Wesjohann versus Rewe Wettlauf im Kükenretten

44 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr getötet. Dank neuer Techniken könnte das bald vorbei sein. Zwei Unternehmen kämpfen um ein Monopol, das sehr viel Geld einbringen könnte.

Männliche Küken
DPA

Männliche Küken


Kurz nachdem sich männliche Küken aus der Schale gequält haben und noch etwas benebelt ins Leben tapsen, wird ihnen dieses schon wieder genommen. 44 Millionen werden pro Jahr in Deutschland mit Kohlendioxid erstickt, oder sie werden geschreddert.

So ist die Logik der Geflügelbranche: Die männlichen Küken, die Brüder der Legehennen, taugen nicht als Rohstofflieferant: Eier legen können sie nicht, Fleisch ansetzen auch nicht gut. Ihre Aufzucht lohnt sich nicht.

Die massenweise Tötung von Küken sorgt jedoch seit Längerem für eine anwachsende Empörung in der Öffentlichkeit. Der Branche ist klar: Das Problem muss weg.

Die Lösung liegt theoretisch nahe: Das Geschlecht müsste bereits im Ei bestimmt werden, also weit vor dem Schlüpfen. Vor zehn Jahren begann man daran zu forschen - zuerst in Universitäten, rasch kam auch die Geflügelindustrie hinzu. Investieren musste die Branche kaum, bis heute finanziert Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) das Projekt, bislang flossen mehr als fünf Millionen Euro. Trotzdem passierte jahrelang nichts.

Ein millionenschweres Geschäft

2013 allerdings stieg Rewe in eines der Uni-Projekte ein, die Nachhaltigkeitsabteilung des Kölner Händlers war ungeduldig geworden. Seitdem liefern sich die potenziellen Kükenretter ein Rennen um die Technologie.

Es geht dabei um Patente, aber auch um ein millionenschweres Geschäft. Ist die erste Maschine zur Früherkennung auf dem Markt, dürfte kein Gericht das rechtlich fragwürdige Kükentöten mehr durchwinken. Denn das Tierschutzgesetz verbietet es, einem Tier ohne vernünftigen Grund Leid anzutun. Wer also als Erster die richtige Technologie anbietet, hat alle Chancen auf ein lukratives Monopol.

Ein Aspirant kündigt nun den Durchbruch an. "Das Kükentöten wird bald ein Ende haben", sagt Jörg Hurlin. Der Agraringenieur ist Chef von Agri Advanced Technologies (AAT), einer kleinen Firma in der EW Group, der riesigen Agrarholding von Erich Wesjohann. Anders als sein Bruder Paul-Heinz Wesjohann (Wiesenhof) kümmert sich Erich nicht um die Verwertung des Federviehs, sondern um dessen Genetik.

Eine Art Schwangerschaftstest

Hurlin ist etwas blass im Gesicht, als er vor einigen Wochen in einer Brüterei bei Cuxhaven den Prototyp seiner Maschine vorstellt. Er schiebt den ersten Träger mit Eiern in die Anlage. Ein Laser fräst ein kleines Loch in die Schale, ein Lichtstrahl wird auf eine Blutader am Dotter gerichtet. Anhand des gestreuten Lichts und mithilfe eines Spektroskops und eines Algorithmus wird dann das Geschlecht bestimmt: Eier mit weiblichen Embryos werden verklebt und weiter ausgebrütet. Die mit männlichen sollen in die Tierfutterproduktion oder die Kosmetikindustrie gehen. AAT will dieses spektroskopische Verfahren zur Marktreife bringen.

Geschlechterfrüherkennung
Wolfhard Scheer

Geschlechterfrüherkennung

Es wird sich auch gegen eine Alternative durchsetzen müssen: die Endokrinologie. Dabei wird dem Brutei am neunten Tag mittels einer Nadel ein Tropfen embryonaler Harn entnommen und das Geschlecht mit einer Art Schwangerschaftstest bestimmt.

Duell zweier Milliardenkonzerne

Beide Verfahren haben Jahre gebraucht, bis sie funktionierten: Lange gelangten die Infrarotstrahlen der Spektroskope nicht richtig durch die Luftblase am stumpfen Pol des Eis. Beim Drehen in Schlupfrichtung liefen die Eier zudem immer wieder aus, weil sie nicht gut geklebt waren. Dennoch gelang es den beiden Leipziger Früherkennungs-Forscherinnen Maria Krautwald-Junghanns (Spektroskopie) und Almuth Einspanier (Endokrinologie), sich mächtige Förderer zu angeln: Mit der EW Group unterstützt die Geflügelindustrie das optische Verfahren; mit Rewe fördert der Einzelhandel die Geschlechtsbestimmung mittels Harnentnahme. Aus dem kleinen Forschungswettlauf an der Leipziger Uni ist damit das Duell zweier Milliardenkonzerne geworden.

Ludger Breloh ist bei Rewe für Innovationen im Agrarsektor verantwortlich. Er sagt, er habe sich das Verfahren von Almuth Einspanier einen Tag lang angesehen "und dann alles darauf gesetzt". Zusammen mit einem niederländischen Kooperationspartner baut Breloh bereits am dritten Prototyp. Pro Ei brauche die beliebig skalierbare Maschine nur noch wenige Sekunden, um das Geschlecht zu bestimmen. Die Spektroskopie hält Breloh bis heute für zu kompliziert. "Schale rausfräsen, Lichtstrahl rein, messen, zukleben, das schafft man kaum in der nötigen Geschwindigkeit."

Doch auch gegen das von Brelohs Truppe entwickelte Nadelstichverfahren gibt es Vorbehalte. Anders als bei der Spektroskopie (vierter Tag), kann der Einstich hier erst am neunten Tag erfolgen. "Da sieht man schon den Kopfansatz der Embryos, die zucken und empfinden Schmerz", sagt AAT-Chef Hurlin. Das Verfahren erinnere an eine Abtreibung. Rewe sieht das nicht als Stolperstein, ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags belege die ethische Unbedenklichkeit der Anwendung.

Tatsächlich geht es nicht nur um einen Methodenstreit. Hinter dem Forschungsdrang des Einzelhandels steckt auch die Furcht vor einem Oligopol des Hühnerbarons Erich Wesjohann: Genetik, Zucht, Brüterei, Früherkennung - das alles hätte der Niedersachse künftig in der Hand und könnte damit die Preise diktieren.

Noch schlimmer scheint für den Rewe-Mann Breloh allerdings die Vorstellung, sich vom Ausland abhängig zu machen. Auch da wird an der Geschlechtsfrüherkennung gearbeitet, und vielerorts steht man angeblich kurz vor dem Durchbruch. "Komisch ist nur, dass keiner einem etwas zeigen will." Kanadische Forscher seien dabei, Hennen gentechnisch so zu konditionieren, dass sie nur "weibliche" Eier legen. "Für mich ist das Voodoo", sagt Breloh.

Warten auf das Zweinutzungshuhn

Geflügelfleisch in den Produktionshallen von Wiesenhof in Lohne (Niedersachsen)
DPA

Geflügelfleisch in den Produktionshallen von Wiesenhof in Lohne (Niedersachsen)

Ähnliche Erfahrungen hat EW-Group-Manager Rudolf Preisinger gemacht. Eine amerikanische Firma, erzählt er, habe ein Patent auf ein bestimmtes LED-Licht angemeldet, mit dem man die Eier von unten mit rosafarbenem und blauem Licht bestrahlen und so das Geschlecht beeinflussen könne.

Preisinger grinst. "Das funktioniert natürlich nur, wenn sie deren Lampen kaufen."

Der Genetiker Preisinger ist der Mann, der für die EW Group seit Jahren an einem dritten Weg arbeitet, dem sogenannten Zweinutzungshuhn: einer Rasse also, deren Hennen gut Eier legen, und deren Hähne ordentlich Fleisch ansetzen können. Am Wunderhuhn also, das alle Probleme auf einen Schlag lösen könnte.

Doch das Wunder lässt auf sich warten. "Es funktioniert nicht", sagt Preisinger. Die Hühner legten zu wenige und zu kleine Eier, die Hähne müssten viel zu lange gemästet werden. Seine Hoffnung ruht deshalb auf der Früherkennung und seinem Kollegen Hurlin. "In einem Jahr", sagt Preisinger, "steht hier eine industrietaugliche Maschine zur Früherkennung."

Hurlin atmet tief ein. Bei den ersten zehn Eiern versagte dreimal der Laser und dreimal das Klebeband. Auch die Zeit von 20 Sekunden pro Ei ist indiskutabel. Trotzdem gibt er sich kämpferisch: "Bei der nächsten Präsentation", sagt Hurlin, "sieht es hier nicht mehr nach Fischertechnik aus."

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
evanildo 25.01.2018
1. Alternative kaufen
Rewe bietet doch bereits die Alternative „Spitz & Bube“-Eier (blaue Kartons), da werden die männlichen Küken nicht geschreddert (was für eine abstoßende Idee!). Ich kaufe seither keine anderen mehr.
ardbeg17 25.01.2018
2. @David Zimmermann #1
haben sie es nicht verstanden? "Weniger produzieren" bedeutet hier, weniger Eier auszubrüten - nicht weniger Hähnchenfleisch zu essen. Waren sie mal in einer Hänchenmastanlage und einem -Schlachthof? Die wahre Alternative ist, keine Eier mehr zu essen und/oder die teuren Magerhahnchen zu kaufen. Glyphosat ist real unwiefern gesundheitsgefährdend? So wie Wurst? Alkohol? Rauchen?
danduin 25.01.2018
3. Vegatarische Alternative. Alles andere ist nicht mehr akzeptabel
Wir entwickeln uns in eine Zeit in der wir moralisch handeln wollen und dies auch werden. Die einzige Alternative ist es vegetarische Produkte zu entwickeln die ähnlich schmecken. Das ist die Zukunft und es gibt es auch schon.
outsider-realist 25.01.2018
4.
Zitat von danduinWir entwickeln uns in eine Zeit in der wir moralisch handeln wollen und dies auch werden. Die einzige Alternative ist es vegetarische Produkte zu entwickeln die ähnlich schmecken. Das ist die Zukunft und es gibt es auch schon.
Die Gewürze sind ja die Geschmacksstoffe. Das ist wie mit den Chips....wenn Gyros nicht so gewürzt wäre, würde es keiner essen und wenn die Leute wüssten, was sie essen erst recht nicht. Ebenso wie die Innereien einer Wurst. Die Gewürze machen den Geschmack und süchtig. Vegetarische Alternativen sind wie E-Zigaretten. Wenn man lange genug diese nicht gegessen hat, benötigt man auch diesen Ersatz nicht. Das vegetarische Angebot ist reichhaltig genug- und nein- mein Beitrag ist keine Missionierung sondern lediglich meine Meinung.
grätscher 26.01.2018
5.
Einfach nur pervers und seit Jahren vom Bundestag und deren Lobby gebilligt. Alleine schon der Begriff „geschreddert“ sollte bei jedem normalen Menschen einen Anlass zum nachdenken anstoßen. Wenn ein Lebewesen mal so wenig wert ist, dann ist in einer Gesellschaft einiges gründlich daneben gelaufen, aber man schaue sich mal an, wer die Fleischlobby in Niedersachsen so befeuert
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.