Märklin-Pleite Untergang der heilen Welt

Märklin ist pleite - und Millionen Modelleisenbahn-Freunde trauern um das Traditionsunternehmen mit Kultstatus. Kürzlich noch hatte der Mehrheitseigner eine Rettung angedeutet. Doch jetzt wurde die Firma Opfer der Finanzkrise, von Managementfehlern und eines gesellschaftlichen Wandels.

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Hamburg - An der Liebe der Kundschaft zum Produkt, davon ist man bei Märklin überzeugt, hat es nicht gelegen. In den vergangenen Monaten stiegen die Umsätze. Trotz Billigkonkurrenz aus Fernost, trotz Kaufzurückhaltung, trotz veränderten Konsumverhaltens, sagt man sich in der Chefetage. Ab 2004 schrieb der Göppinger Modelleisenbahnhersteller rote Zahlen und stand schon einmal vor der Insolvenz. Nun hatte man nach Jahren der Krise wieder Hoffnung.

Vielleicht, hofften die Beschäftigten, ist die Zeit der ständigen Führungswechsel bei Märklin endlich vorbei. Und vielleicht merkt man da oben, in der Chefetage des Betonklotzes mit Wirtschaftswunder-Charme, endlich, wie satt man diese feinen Unternehmensberater mit ihren Millionenhonoraren hatte. Vielleicht könnte man ja doch ein entspanntes 150-jähriges Jubiläum feiern.

Bei den Beschäftigten hatten die Berater und Interimsmanager keinen guten Ruf. Erst recht nicht, nachdem 2006 der Londoner Finanzinvestor Kingsbridge Capital und die Investmentbank Goldman Sachs das Traditionsunternehmen von den Familien Märklin, Friz und Safft übernommen hatten. Rund 400 der insgesamt etwa 1400 Arbeitsplätze wurden gestrichen, die Werke im thüringischen Sonneberg und in Nürnberg geschlossen, Kundenrabatte gekürzt, Spielzeughändler aufgefordert, bestellte Ware zügiger zu bezahlen. Märklin verlangte, dass die Produkte besser in den Geschäften präsentiert werden sollten.

All das zeigte - zunächst - Erfolg: Die neuen Eigentümer investierten Millionen in die Firma. Anfang 2008 meldete Märklin einen Auftragsrekord, und tatsächlich stieg der Umsatz allein im ersten Halbjahr um 22 Prozent auf 47 Millionen Euro, im Gesamtjahr immerhin noch um 1,6 Prozent auf 128 Millionen Euro. Kingsbridge-Chef Matthias Hink betonte Ende 2008 noch öffentlich, dass die Firma nicht verkauft werden solle. "Märklin ist eine der besten Marken Deutschlands und hat beträchtliches Potential", sagte er. "Wir unterstützen das Unternehmen dabei, einen erfolgreichen Kurs einzuschlagen."

Zuletzt beschäftigte Märklin rund 1050 Mitarbeiter, davon 650 in Deutschland und 400 in Ungarn. In den vergangenen Tagen hatte das Unternehmen über eine Verlängerung Ende Januar ausgelaufener Kredite verhandelt, es ging um rund 50 Millionen Euro. Doch die Banken, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die Kreissparkasse Göppingen, stimmten am Ende trotz intensiver Gespräche nicht zu. Das sagt Märklin-Geschäftsführer Dietmar Mundil am Mittwoch. Man sei nun gewillt, Märklin zu sanieren "und dauerhaft im Markt zu etablieren".

Optimistische Pressemitteilung trotz Pleite

Kurz zuvor, am Mittag, hatte der Marketingleiter von Märklin auf der Nürnberger Spielwarenmesse erklärt, es werde keine Insolvenz geben. Die Firma verteilte um 12.03 Uhr noch Mut machende Pressemitteilungen: Wir trotzen der Wirtschaftskrise, jetzt geht's los, klang da heraus. Der Manager wusste es nicht besser oder wurde von der Märklin-Führung absichtlich im Unklaren gelassen - denn eine Viertelstunde vorher lief die erste Meldung über die Nachrichtenticker, wonach das Unternehmen Insolvenz anmeldet.

Die Schuldigen an der Pleite, hört man aus Kreisen der Märklin-Eigentümer, sind die Banken, die dem Modellbahn-Bauer das nötige Geld verweigerten. "Das Verhalten der Banken ist sehr merkwürdig", sagte ein Insider zu SPIEGEL ONLINE, "vor allem zu Beginn der Spielwarenmesse." Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG habe am 13. Februar ein Sanierungsgutachten vorstellen sollen. "Offensichtlich haben es die Banken nicht für nötig befunden, dieses Gutachten abzuwarten."

Werner Lenzner, Marktforscher bei Eurotoys, sieht andere Gründe für die Märklin-Krise. "Es hat einen gesellschaftlichen Wandel gegeben." Die Modelleisenbahn sei vor der Zeit der Videospiele das Traumspielzeug gewesen - bis in die siebziger Jahre hinein ein Spielzeug für Kinder, dann, in den Achtzigern und Neunzigern, mehr und mehr ein Objekt für Sammler. "Heute ist es gesellschaftlich nicht mehr so anerkannt, im Keller zu sitzen und an der Modelleisenbahn herumzubasteln", sagt der Spielzeugexperte. Wer sich heute heile Miniaturwelten baut, wird eher schräg angeguckt. Die Hauptzielgruppe - inzwischen Männer zwischen 40 und 60 - "sitzen in ihrer Freizeit heute eher vor dem Computer oder sind im Fitnesscenter". Junge Väter würden ihren Kindern keine Modelleisenbahn mehr kaufen.

Experten haben Hoffnungen für die Marke Märklin

Märklin hat es Lenzner zufolge zudem versäumt, seine Produktpalette zu vergrößern. Obwohl die Zielgruppe immer kleiner wurde, konzentrierte Märklin sich auf die Produktion von Modelleisenbahnen. In Expertenkreise ist zu hören, es sei ein Fehler gewesen, "mit extrem hohem Kostenaufwand Modelle in extremer Detailtreue zu bauen, die sich nur noch betuchte Sammler leisten können". Das Umsatzplus im vergangenen Jahr habe Märklin sich zudem mit dem Verkauf von sogenannten Startersets für 100 Euro bei Aldi erkauft.

Otto Umbach, Geschäftsführer des größten europäischen Spielwaren-Einkaufsverbundes idee+spiel, sagt, Märklin sei "an Management-Fehlern gescheitert". "Es war niemand mehr da, der die Marke gelebt hat", sagt er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Experten sind trotz der Pleite überzeugt, dass die Göppinger eine Chance haben. Märklin müsse in den Massenmarkt vordringen, mit neuem Spielzeug, das sich alle leisten könnten, anstatt Lokomotiven für mehrere hundert Euro zu verkaufen, sagte Lenzner. Volker Schmid, Chef des Verbandes der deutschen Spielwarenindustrie, steht fest, dass die "Marke Märklin" nicht "vom Tod bedroht" sei. Und auch Umbach ist überzeugt, dass das Unternehmen eine Zukunft habe. "Gerade Märklin ist eine der bekanntesten Spielzeugmarken. Märklin wird nicht untergehen." Entscheidend sei aber, dass künftige Inhaber "Herzblut" mitbrächten. Man wünsche sich Unternehmer, nicht Kapitalgesellschaften.



Forum - Modelleisenbahn - tolles Hobby oder Zeitvergeudung?
insgesamt 227 Beiträge
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Seite 1
affordable, 04.02.2009
1.
Zitat von sysopDer traditionsreiche Modelleisenbahn-Hersteller Märklin ist insolvent. Experten machen auch den gesellschaftlichen Wandel dafür verantwortlich. Was halten Sie vom Spiel mit der Miniaturwelt?
Kann da nicht Mehdorn helfen?
Nihil novi 04.02.2009
2.
Zitat von sysopDer traditionsreiche Modelleisenbahn-Hersteller Märklin ist insolvent. Experten machen auch den gesellschaftlichen Wandel dafür verantwortlich. Was halten Sie vom Spiel mit der Miniaturwelt?
Tolles aber kostspieliges Hobby. Selbst für Gutverdiener.
lis, 04.02.2009
3.
Zitat von affordableKann da nicht Mehdorn helfen?
Scherzkeks. Sie wollen wohl Märklin und allen anderen Modelleisenbahnherstellern und -fans endgültig den Garaus machen.:-)
bicyclerepairmen 04.02.2009
4.
Zitat von Nihil noviTolles aber kostspieliges Hobby. Selbst für Gutverdiener.
Quakelkram -:) Was unsere Azubis z.B. im Betrieb so im Vierteljahr an PC Spielen, Downloads, Kom-Kosten verballern dafür bekomme ich doch das feinste Märklin (obwohl ich Fleischmann präferiere) Start-up Paket plus ein paar Goodies. Das eigentliche ist doch das das Thema Modelleisenbahn bis auf ein paar Sammler und sonstwie Durchgeknallte doch ziemlich out ist. Früher war es vielleicht unter anderen ein angesagtes Hobby mit Spielfaktor. Ist halt alles abgelöst worden durch den PC und seinen Möglichkeiten. Was meinen Sie was ich für mitleidige Blicke bekam als ich da mit rausrückte ( wie immer ) Teile meiner Eisenbahn am Weihnachtsabend aufgebaut zu haben...
mika1710 04.02.2009
5.
Zitat von sysopDer traditionsreiche Modelleisenbahn-Hersteller Märklin ist insolvent. Experten machen auch den gesellschaftlichen Wandel dafür verantwortlich. Was halten Sie vom Spiel mit der Miniaturwelt?
Ganz großes Kino- wenn man die Mittel dafür hat. Virtuelles Schienenverlegen ist da keine Alternative. Schade um das Unternehmen.
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