Manager-Studie Deutsche trainieren den Tunnelblick

Sind unsere Entscheider Fachidioten? Deutsche Manager verlassen sich jedenfalls stärker auf Spezialwissen und persönliche Netzwerke als ihre ausländischen Kollegen, wie das "Executive Panel" einer Personalberatung zeigt. Die Kernergebnisse.

Von Kai Lange


Hamburg - Bereits zum dritten Mal hat die Personalberatung Egon Zehnder International Führungskräfte in Deutschland, den USA, Großbritannien und Frankreich nach ihren Einschätzungen befragt. "Bildung - Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit" stand im Mittelpunkt des International Executive Panel (IEP) 2007.

Die wichtigsten Ergebnisse: Zwar stimmen auch deutsche Topmanager der These zu, dass derjenige, der nichts als die Wirtschaft kennt, in Wahrheit nichts von Wirtschaft versteht. Doch sie tun vergleichsweise wenig dafür, ihren Horizont zu erweitern und die engen Grenzen der Fachqualifikation aufzubrechen.

Dies beginnt schon bei dem großen Vertrauensvorschuss, den der "Master of Business Administration" (MBA) bei deutschen Managern genießt. Eine große Zahl der befragten deutschen Führungskräfte glaubt, dass ein MBA-Studium ausgezeichnetes Fachwissen vermittelt, für spätere Führungsaufgaben qualifiziert und auf die realen Herausforderungen des Manageralltags einstimmt.

Dagegen stimmt nur jede sechste befragte Führungskraft in den USA, England und Frankreich der These zu, dass ein MBA-Studium ausreichend auf das wirkliche Leben vorbereite. Im Mutterland des MBA hat die Ausbildung an Glanz verloren.

In Deutschland und den USA ist ein MBA als Zusatzqualifikation noch besonders gefragt. In Großbritannien dagegen hält bereits jeder vierte befragte Manager einen solchen Zusatztitel für eher unwichtig.

Dass deutsche Manager so viel Hoffnungen auf den MBA und internationale Austauschprogramme setzen, hat mit ihrer Kritik an dem heimischen Bildungssystem zu tun. Nicht einmal jeder fünfte deutsche Manager, so ein Ergebnis der Umfrage, ist mit dem deutschen Schulsystem zufrieden, jeder zweite beklagt einen Mangel an Talentförderung.

Im Gegensatz zu Frankreich, das stark auf sein eigenes Schulsystem vertraut, halten deutsche Führungskräfte das heimische Lehrpersonal nicht für ausreichend motiviert und qualifiziert. So schweift der Blick ins Ausland - wobei deutsche Manager stärker auf den MBA vertrauen als zum Beispiel ihre britischen Kollegen.

Strategien wider den Tunnelblick

Dass fachliche Qualifikation allein nicht zu Führungsaufgaben befähigt, ist eine international akzeptierte Erkenntnis. Um den drohenden Tunnelblick aufzubrechen und den Horizont zu erweitern, verlassen sich die meisten Manager aller befragten Nationen auf Gespräche mit interessanten Menschen und auf den Kreis der eigenen Familie.

Dass Lesen dabei hilft, Abstand vom Geschäftsalltag zu gewinnen und auf neue Ideen zu kommen, glauben eine Mehrheit der amerikanischen und französischen Führungskräfte. In Deutschland greift jedoch nur jeder dritte Manager zum Buch. Stattdessen genießt Sport als Ausgleich hierzulande einen deutlich höheren Stellenwert als in den anderen Ländern.

Auch bei den gefragten Soft Skills setzen deutsche Führungskräfte andere Akzente. Während in den USA und in Frankreich soziales Engagement und ethisches Verhalten die wichtigste Rolle spielen, steht in Deutschland das persönliche Charisma im Vordergrund. Auch die Fähigkeit, Netzwerke zu bilden, spielt in Deutschland eine wichtigere Rolle als in den anderen Ländern.

Internationale Einigkeit besteht dagegen darin, dass Berufserfahrung und das Elternhaus den stärksten Einfluss auf die persönliche Bildung haben. In Deutschland wird die Rolle des Elternhauses (60 Prozent der Nennungen) sogar noch stärker eingeschätzt als die Erfahrungen im Beruf (45 Prozent).

Bildungserlebnisse Umfrage: Wleche Bildungserlebnisse und Erfahrungen haben Sie am stärksten geprägt?

Auch Auslandsaufenthalten messen die Deutschen, die häufiger in die Ferne schweifen als ihre angelsächsischen Kollegen, eine größere Bedeutung zu.

Weiterbildung: Die einen planen, die anderen handeln

Führungskräfteseminare, internationale Austauschprogramme, Talentmanagement-Programme: Was das Angebot angeht, sind deutsche Unternehmen laut der IEP-Umfrage vielfach besser bestückt als Unternehmen im Ausland. Umso verwunderlicher ist, dass deutsche Führungskräfte Zurückhaltung zeigen, diese Weiterbildungsmöglichkeiten auch zu nutzen.

Während die Mehrheit der britischen Manager seit 2005 zwei bis drei solcher Angebote wahrgenommen haben, reicht deutschen Führungskräften oftmals eine Weiterbildung binnen zwei Jahren. Allgemein zeigen sich angelsächsische Manager aktiver beim Thema Weiterbildung - sowohl was die Vergangenheit als auch den geplanten Besuch von Weiterbildungsseminaren in der Zukunft angeht.

Ausbildung: Spitzenreiter USA

Die Skepsis der deutschen Manager gegenüber ihrem eigenen Bildungssystem sowie ihr sehnsuchtsvoller Blick ins Ausland manifestiert sich auch im Länderranking: Das Bildungssystem in den USA ist für knapp 40 Prozent der befragten Top Executives das beste der Welt.

Gründe dafür sind laut Angaben der Befragten die "exzellenten Universitäten", die "Förderung des Wettbewerbsgeistes" sowie die "enge Verbindung von Theorie und Praxis". Das britische Bildungssystem gilt zumindest noch für jeden fünften Manager als vorbildlich, weil es Studenten sehr viel früher als in anderen Ländern auf den Eintritt in den Beruf vorbereitet.

Weit abgeschlagen mit nur 9 Prozent der Nennungen rangieren das deutsche und französische Bildungssystem, das zumindest innerhalb Frankreichs einen hohen Stellenwert genießt. Zu den Vorzügen des deutschen Bildungssystems fällt den meisten Befragten vor allem ein, dass es für alle zugänglich sei, während die französische Ausbildung auch solide, methodische wie philosophische Grundlagen vermittle. Die skandinavischen Länder überzeugen durch ihr gutes Abschneiden im Pisa-Test.

Keine andere der befragten Nationalitäten sieht das jeweils heimische Bildungssystem so kritisch wie die Deutschen: Nur 17 Prozent der deutschen Befragten gaben an, sie seien mit den Leistungen von Schulen und Hochschulen insgesamt zufrieden. Den größten Reformbedarf sehen deutsche Führungskräfte bei den Schulen: 80 Prozent kritisieren die Motivation der Lehrer, 53 Prozent deren Qualifikation.

Folgerichtig wünscht sich nur eine Minderheit der deutschen Topmanager für die eigenen Kinder eine Ausbildung in Deutschland. Nur 40 Prozent präferieren den Besuch einer deutschen Schule, nur 17 Prozent einer hiesigen Universität für ihren Nachwuchs. Die attraktivsten Unis gibt es aus Sicht aller Befragten nach wie vor in den USA.

Auf einen MBA oder auf Berufserfahrung im Ausland allein sollte man sich jedoch nicht verlassen: "Entscheidend ist, wie sich die Führungskraft in den ersten Jahren im Berufsalltag entwickelt und wie sie sich in kritischen Situationen bewährt hat", sagt Johannes von Schmettow, Partner bei Egon Zehnder, im Interview. "Das ist unabhängig vom Einsatzort".



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