Martin Shkreli Das ist der "meistgehasste Mann des Internets"

Martin Shkreli erlangte weltweite Bekanntheit und Verachtung, als er den Preis eines lebenswichtigen Medikaments über Nacht um 5000 Prozent erhöhte. Nun wurde der 34-Jährige wegen Finanzbetrugs schuldig gesprochen. Wer ist der Mann?

Martin Shkreli (vorn)
AFP

Martin Shkreli (vorn)


Es gibt sympathische Menschen. Und es gibt Martin Shkreli. Der 34-Jährige hat nach seiner Verurteilung wegen Finanzbetrugs einmal mehr unter Beweis gestellt, warum er einst als "meistgehasster Mann der USA" und "meistgehasster Mann des Internets" betitelt wurde.

Nicht mal eine Stunde nach der Jury-Entscheidung meldete sich Shkreli, der in dem Prozess seine Aussage verweigert hatte, aus seinem New Yorker Apartment zu Wort - via Internet-Livestream. "Es scheint nicht so, als ob sich das Leben für Martin Shkreli groß ändern wird", sagte er, trank dabei Bier und spielte mit seiner Katze. "Ich bin einer der reichsten New Yorker. Und nach dem heutigen Ergebnis wird das auch so bleiben."

In der Tat kam der US-Pharma- und Hedgefondsmanager mit dem Urteil eines New Yorker Bundesgerichts relativ glimpflich davon. Er musste sich in acht Anklagepunkten wegen des Vorwurfs verantworten, elf Millionen Dollar aus der von ihm gegründeten Biotech-Firma Retrophin abgezweigt zu haben, um die Investoren auszuzahlen, die durch seine Hedgefonds Geld verloren hatten.

Die Jury verwarf fünf der acht Anklagepunkte, darunter einen besonders gravierenden Vorwurf der Verschwörung zum Betrug mithilfe von Telekommunikationsmitteln. Sie befand Shkreli für schuldig, durch Aktienmanipulationen den Wert der beiden von ihm früher geleiteten Hedgefonds - MSMB Capital Management und MSMB Healthcare Management - aufgebläht zu haben.

Wer ist dieser Martin Shkreli?

Verteidiger Ben Brafman stellte seinen Mandanten als ein etwas verstörtes Genie dar. Shkreli habe zwei Jahre lang im Schlafsack im Büro campiert, um eigenständig ein erfolgreiches pharmazeutisches Unternehmen aufzubauen, damit er seine Investoren auszahlen konnte.

Sein Lebenslauf "liest sich wie der eines Wunderkinds", schrieb das "Manager Magazin" einst über Shkreli. Demnach kaufte er im Alter von zwölf Jahren seine ersten Aktien. "Als Kind kannten meine Freunde die Spielstatistiken aller Yankees- und Mets-Spieler und wie viele Home-Runs sie geschlagen haben. Ich wusste alles über börsennotierte Unternehmen."

Mit 16 begann er als Praktikant bei Star-Investor Jim Cramer - und sorgte erstmals für Aufsehen. Auf seine Empfehlung hin spekulierte das Unternehmen erfolgreich auf sinkende Kurse einer Biotech-Aktie. Der Börsenaufsicht SEC kam der Deal allerdings merkwürdig vor. Shkreli stand im Alter von 19 Jahren im Fokus der Ermittler, die jedoch keine illegalen Aktivitäten feststellen konnten.

2011 wurde Shkreli, damals 29, zum Biotech-Unternehmer. Er gründete Retrophin, ein Unternehmen, mit dem er Therapieverfahren für seltene Krankheiten entwickeln wollte. Im Herbst 2014 entledigte sich Retrophin seines Chefs - und verklagte ihn anschließend: Shkreli habe das Unternehmen allein aus dem Grund gegründet und an die Börse gebracht, um mit den Aktien die Investoren seines mittlerweile insolventen Investmentfonds MSMB auszuzahlen.

Preissteigerung von 5000 Prozent über Nacht

Weltweite Bekanntheit und Verachtung erlangte Shkreli im September 2015. Als damaliger Chef der Firma Turing Pharmaceuticals nutzte er die Rechte an dem Medikament Daraprim, das unter anderem Aids-Patienten benötigen, und hob den Preis schlagartig an - um mehr als das 50-fache, von 13,50 Dollar pro Pille auf 750 Dollar. Shkrelis erst im Februar 2015 gegründete Firma hatte das Medikament nicht einmal selbst entwickelt, sondern die Rechte daran einen Monat vor der Preiserhöhung gekauft. Seither gilt er als skrupelloser Vertreter eines Raubtierkapitalismus.

Alle Kritik an der drastischen Preiserhöhung ließ Shkreli großspurig abperlen. Einen Journalisten, der von ihm den Grund für den Preisanstieg wissen wollte, nannte er einen Schwachkopf ("moron"). Kritische Tweets beantwortet er mit einem Stinkefinger-Zitat aus einem Lied des US-Rappers Eminem.

Auch als die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ihn zu überreden versuchte, den Preis für Daraprim wieder zu senken, antwortete Shkreli per Twitter. "lol", schrieb er dort, kurz für "laughing out loud", lautes Gelächter also.

"Was sagen Sie einer schwangeren, aidskranken Frau?"

Auch im Februar 2016 tat Shkreli alles dafür, den Hass der Amerikaner auf seine Person anzufachen - bei seiner Anhörung vor dem Kongress. Während die Abgeordneten tragische Szenarien leidender Familien entwarfen, saß Shkreli ihnen lässig gegenüber und grinste so breit, dass einem Abgeordneten schließlich der Kragen platzte: "Das ist hier kein Spaß, Herr Shkreli. Menschen sterben gerade."

Was er von den Abgeordneten hält, hatte Shkreli schon vor der Anhörung auf Twitter überdeutlich gemacht: "Es ist hart zu akzeptieren, dass diese Schwachköpfe das Volk in unserer Regierung repräsentieren."

Nach der Anklage gegen ihn im Dezember 2015 war Shkreli gegen Kaution aus dem Gefängnis freigekommen, seinen Chefposten bei Turing musste er abgeben. Nun steht noch die Entscheidung über das Strafmaß aus.

Mit der Anklage hatte Shkreli eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren gedroht, das scheint nach der Jury-Entscheidung unwahrscheinlich. Doch möglicherweise wirkt sich seine Großmäuligkeit nachteilig auf die Höhe der Strafe aus - das vermuten zumindest Rechtsexperten. Richterin Kiyo Matsumoto werde diesen Mangel an Reue bei ihrer Entscheidung berücksichtigen, sagte der ehemalige Bundesanwalt Matthew Schwartz.

Sich nach einem Schuldspruch öffentlich so zu äußern - dabei könne nichts Gutes herumkommen, sagte auch der ehemalige Staatsanwalt Robert Mintz. "Das ist genau das Verhalten, das ihn überhaupt erst in Schwierigkeiten gebracht hat."

Die letzten Worte der Richterin ließen noch keine Rückschlüsse auf das Strafmaß zu. "Alles Gute, Mister Shkreli", sagte Matsumoto. "Bis bald."

wit/AP/AFP



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