Lufthansa-Tarifstreit Ver.di-Mitglieder rebellieren gegen Einigung

Aufstand bei Ver.di: Unzufriedene Mitglieder protestieren gegen die Einigung im Tarifstreit des Lufthansa-Bodenpersonals. Eine Gruppe ruft Kollegen dazu auf, den als zu niedrig empfundenen Abschluss bei der geplanten Urabstimmung abzuschmettern.


Berlin - Der Protest hat schon einen Namen: Ein "Netzwerk für eine kämpferische und demokratische Ver.di" fordert das Boden- und Kabinenpersonal auf, in der Urabstimmung zum Tarifabschluss mit Nein zu stimmen. Das Netzwerk teile "voll und ganz die Empörung von Lufthansa-Kollegen, wie der Mechaniker in München, über den Tarifabschluss", hieß es in einer Mitteilung. Die Ver.di-Führung habe den Streik abgebrochen, als er begonnen habe, Wirkung zu zeigen, so lautet der Vorwurf.

Lufthansa-Maschine in Frankfurt: Der Lufthansa droht schon der nächste Streik - diesmal wollen die Piloten die Arbeit niederlegen
DPA

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Am vergangenen Freitag hatten sich Ver.di und die Lufthansa nach tagelangem Ausstand auf einen Kompromiss für die 34.000 Bodenmitarbeiter geeinigt. Sie erhalten nun rückwirkend ab Juli ein Gehaltsplus von insgesamt 7,4 Prozent in zwei Stufen zuzüglich einer Einmalzahlung. Der Vertrag läuft 21 Monate bis Ende Februar 2010. Ursprünglich hatte Ver.di fast zehn Prozent Erhöhungen gefordert - bei einer Vertragslaufzeit von nur zwölf Monaten.

Die nun rebellierenden Ver.di-Mitglieder monieren, der Kompromiss bedeute keinen Ausgleich für die enormen Preissteigerungen der vergangenen Monate und schon gar nicht für die Reallohnverluste der vergangenen Jahre. Zudem sollte in einer Zeit, in der jeden Monat die Lebenshaltungskosten in die Höhe schössen, keine Vertragslaufzeit von mehr als zwölf Monaten vereinbart werden.

Vor allem unter den Technikern in München kann das Netzwerk wohl mit Unterstützung rechnen. Dort hatten viele Streikende bereits am Freitag ihrer Wut freien Lauf gelassen. Die Einigung wurde als "Frechheit" gewertet: ""Menschen, die sich kaufen lassen, gibt es überall. Doch wir brauchen die hier nicht", polterte einer der Mitarbeiter. Ver.di habe sich "über den Tisch ziehen lassen".

Immer noch fallen Hunderte Flüge aus

Die Lufthansa wird der Abschluss nach eigenen Angaben rund hundert Millionen Euro kosten. Zudem werden die Auswirkungen des Arbeitskampfes noch etwa zwei Wochen zu spüren sein. Weil vor allem in der Wartung und der Technik während des Streiks nicht gearbeitet wurde, sind viele Reparaturen und Checks aufgeschoben worden - nun muss nachgearbeitet werden. Zudem hat die Lufthansa einen Notfallflugplan aufgestellt, der so kurzfristig nicht aufgehoben werden konnte und noch bis Montag gelten wird.

Obwohl der Streik am Samstag beendet wurde, fielen deshalb am Wochenende bundesweit täglich rund 130 Flüge aus und damit genauso viele wie in den letzten Tagen. Am Montag werden einem Lufthansa-Sprecher zufolge weitere 130 Flüge ausfallen. Ab Dienstag werde täglich noch mit 40 Streichungen bei insgesamt rund 2000 Flügen gerechnet.

Nach dem Ende des Arbeitskampfs beim Bodenpersonal rollt auf die Lufthansa aber bereits die nächste Streikwelle zu. Die Piloten der Unternehmenstöchter CityLine und Eurowings planen nach SPIEGEL-Informationen einen erneuten Ausstand. Fürs erste plant die Vereinigung Cockpit (VC) einen dreistündigen Warnstreik, an dem sich nun auch direkt beim Konzern beschäftige Piloten beteiligen wollen.

Zuletzt hatten die rund 1100 Piloten der beiden Töchter 36 Stunden lang gestreikt - mit durchschlagendem Erfolg. Fast tausend Flüge mussten gestrichen werden. Die Flugzeugführer wollen eine Angleichung ihrer Gehälter an die der Kollegen beim Mutterkonzern. Personalvorstand Stefan Lauer hatte am Freitag von einem neuen Angebot berichtet, laut VC laufen Gespräche im Hintergrund.

Auch von Seiten der Gewerkschaft Ufo, die das Kabinenpersonal vertritt, droht der Lufthansa weiterer Ärger. Bei der Einigung mit Ver.di hieß es, der Abschluss solle auch auf die Flugbegleiter übertragen werden - vorbehaltlich der Zustimmung von Ufo. Die Gewerkschaft kündigte allerdings bereits an, ihr Ja zu verweigern. Sie fordert 15 Prozent mehr Lohn für ihre Klientel. Ende des Jahres stehen Verhandlungen dazu mit der Lufthansa-Geschäftsführung an.

ase/AP/dpa

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