SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. Mai 2012, 11:02 Uhr

Geltungsdrang

Die Angebertitel der Wirtschaftselite

Der Skandal um Yahoo-Chef Scott Thompson zeigt ein grundlegendes Problem: Die internationale Wirtschaftselite ist süchtig nach Titeln. In Chefetagen wimmelt es von falschen Abschlüssen, Ehrendoktoren und Honorarkonsuln, manche fälschen gleich ihren Titel. Hereinspaziert ins Panoptikum der Eitelkeit!

Hamburg - Mit der Bescheidenheit ist das so eine Sache. Der französische Maler Paul Cézanne hielt sie für die Eigenschaft, "die vom Bewusstsein der eigenen Macht herrührt"; sein Landsmann, der Schriftsteller Nicolas Chamfort, nannte falsche Bescheidenheit "die schicklichste aller Lügen".

Betrachtet man das Wirken der globalen Managerelite, so scheint beides zu stimmen: Die Herren sind sich meist sehr ihrer Macht bewusst, und das Lügen, das gilt manchen nicht nur in puncto Bescheidenheit für schicklich.

Aktuellstes Beispiel: Yahoo-Chef Scott Thompson. Ein Abschluss in Computerwissenschaften klingt gut, dachte er sich wohl - und gab den Titel in seinem Lebenslauf an. Doch dann petzte ein Kollege, dass das gar nicht stimmt. Thompson entschuldigte sich. Trotzdem ist bei dem Internetkonzern mit dem lila Ausrufezeichen nun die Hölle los, und man fragt sich: Braucht Yahoo schon wieder einen neuen Chef?

Denn die Geschichte zeigt: Mit falschen Akademikertiteln ist in Top-Positionen nicht zu spaßen. Das lernten unlängst Doktorarbeit-Plagiatoren in der Politik, allen voran Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg, der deswegen zurücktreten musste. Das lernten Top-Leute der Wirtschaft, zum Beispiel der Chef der Deutschen-Telekom Tochter T-Venture, Thomas Kühr, der 2005 abdanken musste. Sein Ausscheiden fiel zeitlich mit einem Bericht des manager magazin zusammen; nach dessen Informationen hatte Kühr seinen Doktortitel an einer Schweizer Briefkastenuniversität erworben. Offiziell trat Kühr aus "persönlichen Gründen" zurück. Zum Doktortitel sagte er dem manager magazin: "Ich bin hereingelegt worden."

Von Ehrendoktoren und Honorarkonsuln

Die Titelsucht der Manager hat mit Eitelkeit zu tun - und mit Karrierebewusstsein. Viele Menschen seien "getrieben von dem Wunsch, sich dieses Statussymbol eines Doktortitels an die Brust zu heften", sagte die Berliner Professorin für Medieninformatik, Debora Weber-Wulff, dem manager magazin auf dem Höhepunkt der Plagiatsaffäre. "Gerade in der Wirtschaft wird sehr viel auf diesen Titel gegeben."

Nun ist dreistes Lügen nicht jedermanns Sache. Aber es gibt ja auch weniger rufschädigende Methoden, an klangvolle Titel zu kommen. Zum Beispiel die Ehrendoktorwürde, die unter anderem Ex-AWD-Manager Carsten Maschmeyer von der Universität Hildesheim verliehen bekam. "Für ausgezeichnete Verdienste um die Förderung der Wissenschaften", wie es hieß. Kurz zuvor hatte Maschmeyer der Uni eine halbe Million Euro gespendet.

Etwas altbacken, bei Unternehmern aber noch schwer in Mode, ist die Auszeichnung als Honorarkonsul. Der Titel ist zwar nicht zu viel mehr gut als zum Strafzettel-Wegdrücken, und er rockt irgendwie nicht mehr so sehr, seit selbst Leute wie die Düsseldorfer Society-Dame Ute Ohoven Honorarkonsuln des Senegal werden. Dennoch schätzen viele den Klang der Weitläufigkeit, der im Titel mitschwingt.

Ehrendoktor, Honorarkonsul, Titelbetrüger - SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Beispiele.

ssu

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH