Manager: Anleitung zum glücklichen Sterben

Von , New York

Im Mai fand man bei Eugene O'Kelly, damals Chef des Wirtschaftsprüfungskonzerns KPMG, einen inoperablen Gehirntumor. Jetzt sind die Notizen, in denen O'Kelly die letzten Wochen seines Lebens protokollierte, als Buch erschienen - auch ein Ratgeber für die Lebenden.

New York - Eugene O'Kelly war auf der Höhe seines Erfolgs. 53 Jahre alt, Vorstandschef des Weltkonzerns KPMG, beliebt bei den Angestellten, glücklich verheiratet, eine Tochter, eine Adoptivtochter, Haus auf der schicken New Yorker Upper East Side. Doch er ahnte: "Man weiß nie, wie man überrascht werden kann."

Die Überraschung war böse, und sie kam aus dem Munde eines Arztes, der ihm diesen unerwarteten "Blick des Mitgefühls" gab. "Es war ein unpassendes Gefühl der Intimität", erinnerte sich O'Kelly später. Der Arzt teilte ihm mit, dass er an einem Gehirntumor leide und noch drei bis sechs Monate zu leben habe.

Menschen reagieren höchst unterschiedlich auf solche Hiobsbotschaften: Depression, Wut, Resignation. O'Kelly, einer der "Masters of the Universe" im US-Business, tat etwas dramatischeres: Er protokollierte seine letzten 100 Tage.

"Meine Tage waren vorbei, einfach so"

Jetzt, fünf Monate nach seinem Tod, sind die Aufzeichnungen als Buch erschienen: "Chasing Daylight - How My Forthcoming Death Transformed My Life". Es ist eine Anleitung zum würdigen Sterben. Hier hat ein Business-Führer einen Ratgeber geschrieben, der mehr aussagt, als jedes Handbuch für Geschäfte.

O'Kelly-Buch: Ein Geschenk, ein Spaziergang, ein Dinner

O'Kelly-Buch: Ein Geschenk, ein Spaziergang, ein Dinner

Bis zum Mai 2005 hatte O'Kelly sich für "unsterblich" gehalten. Sicher, er hatte ein paar Probleme mit den Augen, und eines Tages verlor er das Gefühl in der rechten Seite seines Gesichts. Er hatte ein Glioblastom, die aggressivste Art des Gehirntumors - unbekannte Ursache, inoperabel, tödlich.

Wenigstens, so informierte ihn der Arzt, werde sein Sterben sanft und schmerzlos sein. "Die Schatten, die ziemlich langsam begonnen hatten, meine Gedanken zu verdunkeln, würden immer länger werden." Dann werde er in ein Koma fallen und einschlafen. Trotzdem war der Gedanke erst unbegreiflich: "Meine Tage als ein Mann an der Spitze, kraftvoll und produktiv, waren vorbei, einfach so."

Von 160 Stundenkilometern auf Null

O'Kelly war wütend, er weinte, ging zunächst wie besessen neue Projekte an, als könnten sie sein Leben verlängern. Dann wurde er seelenruhig. Und kündigte seinen Job.

Es war eine harsche Umstellung - und eine späte Offenbarung, wie ihn der Beruf aufgefressen hatte. "Ich bewegte mich immer mit 160 Stundenkilometern. Ich arbeitete dauernd. Ich verpasste fast jede Schulveranstaltung meiner Tochter." In zehn Jahren habe er nur zweimal Lunch mit seiner Frau einschieben können. Jetzt war es zu spät.

Es war auch genau diese Mentalität des Buchhalters, die ihm über den Schock half. Die professionellen Strategien des CEOs - Blick aufs Gesamtbild, Multi-Tasking, Planung - seien ihm "eingemeißelt" gewesen. "Ich konnte mir nicht vorstellen, sie nicht auch auf meine letzte Aufgabe anzuwenden." Selbst im Tod wollte O'Kelly Erfolg haben, auf seine Weise.

Er begann, den Menschen in seinem Leben Lebewohl zu sagen. Dazu teilte er sie in vier Gruppen ein: Bekannte (über 1000), Freunde, Familienkreis, zuletzt Frau und Kinder. Jeder Person widmete er etwas Besonderes: einen Brief, ein Geschenk, einen Spaziergang im Park, ein Dinner, eine Flasche Rotwein. Diese letzten Begegnungen waren für O'Kelly "perfekte Momente".

Haut wie Krepppapier

Die Chemotherapie gab O'Kelly nach drei Tagen auf, weil er fand, dass der geringe Effekt die Nebenwirkungen nicht rechtfertigte - und weil er einen "klaren Kopf behalten" wollte. Zuletzt sah er aus wie 75, er begann zu nuscheln, seine Haut wurde wie Krepppapier, er erblindete.

Den letzten Teil des Buches musste O'Kellys Frau Corinne schreiben. "Du musst übernehmen", sagte er ihr. "Er erkannte, dass er die Sachen, die er geplant hatte, nicht mehr tun konnte", ergänzte sie. Als Eugene O'Kelly am 10. September starb, war er nach den Worten Corinnes ohne Angst und Schmerz. "Er war bereit, zu gehen."

Sein Buch, sagt Corinne O'Kelly, sei eigentlich nicht als Ratgeber gedacht gewesen. Trotzdem ist es einer geworden.

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