Geltungsdrang: Die Angebertitel der Wirtschaftselite

Der Skandal um Yahoo-Chef Scott Thompson zeigt ein grundlegendes Problem: Die internationale Wirtschaftselite ist süchtig nach Titeln. In Chefetagen wimmelt es von falschen Abschlüssen, Ehrendoktoren und Honorarkonsuln, manche fälschen gleich ihren Titel. Hereinspaziert ins Panoptikum der Eitelkeit!

Fotostrecke: Die titelsüchtigen Manager Fotos
DPA

Hamburg - Mit der Bescheidenheit ist das so eine Sache. Der französische Maler Paul Cézanne hielt sie für die Eigenschaft, "die vom Bewusstsein der eigenen Macht herrührt"; sein Landsmann, der Schriftsteller Nicolas Chamfort, nannte falsche Bescheidenheit "die schicklichste aller Lügen".

Betrachtet man das Wirken der globalen Managerelite, so scheint beides zu stimmen: Die Herren sind sich meist sehr ihrer Macht bewusst, und das Lügen, das gilt manchen nicht nur in puncto Bescheidenheit für schicklich.

Aktuellstes Beispiel: Yahoo-Chef Scott Thompson. Ein Abschluss in Computerwissenschaften klingt gut, dachte er sich wohl - und gab den Titel in seinem Lebenslauf an. Doch dann petzte ein Kollege, dass das gar nicht stimmt. Thompson entschuldigte sich. Trotzdem ist bei dem Internetkonzern mit dem lila Ausrufezeichen nun die Hölle los, und man fragt sich: Braucht Yahoo schon wieder einen neuen Chef?

Denn die Geschichte zeigt: Mit falschen Akademikertiteln ist in Top-Positionen nicht zu spaßen. Das lernten unlängst Doktorarbeit-Plagiatoren in der Politik, allen voran Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg, der deswegen zurücktreten musste. Das lernten Top-Leute der Wirtschaft, zum Beispiel der Chef der Deutschen-Telekom Tochter T-Venture, Thomas Kühr, der 2005 abdanken musste. Sein Ausscheiden fiel zeitlich mit einem Bericht des manager magazin zusammen; nach dessen Informationen hatte Kühr seinen Doktortitel an einer Schweizer Briefkastenuniversität erworben. Offiziell trat Kühr aus "persönlichen Gründen" zurück. Zum Doktortitel sagte er dem manager magazin: "Ich bin hereingelegt worden."

Von Ehrendoktoren und Honorarkonsuln

Die Titelsucht der Manager hat mit Eitelkeit zu tun - und mit Karrierebewusstsein. Viele Menschen seien "getrieben von dem Wunsch, sich dieses Statussymbol eines Doktortitels an die Brust zu heften", sagte die Berliner Professorin für Medieninformatik, Debora Weber-Wulff, dem manager magazin auf dem Höhepunkt der Plagiatsaffäre. "Gerade in der Wirtschaft wird sehr viel auf diesen Titel gegeben."

Nun ist dreistes Lügen nicht jedermanns Sache. Aber es gibt ja auch weniger rufschädigende Methoden, an klangvolle Titel zu kommen. Zum Beispiel die Ehrendoktorwürde, die unter anderem Ex-AWD-Manager Carsten Maschmeyer von der Universität Hildesheim verliehen bekam. "Für ausgezeichnete Verdienste um die Förderung der Wissenschaften", wie es hieß. Kurz zuvor hatte Maschmeyer der Uni eine halbe Million Euro gespendet.

Etwas altbacken, bei Unternehmern aber noch schwer in Mode, ist die Auszeichnung als Honorarkonsul. Der Titel ist zwar nicht zu viel mehr gut als zum Strafzettel-Wegdrücken, und er rockt irgendwie nicht mehr so sehr, seit selbst Leute wie die Düsseldorfer Society-Dame Ute Ohoven Honorarkonsuln des Senegal werden. Dennoch schätzen viele den Klang der Weitläufigkeit, der im Titel mitschwingt.

Ehrendoktor, Honorarkonsul, Titelbetrüger - SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Beispiele.

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insgesamt 84 Beiträge
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1. Lichtblick
bildungsarbeiter 12.05.2012
Es wäre alles halb so schlimm, wenn die angesprochenen Titelsüchtigen davon einfach nur profitieren würden - de facto schädigen sie aber das System Wissenschaft und alle, die ernsthaft promovieren und deren Dissertationen zumindest handwerklich den Gepflogenheiten wissenschaftlicher Redlichkeit entsprechen. Wer den Doktortitel verliehen bekommen hat, kann damit jenseits der Universitäten (noch) wuchern. Doktor = Doktor, es sei denn man möchte in der Wissenschaft Karriere machen, aber darum geht es diesen Leuten ja nicht. Die so genannten "Plagiatsjäger" (!sic) sind eine durchaus folgerichtige Erscheinung dieses pervertierten Zeitgeists. Sie lassen mit genauem Nachlesen und ausgeprägter Expertise (shavanplag ist hier beispielhaft zu nennen) die Luft aus so manchem Aufgeblähten heraus. Immer häufiger tun sie das mit Erfolg. Sie zwingen die Universitäten, ihrem Titel-Verleih-Monopol gerecht zu werden. Und in der Mehrzahl der bekannten Fälle werden die zu unrecht verliehenen Titel kassiert. Das wird sich unter Politikern und Wirtschaftsbossen herumgesprochen haben. Aber auch unter Doktorväter und Promotionsausschüssen. Es kann und wird also besser werden.
2.
liberalliberal 12.05.2012
bedenklich bleibt, dass seelenlose und zugleich geistlose spenden quasi gleichgesetzt werden mit verdiensten um und an der wissenschaft. jedermann verbindet selbst mit dem ehrendoktor mehr persönlichen einsatzt, auch von geist und intelligenz zu gunsten der wissenschaften als eine schnöde geldspende. man wei?: ab einer bestimmten vermögenslage bedeutet dies nicht mehr als eine kleine unterschrift auf scheck oder überweisungsträgerl, ohne persönlichen einsatz oder verzicht. als kreativem menschen fällt mir da doch gleich eine neue geschäftsidee mit praktischer umsetzungsanleitung ein, werlche einträglich und transparent zugleich wäre: veröffentlichung einer angebotsliste mit preisblatt, zugänglich für ALLE. also demokratisch. bachelors, master und diplome ab 100.000€, professorentitel ab 200.000€. differenziert nach fakultät und uni.
3. optional
Kommentarschreiber 12.05.2012
"Niki Lauda: Einen nicht ganz so prestigeträchtigen Titel erschummelte sich der Ex-Rennfahrer. Als Kind manipulierte er sein Abiturzeugnis - um schneller mit dem Autofahren anfangen zu können. Er hielt seinen Eltern einfach das Zeugnis eines anderen unter die Nase - dessen Namen hatte er mit Tintenkiller ausgelöscht." Aha. Niki Lauda hat sich also das Originalabiturzeugnis eines Anderen geliehen und den Namen per Tintenkiller gelöscht? Alles klar..
4. In diesem Zusammenhang schießt immernoch der Herr Prof. Dr. h. c. mult.
bigpeng 12.05.2012
Zitat von sysopDer Skandal um Yahoo-Chef Scott Thompson zeigt ein grundlegendes Problem: Die internationale Wirtschaftselite ist süchtig nach Titeln. In Chefetagen wimmelt es von falschen Abschlüssen, Ehrendoktoren und Honorarkonsuln, manche fälschen gleich ihren Titel. Hereinspaziert ins Panoptikum der Eitelkeit! Manager Titel: Scott Thompson, Udo Klein-Bölting, Michael Träm - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,832200,00.html)
...Joseph Martin Fischer ("Joschka") den Vogel ab, ein "Intellektueller" also OHNE Schul-, Ausbildungs- bzw. Berufsabschluß. Solche Leute finden sich leider nicht nur in Politik und Management wieder, sondern zum Teil auch in den Medien. Da sind wir nun bei dem Kernproblem schlechthin! GENAU DAS erklärt doch messerscharf diese hundsmiserable Situation nicht nur in D, sondern auch in der gesamten EU. Ein Narr, wer sich Glauben macht, DIESE Leute könnten für die gesamte total verfahrene Situation mustergültige Problemlösungen anbieten. Schaut man sich die Reputationen und Referenzen dieser Leute an, dann wird einem ununterbrochen nur noch schlecht.
5. Ein Doktortitel
Dumme Fragen 12.05.2012
Ein Doktortitel ist harte Arbeit, oder zumindestens eine Fleißarbeit über mehrere Jahre. In dieser Zeit haben die Mitglieder der Wirtschaftselite ihre Karrieren gemacht. Also sollen sie sich nicht beschweren. Man muß sich entscheiden - Geld oder Wissenschaft!
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