Made in Sachsen-Anhalt Prunkuhren aus der Provinz

Die Pläne lagen seit Jahrzehnten in seiner Schublade, durch einen Zufall erinnerte sich der Uhrmachermeister Dornblüth im kleinen Ort Kalbe in Sachsen-Anhalt eines Tages daran. Heute bauen "Dornblüth & Sohn" Luxusuhren, die sich in der ganzen Welt verkaufen.

Von Steffen Reichert


Kalbe - Neulich war wieder so ein typischer Tag: Aus Bochum war ein Kunde gekommen, um sich die Uhrenwerkstatt Dornblüth anzuschauen. Aber obwohl Kalbe in der Altmark mit seinen 3000 Einwohnern nicht wirklich groß ist, wusste der ältere Herr nicht wohin. Also fragte er. Und bekam zur Antwort: "Meinen Sie den Alten mit den billigen oder den Jungen mit den teuren Uhren?"

Die Frage ist rhetorisch. Denn auswärtige Kundschaft will eigentlich immer zum Jungen. Der sitzt in der Westpromenade - während der Alte noch in der Ernst-Thälmann-Straße seinen Laden hat.

Um zu Dirk Dornblüth zu kommen, muss man vom Zentrum der verschlafenen Kleinstadt im Norden Sachsen-Anhalts aus ein paar Meter zurückgehen, den Schulbusbahnhof hinter sich lassen und die winzige Brücke gegenüber der alten Plattenbauschule über einen Rinnsal namens Milde passieren. Hier wohnt und arbeitet der junge Dornblüth. Kein Werbeschild, nur links das Wohnhaus, rechts das der Firma.

Hier, zwischen zwei Computern und vielen Kisten entstehen die Uhren, wegen derer Kunden aus der ganzen Welt nach Kalbe kommen. Dirk Dornblüth nimmt sich Zeit für seine Besucher - denn Zeit ist es, womit er sein Geld verdient. Hier, in der Provinz, baut er Uhren, die es mit IWC oder Glashütte allemal aufnehmen können.

Tüfteln in der Nacht

Dass dem so ist, war reiner Zufall: Seit 40 Jahren führt Dieter Dornblüth, der Senior, sein Uhrmachergeschäft. Es gibt Armbanduhren, Reisewecker, Modeschmuck. Zum 60. Geburtstag dann, im Jahre 1999, schenkt ihm Sohn Dirk, auch Uhrmacher, eine selbst entworfene Edelstahlarmbanduhr, die er aus einer alten "Glashütte" hergestellt hat. Und löst damit Unerwartetes aus: "Mein Vater war so begeistert, dass er sich seiner 40 Jahre vorher gehegten Pläne erinnerte: Er holte tief aus der Schreibtischschublade seine Pläne für eine eigene Armbanduhr", erzählt Dirk Dornblüth. Die war nie fertig geworden, aber nun haben die beiden ein Ziel: Sie bauen die erste "Dornblüth & Sohn".

Der Anfang ist nicht einfach, es braucht viel Tüftelei. So wissen die beiden beim Aufbau des Kalibers, des Uhrwerks, nicht, was sie mit dem Platz bei der kleinen Sekunde gegenüber der Neun tun sollen: Sie blättern in alten Auktionskatalogen und haben irgendwann die Idee - eine Gangreserve muss her. Aber wie das schaffen, wenn die Uhr nicht größer werden darf? Auch da kommt ihnen auf ungewöhnlichem Weg eine Lösung. Vater Dornblüth borgt sich beim örtlichen Autohändler für einige Tage einen Vorführwagen, um sich eine Hinterachse mit Ausgleichsgetriebe anzuschauen. Ein Kegelrad-Differenzial wird zum Vorbild - und die Uhr wird schließlich fertig.

Katalog noch per Farbkopierer produziert

2002 kommt sie auf den Markt, 3000 Euro das Stück. Den Katalog für die ersten Exemplare hat Dornblüth in Spiralbindung gefertigt, die Seiten noch selbst über den Farbkopierer gezogen. Ein paar Kleinanzeigen geschaltet, ein bisschen Mund-zu-Mund-Propaganda hat geholfen: Inzwischen verkauft "Dornblüth & Sohn" rund 15 Uhren im Wert von bis zu 10.000 Euro im Monat - und hat sich damit als Nischenmarke fest im Markt für Luxusuhren etabliert.

Über Umsatz und Gewinn schweigen sich die Uhrmacher aus. Für Jens Koch, Fachredakteur der Uhrenzeitschrift "Chronos", sind die Uhren trotzdem ein Geheimtipp. "Sie haben ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis, trotz der vollständigen Handarbeit sind sie vergleichsweise preiswert", sagt er. Vergleichbare Uhren seien wesentlich teurer. Ihn hat vor allem überrascht, dass die Dornblüths es geschafft haben, sich auf dem Markt zu etablieren. "Bei zu erwartenden Markteinführungskosten von mehreren Millionen Euro ist es heute fast unmöglich, eine Uhr wie eine Dornblüth zu platzieren, für die ja sehr, sehr wenig direkte Werbung gemacht wird." Koch führt das auf das Improvisationstalent der Dornblüths aus DDR-Zeiten zurück.

So sind die Werkstatträume eigentlich zu klein - und vollgestellt mit Maschinen, von denen keine jünger ist als 20 Jahre. "Aber sie laufen und sind sehr präzise", winkt Dornblüth ab. Die eine hat er "auf dem Flohmarkt" gefunden, die andere preiswert bei Ebay ersteigert. Eine bekam er im Gebrauchthandel sehr günstig, und eine hat er vom Vater erhalten. Mit diesen Maschinen stellt die Mannschaft heute her, was inzwischen seinen Weg in alle Welt nimmt.

Krokodillederarmband und Sonderanfertigungen

Seit mittlerweile fünf Jahren tummeln sich die Uhren von "Dornblüth & Sohn" inzwischen am Markt - eine wirkliche Konkurrenz zu den Stücken von Glashütte, IWC oder Omega sind sie trotzdem nicht. "Meine Kunden entscheiden sich nicht zwischen einer dieser Uhren und einer Dornblüth", sagt Dirk Dornblüth. Die meisten Kunden hätten bereits verschiedene Luxusuhren und wollten eine seiner Uhren zusätzlich.

80 Prozent der Kundschaft kommt inzwischen aus Übersee. "Wenn in Japan einer im Hockey-Club seine Uhr rumzeigt, meldet sich ein paar Wochen später der nächste Interessent", sagt Dornblüth. Für die Kunden aus Amerika dagegen braucht man Zeit - und manchmal gute Nerven: Mal ist es das Krokodillederarmband, für das es zig Bescheinigungen braucht. Mal sind es die Unterlagen, in denen zu versichern ist, dass die Uhren nicht für die rüstungstechnische Verwendung gedacht sind.

Die größte Herausforderung aber war ein Kunde aus den USA, der einen Flugzeugabsturz überstanden hatte und seitdem in einem Überlebenden-Verein organisiert ist. Unbedingt wollte er das Vereinslogo - einen Wurm - auf seine Armbanduhr, zwei Rubine auf der Unterseite sollten die Augen sein. Die Uhr wäre viel zu groß geworden. Lange wurde höflich diskutiert, geredet, gewarnt - schließlich mit Erfolg: Der Wurm ist jetzt auf dem Ziffernblatt. Genau zwischen der Vier und der Fünf - weil der Absturz um halb fünf war.



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