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Markteinbruch: Der Jetset spart sich Luxusweine

Von , Frankfurt am Main

Es waren Verhältnisse wie auf dem US-Immobilienmarkt: Die Preise für Spitzenweine kletterten zuletzt in schwindelerregende Höhen. Das Getränk wurde Statussymbol und Spekulationsobjekt. Doch jetzt ist der Markt eingebrochen. Kenner hoffen auf eine Rückkehr zum Wesentlichen: dem Genuss.

Frankfurt am Main - Aus dem Glas quillt muffiger Geruch, in der rostroten Flüssigkeit schwimmen ein paar Fetzen Kork. Jan-Eric Paulson aber schaut versonnen, wenn es um den 1959er Burgund Volnay geht. "Ich spüre Kaffee", sagt er. Begeisterung liegt in seiner Stimme. Seine Tochter schmecke eher Portwein und Marmelade, fachsimpelt Paulson, aber ja, natürlich dürfe man den Wein auch muffig finden. Das sei doch "das Großartige", dass Geschmäcker unterschiedlich sind.

Es sind solche Momente, in denen Jan-Eric Paulson sich ganz der Leidenschaft hingibt, egal, wo er gerade ist - und der Weinhändler mit der braunen Hornbrille sieht dann nicht so aus, als würde ihn die Krise sonderlich berühren.

Dabei sieht es schlecht aus, auch für ihn. Paulson, einer der Renommiertesten seiner Branche, hat vor Jahren zwei Weinfonds aufgelegt. Für jeden sammelte der Schwede an die eine Million Euro ein, dann ging er auf Raritätenjagd. Füllte seine Keller in der Hoffnung auf satte Preissteigerungen mit roten und weißen Schätzen. Nun steht einer der Fonds kurz vor der Auflösung. Und Paulson überlegt, die Investoren um Fristverlängerung zu bitten. "Verkaufen macht keinen Sinn in dieser Zeit."

Dabei schien die Weinlust des Jetsets lange unstillbar. "Es gab einfach sehr viel Geld. Viele Leute wussten gar nicht, wohin damit", sagt Paulson. Vor allem in den letzten Jahren gab es kein Halten mehr: Investmentbanker, Hedge-Fonds- und Private-Equity-Manager blätterten mit leichter Hand ein paar Tausend Euro für eine Flasche Petrus hin. Eine gute Bewertung vom Wein-Guru Robert Parker - und der Preis schoss in die Höhe.

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Auch russische Oligarchen und zu Reichtum gekommene Chinesen entdeckten die edlen Tropfen aus dem Westen - eine Flasche Lafite-Rothschild gilt in Asien als Statussymbol. "Wenn das Etikett zerrissen oder verschmutzt ist, ist ein Wein gleich 20 bis 30 Prozent weniger wert", sagt Paulson über den asiatischen Markt. Das gelte auch für Flaschen, die 40 Jahre im Keller lagen.

Paulson ist ein zurückhaltender Mann, er würde als britischer Landlord jeden Rosamunde-Pilcher-Film schmücken. Silbernes gewelltes Haar, braune Cordhose, Tweed-Sakko. In der Brusttasche steckt ein weinrotes Tuch mit hellen Punkten. Einer, der dem Wein aus Leidenschaft verfallen ist, könnte man meinen. Keiner, der den ersten Schluck demonstrativ schmatzend und gurgelnd durch jeden Winkel des Rachens spült.

Wie auf dem amerikanischen Immobilienmarkt sei es in der Branche zuletzt zugegangen, sagt Paulson. Wein sei zum Spekulationsobjekt verkommen. "Viele Leute haben die Flaschen gar nicht mehr gekauft, um sie zu trinken", sagt der Zahnarzt, der sein Hobby vor zwei Jahrzehnten zum Beruf machte. Es klingt ein wenig empört. Schon "en primeur", also noch während der Wein in den Fässern reifte, wurden hohe Summen gezahlt für vielversprechende Produkte bekannter Güter. Eine Wette auf die Zukunft.

"Der Markt ist mehr oder weniger tot"

"Ich mag Wein als Kapitalanlage nicht", sagt Paulson. Freilich hinderte ihn das nicht daran, für seine Fonds Renditen von zehn bis 15 Prozent in Aussicht zu stellen. So seien eben die Zeiten gewesen, verteidigt sich Paulson. Auch er hat sich wohl ein bisschen mitreißen lassen damals, als so mancher Sammler von guten Flaschen wie besessen schien. Einmal ließ ihn ein Kunde extra nach Hongkong einfliegen, zahlte zusätzlich drei Übernachtungen für Paulson, um seine Flaschen zu bekommen. Sicher: Die Importsteuern wären noch teurer gewesen.

Das erste Drittel seines Fondsbestands stieß Paulson noch vor dem großen Einbruch ab - für das Doppelte des Einkaufspreises. Die 320 Flaschen Lafite, Jahrgang 86, die Paulson für je 240 Euro bekommen hatte, brachten sogar pro Stück 850 Euro ein. Doch danach ging es abwärts. "Der Markt ist mehr oder weniger tot", sagt Paulson über die aktuelle Situation.

Auf den ersten Blick scheint das maßlos übertrieben. Der Londoner Liv-ex 100, das Preisbarometer für edle Marken, ist seit Juni vergangenen Jahres um 20 Prozent eingebrochen - nur, könnte man sagen. "Im Vergleich zum normalen Aktienmarkt ist das wenig", sagt Frank Schallenberger, Weinliebhaber und Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Auch die "alten Meister" erzielen noch ihre Preise, wie Michael Unger, Partner beim Auktionshaus Koppe&Partner bestätigt. Bei der letzten Versteigerung wurde eine 1,5-Liter-Bouteille 1982er Château Lafite Rothschild für 2500 Euro verkauft, ein Romanée Conti wechselte für 3300 Euro den Besitzer.

"Vor einem Jahr hätten wir mehr bekommen", sagt aber auch Unger. Und die vermeintliche Stabilität des Marktes ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass Händler und Produzenten ihre Schätze lieber bunkern, als im Preis runterzugehen. "Der Markt trocknet aus", sagt Unger. Eine Preissenkung wäre ein Eingeständnis. "In der Branche ist viel Eitelkeit", sagt Paulson.

"Rückkehr zu trinkreifen Weinen"

Doch irgendwann muss sie sich der Realität stellen. Weitere Einbrüche bei den Preisen seien deshalb nicht auszuschließen, sagt Schallenberger. Und am Ende der Krise wird wohl auch die Welt der Spitzenweine nicht mehr so sein, wie sie einmal war.

Die wirklich großen Jahrgänge werden bald wieder Rekordpreise erzielen, sagen viele Experten. "Das Angebot wird ja immer knapper", sagt Auktionator Unger - irgendwann wird jede Flasche nun einmal getrunken. Vielleicht haben auch Sorten, die bislang im Rummel um die großen französischen Weingüter untergingen, künftig bessere Chancen. "Deutsche Weinlagen sind extrem unterbewertet", glaubt etwa Paulson.

Die Preise junger Jahrgänge werden auf absehbare Zeit aber wohl nicht mehr das Niveau vergangener Jahre erreichen, heißt es in der Branche. Bei deren Kauf wird schließlich auf eine ungewisse Zukunft gewettet - gut ist ein Wein erst, wenn er mehrere Jahre gereift ist. Aber wer kann schon am Anfang sagen, ob er sich wirklich entwickelt wie gewünscht? Die Lust am Spekulieren ist aber auch Weinfans vorerst vergangen.

Händler Paulson findet das hocherfreulich. Er setzt auf eine Rückkehr zu den eigentlichen Werten, "zu den trinkreifen Weinen", wie er sagt. Denn darum ginge es doch letztlich: Um den Genuss.

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