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Markt und Moral: Wettbewerb ist janusköpfig

Seit Ausbruch der Finanzkrise häufen sich die Forderungen nach strengen Gesetzen. Der Münchner Philosophie-Professor Karl Homann skizziert die Grundsätze, wie solche Regeln zu formulieren wären - ohne den wichtigen Wettbewerb abzuwürgen.

Die Finanzkrise hat in aller Welt helle Empörung ausgelöst. Am Pranger stehen seitdem gierige Manager, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre eigenen Ziele verfolgten und sich um die Folgen für die Allgemeinheit nicht scherten. Die Beteiligten lösten also nicht nur einen handfesten Wirtschaftsabschwung mit unermesslichen finanziellen Schäden aus - sie ließen auch erneut die Frage aufkommen, ob der Kapitalismus moralisch akzeptabel ist.

Börsenhändler: Wie bei der Kasko-Versicherung für das Auto
REUTERS

Börsenhändler: Wie bei der Kasko-Versicherung für das Auto

Inzwischen ist die moralische Entrüstung zwar einer nüchterneren Analyse der Ursachen gewichen: Sie werden jetzt nicht mehr in den Motiven der handelnden Personen, sondern eher in Defiziten des Finanzmarktes gesehen. Gleichwohl bleibt die Frage: Wie lässt sich das System so gestalten, dass auch die ethischen Grundsätze unserer Gesellschaft zur Geltung kommen?

Die Frage ist nur auf den ersten Blick einfach zu beantworten. Denn eine der zentralen Ursachen der Misere ist der Wettbewerb - ein Aspekt, der in der bisherigen Diskussion zu kurz gekommen ist. Dies ist für die Ethik von besonderer Bedeutung, weil die grundlegenden Werte unserer Kultur vor dem Hintergrund vormoderner Gesellschaften entwickelt worden sind, von Gesellschaften also, die den Wettbewerb als Systemimperativ nicht kannten.

Natürlich hat es auch schon in der Vormoderne Wettbewerb in einer quasi "natürlichen" Form gegeben. Aber in der Marktwirtschaft erlangt der Wettbewerb den Status eines Funktionsimperativs für die ganze Wirtschaft. Das bedeutet, dass sich niemand auf dem Erreichten ausruhen können soll, weil er immer damit rechnen muss, dass andere ihn morgen überholen. Dies zwingt jeden Einzelnen dazu, jederzeit, unablässig und präventiv so viele Potentiale aufzubauen wie irgend möglich. Potentiale an Macht, Geld, Wissen, Stärke, Beziehungen, um sein langfristiges Überleben, seine Selbständigkeit zu sichern. Im Wettbewerb kann sich ein Unternehmen dem Funktionsimperativ der nachhaltigen Shareholder-Value-Maximierung ebenso wenig wie der Stakeholder-Orientierung entziehen. Für moralisch motivierte Vor- und Mehrleistungen, die nicht kompensiert werden, lässt die Wettbewerbslogik daher keinen Raum.

Karl Marx hatte diese Logik klar erkannt und daraus den Schluss gezogen, den Wettbewerb abzuschaffen. Dieses Experiment ist 1989 wohl endgültig gescheitert. Dem Wettbewerb verdanken die Menschen ihren Wohlstand in dem weiten Sinn, der unter anderem auch Bildung, höhere Lebenserwartung, kulturelle Erfahrungen mit einschließt. Es ist der Wettbewerb, der für gute, preiswerte, innovative Produkte und Dienstleistungen und für die schnelle Diffusion guter Problemlösungen sorgt sowie für den Abbau von Machtpositionen, die im Wettbewerb immer wieder mal entstehen.

Seit jeher finden in der Marktwirtschaft moralische Kategorien Eingang in die Regelwerke des Wirtschaftslebens. Regeln stellen den Wettbewerb über bestimmte Parameter wie zum Beispiel Betrug, Diebstahl, Vertragsbruch, Umweltverschmutzung still, um ihn über andere Parameter wie Qualität, Kosten und Innovation richtig zu entfesseln. Die Moral liegt dann in den Spiel-Regeln, und der Wettbewerb findet in den Spiel-Zügen statt.

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