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25. Oktober 2007, 21:05 Uhr

Lokführer-Quartier

Wut in Schachtelhausen

Von Hendrik Ankenbrand, Frankfurt am Main

Direkt an den Gleisen des Frankfurter Hauptbahnhofs hausen über 400 Lokführer zusammengedrängt in einem Containerdorf. Die GDL-Mitglieder unter ihnen drohen: Wir fechten den Arbeitskampf bis zum Schluss durch. Ein Besuch an der Streik-Basis.

Frankfurt am Main - Das Herz des Arbeitskampfes schlägt hinter der Galluswarte, zweite Ausfahrt links. 147 weiße Container, in drei Reihen aufeinander gestellt. Die schmutzigen Fenster geben den Blick frei auf durchwühlte Betten und Kompaktfernseher. Hier wohnen 425 Lokführer, die meisten fahren an regulären Arbeitstagen die Züge der S-Bahn Rhein-Main durch die Frankfurter Gleislandschaft, nicht selten am eigenen Zuhause vorbei.

An diesem Morgen stehen viele Kollegen nicht im Führerhäuschen. Für die GDL-Mitglieder unter ihnen heißt es seit 2 Uhr früh: Streik.

Die GDL-Basis trägt verwaschen-blaue Jogging-Shorts. Maik Ludat, 40, blinzelt ins Morgenlicht, als er aus dem Schlaf gerissen die Tür seiner Wohnbox öffnet. Seine Schicht ging bis 1 Uhr in der Nacht, dann hat die Bahnleitung ihn im Dienstplan auf "Ruhezeit" gesetzt - wie alle Lokführer, deren GDL-Mitgliedschaft bekannt ist. Ludat streikt.

Seinen Zweitwohnsitz nennt auch er lachend "Schachtelhausen" - so wie alle das tun, die in dem Lokführer-Dorf leben. Mit leichtem sächsischem Zungenschlag preist Ludat die 17 Quadratmeter mit Schrank, Bett, zwei Tischchen und Pantry-Küche als verkehrsgünstig und als billigen Schlafplatz. An der Wand ein Monet-Druck, der hing schon vor seinem Einzug hier, und ein Foto von Ludats 650-Kubikzentimeter-Motorrad. Feuerrot glänzt es in der sächsischen Sommersonne.

254 Euro warm im Monat mitten in Frankfurt

Ludats eigentlicher Wohnort ist Bernsdorf bei Hoyerswerda. Hat er mal zwei Tage frei, setzt er sich in den nächsten ICE und lässt sich von einem Kollegen heim nach Sachsen zu Frau und Kindern fahren. Der bullige Mann mit den grauen raspelkurzen Haaren und den silbernen Ohrstickern in Form eines springenden Hengstes hat wie viele seiner Lokführer-Kollegen irgendwann nach der Wende in den Westen "gemacht", weil es zuhause keine Arbeit mehr für ihn gab.

Ludat wurde mit der Elbe-Flut 2002 "weggespült", wie er sagt. Zwei Jahre fuhr er in München S-Bahn, dann in Frankfurt. Von hier braucht er nur sechseinhalb Stunden bis nach Hause und die Stadt ist ihm nun völlig gleich. Seine Schichten legt er sich so eng wie möglich hintereinander, von Frankfurt kennt er allenfalls die abendliche Runde auf dem Fahrrad.

"Schachtelhausen" habe schon etwas von einem Asylbewerberheim, stimmt Ludat zu und berichtet von den 40 Grad, die im Sommer die Container in eine Sauna verwandeln. Doch er wohne gern hier, 254 Euro warm im Monat mitten in Frankfurt, das sei einmalig. Manchmal dauert der Arbeitsweg gerade mal drei Sekunden, stapelt er tief. Als Asylant im Westen fühlt er sich schon gar nicht. Er denke "gesamtdeutsch", West oder Ost, das sei doch egal.

Gar nicht egal ist ihm seine Bezahlung von monatlich 2102,53 Euro brutto. Allenfalls durch Nachtarbeits- und Feiertagszulagen könne sie noch auf 2500 Euro brutto steigen. Ludat berichtet, seine Tochter studiere in Dresden. In Bernsdorf hat er gebaut. Mit 40 Jahren hängt er längst in der letzten Gehaltsstufe fest.

Kommt der sonst so freundliche Lokführer auf die Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn AG zu sprechen, dann wird er fuchsig. Den Arbeitgeber jucke der Streik doch überhaupt nicht. Dem gebe die GDL viel zu viel Zeit, um sich vorzubereiten, ruft Ludat. Eine "Verschärfung der Gangart" sei vonnöten.

"Dann streiken wir eben mal für vier Tage"

Was das hieße? "Dann streiken wir eben mal für vier Tage", dann wären die Kapazitäten von Nicht-GDL-Lokführern aufgebraucht. Dann könnte sich die Bahn auch nicht für ihre Notfallpläne feiern lassen.

Besonders sauer ist der sächsische Lokführer auf das Arbeitsgericht Chemnitz. Dessen Entscheidung, den Streik im Fernverkehr zu verbieten, halten Ludat und seine GDL-Kollegen für nichts weniger als Verrat am Grundgesetz. Treffen sich die Bewohner von "Stapelhausen" in der benachbarten Cafeteria im rotgeklinkerten Verwaltungsgebäude auf einen Kaffee, dann geht es meist um die Arbeitsrichter.

Die würden demnächst Automobil-Arbeitern den Streik beim Bau von Kleinwagen erlauben und bei Luxusschlitten nicht, oder wie? Der Betrug an den Arbeitnehmern schwört beim Lokführer Ludat Klassenkampfrhetorik herauf: "Wir sind bereit, die Sache bis zum Ende durchzukämpfen." Seine Gewerkschaftsführung solle jetzt endlich mal Gas geben, schimpft Ludat und drückt seine kräftigen Oberarme auf die Knie.

Genug schief gelaufen sei ja schon, sagt er und holt ein Schreiben seiner GDL auf den Laptop-Bildschirm. Mit einem Word-Vordruck sollten die GDL-Mitglieder der Bahn ihre Arbeitskraft anbieten und den Arbeitgeber auffordern sie "unverzüglich arbeitsvertragsgemäß zu beschäftigen". Die GDL wollte so der Bahn die Möglichkeit nehmen, am Streiktag die Dienstpläne nur mit Nicht-GDL-Mitgliedern zu besetzen und den Streik so zu umgehen.

So weit die Theorie. Bekommen hat die GDL nun verschreckte Mitglieder, die befürchten, mit ihrer Unterschrift unter dem Vordruck gäben sie ihre Einwilligung zum Lokführen - und könnten, wenn sie dann doch streiken, ganz rechtmäßig gefeuert werden. "Nach den beiden Entlassungen haben die Kollegen Angst", sagt Ludat mit Blick auf die zwei fristlosen Kündigungen, die die Bahn bisher bestätigt hat.

Transnet-Kollegen "sticheln"

Jene Bewohner von Schachtelhausen, die der Gewerkschaft Transnet angehören oder gar nicht organisiert sind, reden nicht gerne über den Streik. Kaum wagen sie es, in der Cafeteria den Blick vom dampfenden Kaffee zu heben. GDLer? Wisse man nicht, wo die stecken. Eine Meinung zum Arbeitskampf will auch niemand preisgeben.

Ludat sagt, kein GDL-Lokführer könne verstehen, warum ein Kollege in der großen Konkurrenz-Gewerkschaft Transnet sei. Von getrennten Pausenräumen und "Feindschaften" zwischen den Mitgliedern verschiedener Gewerkschaften, will er jedoch nichts wissen. "Alles Quatsch." Die Kollegen würden zwar zunehmend sticheln, doch bleibe alles im Rahmen.

Für Ludat sitzt der Gegner nicht nebenan in Schachtelhausen. Er sitzt in der Hauptstadt - im Bahn-Tower am Potsdamer Platz.

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