dort haben wir an Streiktagen zu den Stoßzeiten tatsächlich rund 25 bis 30 Prozent mehr Fahrgäste gehabt."

Dennoch erkennt Stallmann eine eindeutige Tendenz, die auch Privatbahnen betrifft: "Viele Leute sind insgesamt sehr verunsichert und steigen aufs Auto um."

Eine Einigung im Tarifkonflikt zeichnet sich immer noch nicht ab. Bahn-Vorstand Rausch beließ es am Nachmittag bei dem Appell an die GDL, sie solle zu Verhandlungen an den Tisch zurückkehren. "Wir warten und sitzen so lange, bis der Tarifpartner kommt."

Die GDL forderte die Bahn ihrerseits erneut auf, ein neues Verhandlungsangebot vorzulegen. "Die sollen mit einem vernünftigen Angebot rüberkommen, dann sind wir auch sofort verhandlungsbereit", sagte GDL-Vize Günther Kinscher in Frankfurt am Main. Auch "die berühmten 31 Prozent" Tariferhöhung seien "kein Dogma". GDL-Sprecherin Gerda Seibert wollte auf Anfrage weitere Streiks in der kommenden Woche nicht ausschließen. Eine Entscheidung gebe es aber noch nicht. Die Gewerkschaft will am Freitag eine Bilanz des 30-stündigen Arbeitskampfes ziehen.

itz/AP/Reuters/ddp/dpa

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